«Jeder Film ist ein Waisenkind»

Steven Spielberg ist der Grandseigneur des modernen Unterhaltungskinos. Der US-Regisseur spricht über seinen Film «BFG – Big Friendly Giant» und seine Angst vor Abraham Lincoln. Und verrät, was er von Disney gelernt hat.

Hans Jürg Zinsli
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Szene aus dem Spielberg-Märchen «BFG» mit Ruby Barnhill als Sophie und Mark Rylance als Riese. (Bild: pd/Ascot)

Szene aus dem Spielberg-Märchen «BFG» mit Ruby Barnhill als Sophie und Mark Rylance als Riese. (Bild: pd/Ascot)

Er ist einer der grössten lebenden Filmregisseure. Steven Spielberg hat Blockbuster wie «Der weisse Hai», «E. T.», «Indiana Jones» und «Jurassic Park» gedreht; historische Dramen wie «Schindler's List» sind Meilensteine. Wenn der 69jährige US-Amerikaner die «Sean Connery»-Suite des Carlton Hotels in Cannes betritt, um einer Journalistenrunde Auskunft zur Kinderbuchverfilmung «BFG» zu geben, ist man auf alles gefasst. Nicht unbedingt auf einen Mann in Jeans und Turnschuhen, der sich ächzend setzt, die Arme verschränkt und mit jugendlichem Elan loslegt.

Mister Spielberg, Ihre Filme haben Millionen von Zuschauern erreicht. Wie fühlt sich das im Alltag an?

Steven Spielberg: Wunderbar. Ich bin ja kein Einsiedler, ich treffe gerne Menschen und höre zu. Das macht mich dankbar. Ausser wenn eine 40jährige Frau sagt: Ich bin mit all Ihren Filmen aufgewachsen. Dann fühle ich mich plötzlich alt.

Sie haben herkömmliches Kino mit der Performance-Capture-Technik kombiniert. Warum?

Spielberg: Der Dreh sollte nicht zu abstrakt sein für Ruby Barnhill. Sie sollte in echter Umgebung spielen können. Deshalb haben wir Filmsets gebaut. Für Mark Rylance genügten ein weisser Boden und ein Performance-Capture-Anzug, der seine Bewegungen digital erfasste.

Vermissen Sie als Filmemacher manchmal jene Tage, als es noch keine Spezialeffekte gab?

Spielberg: Durchaus. Für «Unheimliche Begegnung der dritten Art» (1977) mussten wir damals gigantische Wolken erzeugen. Das machten wir mit einem Wassertank, den wir abwechselnd mit eiskaltem und siedendem Wasser füllten und dann weisse Farbe zumischten. Das war Kunst und Handwerk.

Und heute?

Spielberg: Heute lässt die digitale Ära alle unsere Hoffnungen als Filmemacher wahr werden. Wir müssen nur noch Träume haben und diese unseren Designern erklären. Dann haben wir das Gefühl, wir seien wieder in unserer Kindheit angelangt.

Spielberg spricht schnell und schneller. Die Worte scheinen sich im Mund zu überholen.

Wovon träumen Sie nachts?

Spielberg: Das wollen Sie nicht wissen.

Okay, aber wie haben Sie die Traumwelt von «BFG» konzipiert?

Spielberg: Wir liessen uns von Roald Dahls Buch inspirieren, insbesondere, was die Ohren und Beine des Riesen betrifft. Für das perfekte Design brauchten wir ein ganzes Jahr. Als wir drehten, war es wichtig, dass meine Hauptfiguren immer Augenkontakt hatten. Ruby hatte keine Dreherfahrung. Deshalb war Mark Rylance immer bei ihr. Wenn der Riese rennen sollte, nahmen wir ein iPad mit dem Gesicht von Mark Rylance und zogen das Gerät am Seil durch den Raum.

Apropos Mark Rylance: Er gewann im Februar den Oscar in Ihrem «Bridge of Spies». Warum haben Sie ihn erneut verpflichtet?

Spielberg: Als ich «Bridge of Spies» drehte, kam Mark Rylance am zehnten Drehtag ans Set. Als die Kamera lief, tat er scheinbar nichts. Nachdem die Szene im Kasten war, nahm mich Tom Hanks beiseite, verdrehte die Augen und sagte: «Ooohhh myyyy goood!!! Was hat der gerade gemacht? Ich werde verrückt!»

Roald Dahls Geschichte ist sehr düster. Was hat Sie daran gereizt?

Spielberg: Ein gutes Märchen braucht starke Kontraste. Das habe ich von Walt Disney gelernt. Er verstand es wie kein zweiter, mich als Kind in eine Welt aus Angst zu stürzen – und anschliessend heldenhaft daraus zu retten. In diesen Momenten spürt man eine unglaubliche Kraft. Ich war sechs Jahre alt und fühlte mich erstmals wie ein Erwachsener, da ich meine Ängste besiegen konnte.

Viele Ihrer Filme scheinen direkt Ihrer Kindheit entsprungen.

Spielberg: Ja, sogar jene Filme, von denen man es nicht vermuten würde, «Lincoln» zum Beispiel. Ich war noch klein, als ich erstmals vor Abraham Lincolns Gedenkstatue stand. Ich fürchtete mich vor den riesigen Händen und traute mich nicht, in seine Augen zu schauen. Ich war traumatisiert. Das trieb mich Jahrzehnte später dazu, den Film über Lincoln zu drehen.

Das Interview neigt sich dem Ende zu. Steven Spielberg schliesst mit einem «BFG»-passenden Bonmot: «Jeder Film ist ein Waisenkind, das hofft, von einem Publikum adoptiert zu werden.» Dann eilt er zu seinem nächsten Interview.

Steven Spielberg Regisseur (Bild: pd)

Steven Spielberg Regisseur (Bild: pd)