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INTERVIEW: "Als Karriereoption nicht zu empfehlen"

Medienpädagogin Eveline Hipeli. (Bild: PD)

Medienpädagogin Eveline Hipeli. (Bild: PD)

Eveline Hipeli, worin besteht die Faszination von Videoblogs?
Wenn man als Zuschauer Vlogs schaut, ist das ein wenig so, wie wenn man ins Privatleben von Fremden schauen würde. Mit der Zeit werden diese "Fremden" aber immer vertrauter – viele Zuschauer bilden richtige parasoziale Beziehungen mit ihren Lieblingsvloggern. Das heisst, sie haben das Gefühl, die Person richtig zu kennen. Viele Zuschauer sagen auch, dass sie die Vlogs ein Stück weit als Ersatz für Reality TV empfinden. Und je nachdem, was der Vlogger erzählt, sind die Clips lehrreich, inspirierend oder unterhaltend für den Zuschauer. Ausserdem sind Vlogs auch sehr bequem – statt Blogs zu lesen, schaut man einfach ins Leben der anderen Leute hinein und erfährt etwas über ein Thema, welches einen gerade interessiert. Ohne Anstrengung, per Mausklick quasi.

Die Vlogs vieler Youtuber sind oft bis ins kleinste Detail geplant – trotzdem denken viele Fans, alles sei authentisch und spontan. Woher kommt diese Unstimmigkeit?
Viele Zuschauer haben ja auch bei den Reality-Produktionen im Fernsehen das Gefühl, das sei alles "spontan", was es ja nicht ist. Da wissen alle Schauspieler genau, was sie wann sagen sollen. Die Youtuber, die so etwas mit grossen Followerzahlen machen, verdienen damit Geld. Deshalb dürfen sie nichts dem Zufall überlassen. Es steckt ganz viel Überlegungsarbeit dahinter, wenn man möchte, dass bei seiner Zielgruppe der nächste Beitrag genauso gut ankommt wie der letzte. Warum der Zuschauer nicht "merkt", dass der Lieblingsvlogger das alles geplant hat, ist ganz einfach: Man hat die Person gern und glaubt, diese Person richtig gut zu kennen. Man wünscht sich einfach, es wäre alles so spontan, so echt. Zudem gibt es schon auch ziemlich viel kritische Zuschauer, die sich dennoch amüsieren, auch wenn alles geplant ist.

Viele Youtuber fühlen sich nicht verantwortlich für ihre Fans. Ist das berechtigt?
Sie sind ja auch nicht direkt für das Verhalten der Fans verantwortlich. Und ganz ehrlich: Es ist ganz schön schwierig, sich für eine anonyme Masse an Followern verantwortlich zu fühlen, die man nicht wirklich sieht und hört, ausser vielleicht in den Kommentaren. Es ist ja auch nicht anzunehmen, dass Dummheiten 1:1 nachgeahmt werden. Wenn früher zum Beispiel im Fernsehen gefährliche Stunts gezeigt wurden, dann hat die grosse Masse der Zuschauer das nicht nachgespielt. Dennoch trägt am Ende jeder, on- oder offline, eine Verantwortung für das, was man sagt oder tut. Es kommt natürlich auch auf die Materie an: Ob nun eine Vloggerin Schminkprodukte entpackt und diese präsentiert, ist eine andere Sache, als wenn ein Vlogger in einem Beitrag Leute blossstellt oder jemandem wehtut. Die Produzenten würden sicher gut daran tun, sich mehr zu überlegen, was ihre jungen Follower wohl beim Schauen denken, als nur an die nackten Followerzahlen zu denken.

Depressionen, Magersucht oder Suizid – Jugendliche holen sich Ratschläge zu heiklen Themen eher von Youtubern als von Experten. Eine beunruhigende Entwicklung?
Jugendliche haben sich auch früher schon Informationen zu diesen Themen über andere Quellen als Experten und Ärzten geholt und auch dort dann eher in letzter Instanz. Vor den Vloggern waren es Internetforen und zuvor noch TV-Sendungen und Bücher. Doch natürlich ist der Zugang zu diesen Informationen heute sehr einfach. Die Informationen an sich sind ja nicht schlimm. Wenn es aber um Anleitungen zum Selbstmord geht oder darum, mit welchen Tricks man Bulimie oder Magersucht in Gang bringt, aufrechterhalten oder verstecken kann, dann wird es gefährlich. Jugendliche mit einer Prädisposition zu Themen wie diesen nehmen solche Tipps sehr ernst. Aber das sind nicht alle Jugendlichen. Und schlimmer noch: Die Youtuber, die das propagieren, gewinnen so Follower, und ihr Verhalten wird glorifiziert, sie sind die "Stars" dieser Jugendlichen. Diese Negatividole können dann schon eine starke Vorbildfigur darstellen.

Wird in den sozialen Medien Provokation mehr belohnt als Talent?
Die Reaktionen auf Logan Pauls Japan-Urlaub waren ja schon eher negativ – sowohl in den klassischen Medien als auch auf den sozialen, auch Stars haben sich eingeschaltet und Pauls schlechtes Verhalten kommentiert. Ich denke, dass die zusätzlichen Follower vor allem aus Sensationslust dazugekommen sind und ihm nicht auf Dauer folgen werden. Viele haben den Vlogger wahrscheinlich noch gar nicht gekannt und springen nun eine Weile auf den Zug mit auf. Man darf Logan Pauls tränenreiche Entschuldigung nicht vergessen, die er abgeliefert hat. Damit hat er sicherlich das Abwandern einiger Follower verhindert. Bei ihm scheint die Devise zu gelten: "Lieber schlechte News als gar keine News."

Youtube-Star werden – wie realistisch ist dieses Ziel?
Wer ein echter Youtube-Star sein möchte, dessen Chancen stehen genauso "gut" wie bei jemandem, der bei einer Casting-Show mitmacht. Aber ernsthaft: Auch wenn es jemand schafft, mit seiner Art und seinem Thema eine Marktlücke zu finden, so ist das Ganze noch lange nicht langfristig erfolgreich. Als Karriereoption würde ich das niemandem empfehlen. (fg)

Zur Person

Eveline Hipeli (37) arbeitet seit 2008 als Kommunikationswissenschafterin und Medienpädagogin. Seit 2013 ist sie Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Nebenbei arbeitet die Mutter von drei Kindern an Projekten wie "Ulla aus dem Eulenwald", einer Reihe Kindergeschichten, die eine frühe Medienkompetenz fördern soll.

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