Jenseits von Bethlehem

Villa Kunterbunt

Bettina Kugler
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«Was macht denn der da in deinem Bücherregal?» Mit spitzen Fingern und vorwurfsvollem Ton legte mir meine Tochter kurz vor Weihnachten etwas Kleines und Niedliches auf den Schreibtisch. Ich war gerade dabei, eines ihrer Geschenke in Goldfolie zu packen; Antonia kam also wie gerufen. «Der da» – das ist ein richtig armer Kerl. Äusserlich zwar rosig, frisch gewickelt, ein holder Knabe im lockigen Haar. Aber eben ein Findelkind. Ein Ersatz-Jesus. Ohne Familie, von Ochs und Esel ganz zu schweigen. Nicht einmal auf Heu und auf Stroh lag der kleine Heiland, sondern auf blankem Holz, vor gelben Reclamheften. Aus den winzigen Locken rieselte Staub.

Ein Frevel, fürwahr! Notdürftig verdeckte ich die noch nicht blicksichere Überraschung und redete mich elegant heraus. In Wahrheit hatte ich es schlicht nicht übers Herz gebracht, das überzählige Krippenkind auszumustern. Seit Jahren ist es auf Wanderschaft durchs Haus. Eine Weile durfte es wie ein Stiefbruder im Stall von Bethlehem nächtigen. Dann fand es Freunde unter den Playmobil-Männchen, kam noch einmal im modernen Plastikspital zur Welt. Dort lag es lang. Bis ich beschloss, es wegzuräumen. Dabei muss etwas dazwischengekommen sein. Egal – jetzt fühlt es sich hier im Regal wohl. Und bringt, ein bisschen angestaubt, an 365 Tagen im Jahr ein wenig Weihnachtslicht ins Alltagsgrau.

Bettina Kugler

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