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Judenzaun, Asylantenzaun

Seesicht Wo heute die Schweizer einkaufen, versperrt in den dunklen Jahren vor und im Zweiten Weltkrieg Stacheldraht den Weg. Menschen versuchen zu fliehen, werden verhaftet oder auch zurückgeschickt. Das alles kann man noch sehen – an einer Grenze, die durchlässig geworden ist. Rolf App

Hitlers markige Stimme tönt gerade aus dem Volksempfänger, als der Konstanzer Zollbeamte Xaver Reitlinger nach draussen schaut. Leichter Nebel liegt, er sieht den Maschenzaun, der die Grenze nach Kreuzlingen hin absperrt. Und er sieht einen Mann. «Ich glaub, ich hab mich verlaufen», sagt der, als Reitlinger ihn stellt.

Ein Mann namens Georg Elser

Ein längst abgelaufener Ausweis identifiziert ihn als Georg Elser. An seiner Jacke findet sich eine Anstecknadel des Rotkämpferbundes und in seinen Taschen diverse Metallteile und eine Karte vom Münchner Bürgerbräukeller. Dort hat an diesem 8. November 1939 Hitler eine Rede gehalten, dann verlässt der Diktator schon früh den Saal. Hitler muss zurück nach Berlin, dort widersetzen sich die Generäle seinem Plan eines Westfeldzugs. Als er um halb zehn gerade den Zug besteigt, detoniert die Bombe und reisst acht Menschen in den Tod. Es ist Georg Elsers Bombe.

Natürlich fällt der Verdacht rasch auf den Mann mit den Metallteilen in der Tasche und der Karte vom Bürgerbräukeller. Elser ist von Beruf Schreiner, jahrelang hat er in Konstanz gelebt, er kennt die Fluchtmöglichkeiten. Trotzdem sagt Arnulf Moser: «Der Ort war schlecht gewählt, dieser Abschnitt war viel zu gut bewacht. Unten im Tägermoos wäre es sehr viel einfacher gewesen. Da sind wir dann später noch.»

Arnulf Moser geht gegen die siebzig, bis zu seiner Pensionierung war er Lehrer und hat in mehreren Büchern die Beziehungen zwischen Konstanz und Kreuzlingen und die Geschichte einer Grenze erforscht, die man heute leicht passieren kann.

An der Schwedenschanze

Viel hat sich verändert, doch der Zaun ist noch da. Wir betreten den Garten des Wessenberg'schen Kinderheims. Draussen erinnert eine Plakette an Georg Elser, hier drinnen steht ein kleines Denkmal, der Bildhauer Markus Daum hat es gestaltet. Schwedenschanze heisst der Ort auch, auf der andern Seite liegt die Grenzstrasse. Heute liegt sie auf Schweizer Gebiet, bis 1937 war das Trottoir deutsch und die Strasse schweizerisch. Wie leicht hätte man da fliehen können…

«Früher befand sich hier die Stadtbefestigung», erklärt Arnulf Moser, «und im Dreissigjährigen Krieg, als die Schweden die Stadt belagerten, hat man hinübergeschossen und das Kreuzlinger Kloster niedergebrannt. Deshalb der Name.» Und wo sich heute die Stadt Kreuzlingen erstreckt, da war früher gewissermassen der nur locker besiedelte Konstanzer Vorgarten – und auch das Schussfeld seiner Kanonen.

Zweifel am Einzeltäter

Vierzehn Tage dauern die Verhöre, bis der schwer misshandelte Georg Elser seine Tat gesteht. «Man wollte es ihm nicht glauben, dass er ein Einzeltäter war.» Elser habe im Konzentrationslager so lange überleben können, «weil man noch immer hoffte, auf irgendwelche Hintermänner zu stossen. Man hat ihn sich aufgespart für einen Schauprozess». Nur wenige Wochen vor Kriegsende hat man ihn dann umgebracht, und danach hat es lange gedauert, bis Elser jene Anerkennung bekam, die er verdient hat.

Der Krieg bedeutet einen tiefen Einschnitt in die über lange Jahrhunderte freundnachbarlichen Beziehungen der beiden Städte. Nur an wenigen Orten kommen sich das nationalsozialistische Deutschland und die um ihr Überleben bangende Schweiz so nah wie hier.

Strom, Gas, Arbeit

Bedrohlich nah, wenn man an den Sommer 1940 denkt, als die Schweiz jeden Moment mit einem Angriff rechnet und die wohlhabenden Kreuzlinger sich ins Landesinnere flüchten, während die Stadt an der Grenze schutzlos ausgeliefert wäre. Da sind die Nerven zum Zerreissen gespannt.

Eng sind beide Städte schon damals ineinander verflochten. Auch wirtschaftlich: Kreuzlinger gehen nach Konstanz arbeiten oder haben dort sogar ihre Geschäfte, Konstanzer pendeln nach Kreuzlingen. Man liefert sich sogar Strom und Gas. Als die Juden auf der Konstanzer Seite mehr und mehr bedrängt werden, wechseln auch ein paar jüdische Kinder die Seite und besuchen in Kreuzlingen die Schule.

Wir passieren das Hauptzollamt und biegen in eine kleine Strasse ein, die zum Einkaufszentrum Lago führt. Es ist die Otto-Raggenbass-Strasse. «Ein heute umstrittener Name», sagt Arnulf Moser, «man hat denn auch schon über eine Umbenennung diskutiert.» Otto Raggenbass, Kreuzlinger Bezirksstatthalter in dieser Zeit, streicht in seinen Erinnerungen zwar ziemlich übertrieben jene Rolle hervor, die er im April 1945 als Vermittler bei der kampflosen Übergabe von Konstanz an die Franzosen spielte. Über die Juden verliert er aber kein Wort.

Der Streit um Otto Raggenbass

Als Chef des Kantonspolizeipostens hat er täglich mit ihnen zu tun, und was den Umgang mit ihnen angeht, so ist er ein sehr treuer Diener des Polizeikommandanten Ernst Haudenschild und seines Vorgesetzten, Regierungsrat Paul Altwegg. Zurückschicken lautet hier im Thurgau die Devise, während in St. Gallen Polizeikommandant Paul Grüninger seinen Posten riskiert, indem er Flüchtlingen hilft.

Nach dem Krieg werden die meisten Akten vernichtet, im Falle der bereits erwähnten deutsch-jüdischen Schüler aber deckt ein sehr aufschlussreiches Buch zur Geschichte Kreuzlingens Rolle und Geisteshaltung der Behörden auf. Im September 1938 macht die kantonale Fremdenpolizei Druck, die Schulbehörden aber widersetzen sich dem Ansinnen, ihre jüdischen Schüler nach Konstanz zurückzuschicken.

«Unvorteilhaft abfärben»

Haudenschild weiss, dass in Deutschland die Judenverfolgung brutale Ausmasse angenommen hat, gerade deshalb wird er vorstellig. Er fürchtet, die Kinder könnten in Kreuzlingen bleiben. Auch Otto Raggenbass schaltet sich ein. Die «ausländischen Kinder» könnten «unvorteilhaft abfärben», befürchtet er – von «Überfremdung» ist oft die Rede in dieser Zeit, und immer schwingt ein mehr oder weniger ausgeprägter Antisemitismus mit. Und obwohl die erst in den Zwanzigerjahren zu Kreuzlingen fusionierten Gemeinden ihre rasante Entwicklung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wesentlich dem Zuzug von aussen verdanken, werden die Grenzgänger zum heiss diskutierten Thema.

Nur wenige überleben

1940 werden alle Konstanzer Juden – Alte und Kranke, Frauen und Männer, Jugendliche, Kinder und Babies – ins französische Lager Gurs verbracht. Viele sterben dort oder in den Vernichtungslagern des Ostens.

Am unteren Ende der Otto-Raggenbass-Strasse findet sich an der Wiesenstrasse der nächste Grenzübergang, der heute offen ist. «Nach dem Krieg war dieser Übergang immer zu», erzählt Arnulf Moser, «und weil die Häuser dicht an die Grenze reichen, sind auch immer wieder Menschen in die Schweiz geflüchtet.» 1990 haben sich Flüchtlingsorganisationen gemeldet und gefordert, dass nach der Berliner Mauer auch der Konstanzer Grenzzaun fallen müsse, der «vom Judenzaun zum Asylantenzaun» geworden sei.

Viel Veränderung am Hafen

Noch ist der ursprüngliche Doppelzaun zu sehen, auf dessen Errichtung die Schweiz damals gedrängt hatte – mit einem Korridor für Kontrollgänge des deutschen Zolls. «Man wollte Flüchtlinge im Stadtgebiet verhindern», erklärt Arnulf Moser. «Draussen im Tägermoos hat die Wehrmacht den Übergang blockiert.» Gegen den See hin hat sich die Grenze am stärksten verändert – durch Aufschüttungen und ab 1870 durch den Bau der Eisenbahn.

Land gegen Wasser

Die deutsche Bahn brauchte ein Rangiergelände, erzählt Moser. «So hat die Schweiz hier und andernorts ein paar Stücke Land abgegeben – und dafür das Wasser vor Kreuzlingen bekommen», erzählt Arnulf Moser. «Das ist absolut ungewöhnlich. Denn das Wasser gehört Kreuzlingen nach moderner Auffassung sowieso.»

Unten an diesem Wasser hat sich die Grenze ins Symbolische aufgelöst. 22 grosse, den Figuren des Tarotspiels nachempfundene Skulpturen des Bildhauers Johannes Dörflinger markieren jene Linie, die noch bis 2006 ein Grenzzaun bildete. So verliert die Grenze ihr Trennendes. Weiter oben, beim Emmishofer Zoll, verläuft sie unsichtbar auf einem zum Schutz gegen den Verkehrslärm aufgeschütteten Erdwall. Das Gras führt sich gerade – mit Billigung der Zollbehörden beider Seiten – eine Schweizer Schafherde zu Gemüte.

Und wo die Grenze dem Rhein zustrebt, geraten die Verhältnisse vollends durcheinander. Auf deutscher Seite liegt der Stadtteil Paradies, auf Schweizer Seite, was die jüdischen Flüchtlinge vor und im Zweiten Weltkrieg als Paradies betrachteten: das Tägermoos. Der Grenzzaun ist auf die halbe Höhe gekürzt und so zum Gartenzaun gestutzt, dahinter putzige Gärten und der die eigentliche Grenze bildende Saubach.

Der Ärger mit den Bauern

Auf Kreuzlinger Seite erstrecken sich Felder, Erntearbeiter schauen zu uns her. «Wahrscheinlich aus Polen», sagt Arnulf Moser und erklärt die territoriale Seltsamkeit: «Obwohl es zur Schweiz gehört, wird das Tägermoos seit 1831 von Konstanzer Bauern bewirtschaftet. Die Schweiz möchte das ändern, aber es geht nicht: Kündigen kann man den Vertrag nämlich nur einvernehmlich.»

So bleibt ein Unikum, das auch in der Kriegszeit einigen Ärger verursachte. Im bereits erwähnten Sommer 1940 blieb die Grenze auch für die Bauern geschlossen, und danach erregten sie das Missfallen der Nazis, weil sie ihr Gemüse lieber in der Schweiz verkauften als auf dem Konstanzer Markt. Ermahnungen, ja Drohungen nützten nichts.

Konstanz Kreuzlingen Grenze zu Deutschland Seesicht Serie Focus (Bild: Rolf App (Rolf App))

Konstanz Kreuzlingen Grenze zu Deutschland Seesicht Serie Focus (Bild: Rolf App (Rolf App))

Konstanz Kreuzlingen Grenze zu Deutschland Seesicht Serie Focus (Bild: Rolf App (Rolf App))

Konstanz Kreuzlingen Grenze zu Deutschland Seesicht Serie Focus (Bild: Rolf App (Rolf App))

Konstanz Kreuzlingen Grenze zu Deutschland Seesicht Serie Focus (Bild: Rolf App (Rolf App))

Konstanz Kreuzlingen Grenze zu Deutschland Seesicht Serie Focus (Bild: Rolf App (Rolf App))

Mal Kunst, mal Stacheldraht: Die Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz hat viele Gesichter – und Arnulf Moser kennt viele Geschichten. (Bilder: R.A.)

Mal Kunst, mal Stacheldraht: Die Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz hat viele Gesichter – und Arnulf Moser kennt viele Geschichten. (Bilder: R.A.)

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