Jugendanwalt: "Es war eine schwierige Zeit"

Der mittlerweile pensionierte Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber nimmt nach über einem Jahr erstmals öffentlich Stellung zum Fall "Carlos". Im am Donnerstag ausgestrahlten Dok-Film "Zwischen Recht und Gerechtigkeit" von Schweizer Radio und Fernsehen SRF sagt Gürber, dass er sich von seinen Vorgesetzten im Stich gelassen gefühlt hat.

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"Carlos" bei seinem grossen Hobby, dem Thaiboxen. (Bild: Archiv/Keystone)

"Carlos" bei seinem grossen Hobby, dem Thaiboxen. (Bild: Archiv/Keystone)

Mit der Reporter-Sendung "Der Jugendanwalt" von SRF am 25. August 2013 nahm der Fall "Carlos" seinen Anfang. Filmemacher Hanspeter Bäni porträtierte darin Hansueli Gürber. Dieser präsentierte den damals 17-jährigen Straftäter "Carlos" und dessen Sondersetting, das monatlich 29'000 Franken kostete.

Auf freien Fuss gesetzt
Die Sendung löste einen Sturm der Entrüstung aus, das Sondersetting wurde abgebrochen, "Carlos" ins Gefängnis eingesperrt, später ein weiteres − billigeres − Sondersetting eingerichtet, das nach kurzer Zeit aber wieder abgebrochen und "Carlos" auf freien Fuss gesetzt wurde. Gegen 1000 Artikel sind zum Fall "Carlos" in den Medien erschienen. Nun hat Bäni zusammen mit Simon Christen einen Nachfolge-Film zur Reporter-Sendung gemacht. Der Dok-Film "Zwischen Recht und Gerechtigkeit" thematisiert noch einmal den Fall "Carlos", zeigt aber auch anhand von anderen Jugendstraftätern und Einrichtungen die Hintergründe des Jugendstrafrechts in der Schweiz.

"Sehr schwierige Zeit"
Erstmals in der Öffentlichkeit äussert sich darin Jugendanwalt Gürber, der nach Bekanntwerden des Sondersettings von seinen Vorgesetzten einen Maulkorb verpasst bekommen hatte. Gürber bezeichnet die Zeit als "sehr schwierig". Auf die Frage, ob er sich von seinen Vorgesetzten im Stich gelassen fühlte, meint er: "Das kann man schon so sagen."

Sondersetting als letzte Möglichkeit
Gürber bedauert zudem, dass seine Vorgesetzten es verpassten, sich trotz der öffentlichen Kritik hinter die Massnahme zu stellen. Der ehemalige Leiter der Jugendanwaltschaft der Stadt Zürich hatte in seiner Karriere gerade mal zwei Sondersettings eingerichtet.

Wie es "Carlos" heute geht, beantwortet der Film nicht. Gemäss einem Interview im "Tages-Anzeiger" vom Donnerstag hat Hanspeter Bäni keinen direkten Kontakt mehr mit dem Jugendlichen. Auf die Frage, ob sich Bäni mitverantwortlich fühlt für das Schicksal von "Carlos", antwortet er: "Sicher nicht für seinen Werdegang. Aber ich habe über ihn berichtet und einen Hype ausgelöst, den ich nicht mehr beeinflussen konnte."

Gemäss Bäni geht es beim neuen Dok nicht um eine Wiedergutmachung. "Die Medien haben die Aufgabe, relevante Themen darzustellen. Insofern habe ich auch kein schlechtes Gewissen." (sda)