Japan öffnet neue Sicht aufs Leben

Die in Luzern lebende Bestseller-Autorin Federica de Cesco erzählt von einer traumatischen Jugend, dem Ersten Weltkrieg und einer späten Läuterung – engagiert und mit sprachlicher Kraft.

Arno Renggli
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Die Autorin Federica de Cesco und ihr Mann Kazuyuki Kitamura. (Bild: Philipp Schmidli)

Die Autorin Federica de Cesco und ihr Mann Kazuyuki Kitamura. (Bild: Philipp Schmidli)

Mancher Leser und vor allem manche Leserin mag die gebürtige Italienerin Federica de Cesco (77) vor allem als Autorin von Jugendbüchern präsent haben. Damit hat ihr neues Buch nun tatsächlich wenig zu tun. Und im Gegensatz zu ihrem letzten Roman, «Tochter des Windes», der eher leichtfüssig beginnt und erst gegen Ende heftig wird, ist ihr neuer von Beginn an hart.

Im Wahnsinn des Krieges

Alexander, ein alter Mann, sieht in Japan seinem Tod entgegen und will sein Leben aufarbeiten. Als Student hatte er sich 1914 freiwillig zur deutschen Armee gemeldet. Dies auch als Flucht vor dem aristokratischen Elternhaus. Dort ist er vordergründig behütet aufgewachsen, in Wahrheit in einem Milieu voller Herzlosigkeit und konventioneller Zwänge. Seine erste grosse Liebe wird buchstäblich getötet, was in ihm ein enormes Gewaltpotenzial zum Ausbruch bringt. Den Wahnsinn des Krieges erlebt er aber nicht etwa an der Westfront. Es verschlägt ihn ins chinesische Tsingtau, wo die Deutschen als Kolonialisten einen aussichtslosen Kampf gegen japanische Invasoren führen.

Nach einer Orgie des Tötens und Sterbens, die Alexander fast um den Verstand bringt, gerät er in japanische Gefangenschaft. Und dort dann ins Lager Bando. Dieses wurde, so weit der historisch authentische Background, bekannt für seine humane Behandlung der Gefangenen sowie eine Aufführung von Beethovens «Neunter» durch die Gefangenen.

Schonungslos erzählt

Alexander, gegenüber Mitinsassen und Lagerbesetzung zunächst verstockt und renitent, öffnet sich dank der Musik und der japanischen Philosophie des Lagerkommandanten einer neuen Sicht auf das Leben. Federica de Cesco nützt ihre sprachliche Kraft für schonungslose Schilderungen, etwa von Alexanders Jugend oder seinen Kriegserlebnissen. Dies kontrastiert mit der subtilen Sicht auf den spirituellen Reichtum Japans.

Aus ihrer Bewunderung dafür, die man auch aus früheren Büchern kennt, macht sie keinen Hehl. Ihre Nähe zu Japan ist natürlich auch beeinflusst durch ihre langjährige Ehe mit dem japanischen Fotografen Kazuyuki Kitamura. Kritisieren könnte man das etwas plakative Stilmittel der Dialoge, die der alte Alexander mit verstorbenen Familienmitgliedern und anderen Hauptfiguren seines Lebens führt. Aber als Transportmittel für die psychologischen Inhalte funktionieren sie gut. Überhaupt hinterlässt der auch in historischen Betrachtungen sehr engagierte Roman über weite Strecken einen nachhaltigen Eindruck.

Federica de Cesco: Die neunte Sonne. Europa Verlag, 384 Seiten, Fr. 28.90