ITALIEN: Das Dürre-Land und seine Brandstifter

Das Land erlebt die schlimmste Waldbrand-Serie seit Menschengedenken. Oft werden die Brände gelegt – auch von der Mafia.

Dominik Straub, Rom
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Ein Löschflugzeug kämpft auf Sizilien gegen die Flammen. (Bild: Kathrin Oehen (Castellammare del Golfo, 12. Juli 2017))

Ein Löschflugzeug kämpft auf Sizilien gegen die Flammen. (Bild: Kathrin Oehen (Castellammare del Golfo, 12. Juli 2017))

Dominik Straub, Rom

Umweltminister Gian Luca Galletti war die ohnmächtige Wut anzumerken, als er letzte Woche im Parlament über die Waldbrände informierte. «Angesichts dieser unerträglichen Verbrechen gegen die Natur und gegen jeden von uns setzen wir alles gegen die Brandstifter ein, was wir zur Verfügung haben: Polizei, Zivilschutz und sogar das Militär.» Die extreme Trockenheit möge zwar die Ausbreitung des Feuers begünstigen, «aber gelegt werden die Brände von Menschenhand, aus Versehen oder mit Absicht», betonte der Minister. In diesem Jahr sei eine «starke Zunahme der von Kriminellen gelegten Feuer» zu verzeichnen.

In der Tat ist kein Motiv absurd und niederträchtig genug, um einen Wald anzuzünden. Nachdem vorletzte Woche wenige Kilometer südlich von Rom der prächtige und unter Naturschutz stehende Pinienwald von Castel Fusano durch einen riesigen Waldbrand eingeäschert worden ist, haben die Carabinieri einen Rentner festgenommen, der das Feuer gelegt haben soll. Sein mutmassliches Motiv war sein Hass auf die meist ausländischen Prostituierten, die in der «Pineta» auf Kundschaft warten. Vor ein paar Jahren hatte der Mann schon einmal eine Prostituierte ermordet. Er war nach acht Jahren im Gefängnis wieder auf freien Fuss gekommen.

«Die Waldbrände am Vesuv hat die Camorra gelegt»

Ähnliche Psychopathen treiben in diesem schlimmsten Waldbrand-Sommer aller Zeiten auch in anderen Teilen des Landes ihr Unwesen. Oft ist es auch die Mafia, welche die Brände legt. «Alle Waldbrände am Vesuv sind von der Camorra gelegt worden», erklärt der Bestsellerautor und Mafia-Experte Roberto Saviano. Denn an den Hängen des Vulkans habe die Camorra Hunderte von illegalen Abfalldeponien angelegt. Wenn sie diese anzünden und das Feuer sich in die Wälder ausbreitet, dann schlügen die Clans gleich zwei Fliegen auf einen Streich: In den illegalen Deponien sei danach wieder Platz für neuen Abfall, und mit den Waldbränden demonstriere die Camorra, dass sie den Staat in Schach halten könne.

Mafiöse Interessen stehen auch in Sizilien hinter vielen Waldbränden. Schon fast tragisch ist, dass ein Gesetz, das Waldbrände verhindern sollte, von der Mafia ins Gegenteil verdreht wird. Laut diesem Gesetz gilt für jedes Areal, auf dem ein Waldbrand gewütet hat, für 15 Jahre ein Bauverbot. Damit sollte verhindert werden, dass Brände in geschützten Wäldern und Küstengebieten gelegt werden, um die Grundstücke danach bebauen zu können. Jetzt legen die Clans ihre Feuer in Bauzonen: «Die Mafia macht damit jedem privaten oder öffentlichen Bauherrn klar, dass man zuerst mit ihr verhandeln muss – sonst brennen sie das Gelände ab, und dann ist es vorbei mit Bauen», sagt Saviano.

Nur wenige Brandstifter werden gefasst

Daneben werden zahlreiche Waldbrände unbeabsichtigt durch grobe Unvorsichtigkeit und Dummheit verursacht. Manchmal führt eine aus dem fahrenden Auto geworfene Zigarette zu einem Buschfeuer, und oft sind es auch Bauern, die Baumschnitt oder eine Böschung abbrennen und damit versehentlich einen Waldbrand auslösen. Daneben gibt es Ziegen- und Schafhirten, die verdorrtes Buschgras anzünden in der Hoffnung, dass danach bald wieder saftige, grüne Gräser für ihre Tiere spriessen. Im Verdacht stehen auch private Helikopterfirmen, denen unterstellt wird, dass sie sich durch das heimliche Legen von Bränden gleich selber Arbeit verschaffen. «Als es diese Unternehmen noch nicht gab, hat es bei uns praktisch nie gebrannt», erklärte ein Mann in der südtoskanischen Maremma gegenüber dem italienischen Fernsehen.

Gefasst werden freilich nur ganz wenige der Brandstifter – letztlich müssten praktisch alle Wälder des Landes überwacht werden, was ein Ding der Unmöglichkeit ist. So sind insbesondere die Mafiosi längst wieder über alle Berge, wenn der Brand erst einmal ausgebrochen ist. Vor dem Richter landen deshalb meist Bauern, denen ein Feuer ausser Kontrolle geraten ist. «Diese sind in der Regel ganz verzweifelt und hatten noch versucht, den Brand zu löschen», sagte ein Carabiniere der Umweltabteilung gegenüber der Zeitung «La Stampa». Es sei schon relativ oft vorgekommen, dass sich diese Personen bei ihren Löschversuchen verletzt hätten oder sogar ums Leben gekommen seien.

In Rom wird Wasser rationiert

Wegen der seit Monaten ausbleibenden Niederschläge spitzt sich die Wasserknappheit in ganz Italien weiterhin zu. In Rom wird seit gestern in mehreren Quartieren das Wasser rationiert: In der Nacht wird bis auf weiteres während voraussichtlich acht Stunden kein Trinkwasser mehr aus den Hahnen fliessen. Betroffen sind etwa die Hälfte der drei Millionen Einwohner der italienischen Hauptstadt. In Hunderten italienischen Gemeinden sind schon vor Wochen ähnliche Massnahmen ergriffen worden.

Die Wasserrationierung in Rom wurde nötig, weil der Pegel des Bracciano-Sees unter ein kritisches Niveau gesunken ist. Der 40 Kilometer nördlich der Stadt gelegene See ist ein wichtiges Trinkwasserreservoir der Stadt. Rom, das schon vor über 2000 Jahren über eine ausgeklügelte Wasserversorgung mit mehreren Aquädukten verfügte, sitzt im Jahr 2017 praktisch auf dem Trockenen. Die Behörden schliessen nicht aus, dass die Wasserrationierung auf die ganze Stadt ausgedehnt wird, wenn sich die Situation nicht bessern sollte. Dann wäre auch der Vatikan betroffen, der sein Wasser von der Stadt bezieht.