Je böser, desto beliebter

Sie lügen, betrügen, morden – und werden von den Zuschauern trotzdem geliebt. TV-Bösewichte sind auf dem Vormarsch. Dafür gibt es sogar wissenschaftliche Erklärungen.

Martin Weber
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Düstere Gesellen mit Herz: Tony Soprano und seine Gesellen räumen jeden aus dem Weg, der sich der «Familie» in den Weg stellt. (Bild: ap/Craig Blankenhorn)

Düstere Gesellen mit Herz: Tony Soprano und seine Gesellen räumen jeden aus dem Weg, der sich der «Familie» in den Weg stellt. (Bild: ap/Craig Blankenhorn)

Moderne TV-Schurken wie der Drogendealer Walter White aus der Kultserie «Breaking Bad» oder Mafiaboss Tony Soprano gehen zwar über Leichen, taugen aber trotzdem als Identifikationsfiguren, weil sie nicht durch und durch böse sind. Nachdem sie gemordet haben, kehren sie fürsorglich zu ihren Familien zurück. «Das macht das Spannende dieser Figuren aus», erklärt die Medienwissenschafterin Kathi Gormász, die eine Doktorarbeit über das Thema geschrieben hat, die jetzt als Buch erschienen ist: «Walter White & Co – Die neuen Heldenfiguren in amerikanischen Fernsehserien».

Seine Motive verstehen

Kernthese ihrer Abhandlung: Ein Serienheld heutiger Prägung darf – im Gegensatz zu den Helden vergangener Jahrzehnte – gerne auch rauben, brandschatzen und sogar töten, vorausgesetzt die Zuschauer verstehen seine Motive. Chemielehrer Walter White etwa mutiert zum Drogenboss, weil er unheilbar an Krebs erkrankt ist und seine Lieben nach seinem Tod versorgt wissen will.

Deutsche kopieren Walter White

Im deutschen Fernsehen bekommt der von Bryan Cranston gespielte Serienheld jetzt sogar einen Nachahmer: Bastian Pastewka spielt in einer ZDF-Miniserie einen Familienvater, dessen Druckerei kurz vor der Pleite steht und der deshalb zum Falschgeld-Produzenten wird. Die Dreharbeiten zu «Morgen höre ich auf» haben bereits begonnen. Derweil hat die Akademie für Film- und Fernsehdramaturgie in München vor kurzem einen Ideenwettbewerb zum Thema Antihelden ausgeschrieben, an dem sich mehr als 250 Autoren beteiligt haben. Der erste Preis ging an ein Autorenduo, welches sich eine Fernsehserie ausgedacht hat, die in der Frankfurter Bankenwelt spielt, wo es von zwielichtigen Figuren nur so wimmelt. Auf dem zweiten Platz landete ein Konzept, in dessen Mittelpunkt eine Frau steht, die einen blutigen Rachefeldzug startet. Ob die ambitionierten Projekte irgendwann einmal ins Fernsehen kommen, steht freilich in den Sternen.

Nach ihren eigenen Regeln

Doch worin besteht nun der eigentliche Reiz von kriminellen TV-Figuren? «Sie können tun, was uns ganz oft verwehrt bleibt», erklärt Medienexpertin Kathi Gormász die Faszination von finsteren Gestalten wie dem Serienkiller Dexter oder dem skrupellosen Politiker Frank Underwood aus «House of Cards». «Diese Figuren nehmen keine Rücksicht auf das Gesetz. Sie leben und handeln nach ihren eigenen Regeln.»

Männer mögen Bösewichte

Vor allem Männer hegen häufig Sympathie für TV-Bösewichter. Das hängt der Zuschauerforschung zufolge vor allem damit zusammen, dass es den Schurken um die Durchsetzung von Macht geht, was typisch männlichen Denkmustern eher entgegenkommt. Eine Einschränkung gilt allerdings: Durch und durch böse Figuren kommen bei Männern fast genauso schlecht weg wie bei Frauen. Wer abseits jeglicher Moral handelt und keinen triftigen Grund für sein Tun hat, darf nicht auf die Sympathie der Zuschauer hoffen.