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INTERNET: Der moderne Beichtstuhl

Früher schüttete man seine Seele beim Priester aus – heute gibt es dafür das Internet. Da Google mithört, steigt die Gefahr von Missbrauch.
Gregory Remez

Gregory Remez

Auch wenn die oft postulierten 200 Lügen pro Tag inzwischen als Mythos widerlegt sind. Wir alle flunkern, und zwar ständig. Wir belügen unsere Partner, Freunde, Kollegen, Chefs – und immer wieder auch uns selbst. Gnadenlose Ehrlichkeit wird im Alltag nur selten goutiert; und so tragen wir unsere Gedanken und Sehnsüchte die meiste Zeit vor uns hin, ohne sie je mit anderen zu teilen. Kein Wunder, bieten sich heute abseits der Therapeutencouch doch nur wenige Gelegenheiten, in denen wir unsere inneren Abgründe offenbaren können, ohne uns Sorgen über mögliche soziale Sanktionen machen zu müssen.

Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn wir den öffentlichen Raum ver­lassen – und uns in die geschützte Sphäre des Digitalen begeben. Das Internet bietet uns einen völlig neuen Ort des Rückzugs, einen Ort, an dem wir für einmal komplett aufrichtig sein können. Die Maschine hat stets ein offenes Ohr für uns und unseren Kummer. Und weil sie keine Urteile fällt, haben wir keinen Grund, unsere Alltagsfassade aufrechtzuerhalten oder unser wahres Gesicht hinter dem Schleier beschönigender Unwahrheiten zu verbergen.

Big-Data-Analysen zeigen: Selten sind Menschen unbekümmerter und ehrlicher als bei Suchanfragen im Internet. Unter der vermeintlichen Anonymität ihrer IP-Adressen plaudern sie ungeniert tiefste Geheimnisse aus – über sexlose Ehen, psychische und physische Leiden bis hin zu Mordgelüsten. Was einst der Beichtstuhl des Lokalpriesters war, ist heute die Suchleiste von Google.

Revolutionäre Einblicke in menschliches Verhalten

Der US-amerikanische Ökonom und ehemalige Google-Datenwissenschafter Seth Stephens-Davidowitz hat dieses Phänomen auf unterhaltsame Weise in seinem letztjährigen Buch «Everybody Lies» («Alle lügen») beschrieben. Mit Hilfe der Analyse von Internet-Such­anfragen gelangte er zu einer Reihe amüsanter wie erstaunlicher Erkenntnisse. Beispielsweise fand er heraus, dass es in Indien ausserordentlich viele Männer gibt, die es offenbar erregend finden, von ihren Frauen gestillt zu werden. Nebst derartigen Kuriositäten stiess Stephens-Davidowitz aber auch auf gesellschaftlich Bedeutendes, etwa die Tatsache, dass die Angst in der Bevölkerung nach Terrorattacken entgegen der allgemeinen Auffassung so gut wie gar nicht zunimmt; dass die Kriminalitätsrate nach der Veröffentlichung von gewalttätigen Filmen oder Videospielen nicht steigt, sondern sinkt; oder dass Rassismus und Kindesmissbrauch in den letzten Jahrzehnten trotz anders lautenden Erhebungen kaum abgenommen haben.

Ursprünglich sollte Stephens-Davidowitz’ Erstlingswerk eigentlich «Wie gross ist mein Penis?» heissen – eine Anspielung auf eine der beliebtesten Suchanfragen bei Google. Der Verleger legte allerdings sein Veto ein; zu gross war die Furcht, die Leute würden das Buch aus Scham im Regal liegen lassen. Schliesslich einigte man sich auf: «Alle lügen. Was das Internet darüber aussagen kann, wer wir wirklich sind.»

Gemäss Stephens-Davidowitz liefert das gigantische Datenmosaik, das sich aus unseren Suchaufträgen im Internet zusammensetzt, erstaunliche, ja gar revolutionäre Einblicke in die menschliche Verhaltenspsychologie. Big Data wirke, so der Autor, wie ein «digitales Wahrheitsserum»: Es liefere ehrliche Daten über Dinge, bei denen Menschen in Befragungen für gewöhnlich lügen. Dazu gehören unter anderem rassistische Haltungen und – allen voran – sexuelle Vorlieben. In seiner Zeit als Datenwissenschafter war Stephens-Davidowitz zunächst für Google Trends sowie Google Adwords tätig, später analysierte er auch Daten von Wikipedia, Facebook sowie Pornhub, eines der grössten Pornografieportale weltweit. Von Pornhub etwa erhielt er einen anonymisierten Datensatz, in dem jeder eingegebene Suchbegriff und jedes aufgerufene Video dokumentiert waren.

Die aus den Suchbegriffen der Internetpornografie-Konsumenten gewonnenen Erkenntnisse bezeichnet der ­Forscher als «Meilenstein auf dem Weg, die menschliche Sexualität zu verstehen». Sie lieferten Daten, von denen «Schopenhauer, Nietzsche, Freud und Foucault» nicht mal zu träumen gewagt hätten. So gelang es Stephens-Davidowitz etwa, die gän­gige Annahme zu untermauern, dass weitaus mehr Menschen homosexuell sein dürften als offizielle Hochrechnungen suggerieren; oder dass inzestuöse oder mit Gewalt verbundene Fantasien sehr viel stärker verbreitet sind als vermutet.

Ein neuer Gesellschaftsvertrag ist nötig

Doch auch wenn die sich daraus er­gebende Fülle an neuen Möglichkeiten, das menschliche Verhalten zu untersuchen, so manchen Sozialwissenschafter euphorisch stimmen dürfte. Immer öfter offenbart Big Data auch seine hässliche Fratze. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden und der NSA-­Affäre drängt sich die Frage auf: Was ­geschieht eigentlich mit den digitalen Spuren, die wir täglich, stündlich, minütlich auf Plattformen wie Google hinterlassen? Denn eines steht fest: So etwas wie ein Gratismahl gibt es nicht, wie es Big-Data-Experte Thomas Ramge formuliert. Dienste wie Google, Facebook, aber auch Pornhub kriegen wir nur umsonst, weil wir ihnen im Gegenzug etwas Wertvolles anbieten – unsere Daten. Mit jedem Klick vervollständigen wir ein Profil von uns, ein digitales Alter Ego, das von Algorithmen durchleuchtet, interpretiert und entsprechend eingeordnet wird. Zu diesem Dilemma, mit dem wir mit jedem Facebook-Login und jeder Google-Suche aufs Neue konfrontiert sind, sagte der britische Historiker und Harvard-Professor Niall Ferguson jüngst in einem Interview mit der «Zeit»: «Wir haben zwei Firmen, Google und Facebook, die den globalen Werbemarkt bestimmen und zugleich auch die Macht haben, den öffentlichen Raum zu dominieren. Das ist ein Zustand, der lang­fristig nicht aufrechterhalten werden kann. Es kann nicht sein, dass ein Privatunternehmen ein Monopol über unsere persönlichen Daten besitzt und sie ­einfach weiterverkaufen kann. Das ist schlicht und einfach verrückt.»

Verrückt, ja beängstigend wird es vor allem dann, wenn die Datensammelwut – wie im Fall des umfassenden Zugriffs des US-Nachrichtendienstes NSA auf die Internetdaten von Privatpersonen – Orwell’sche Dimensionen annimmt (siehe Kasten). Längst warnen Datenschützer davor, dass der wachsende Verlust an den Rechten über die eigenen Daten die Tür zur Totalüberwachung immer weiter aufstösst. Deshalb brauche es neue Konzepte, die die Grundidee von Datenschutz und informationeller Selbstbestimmung ins Zeitalter von Big Data übertragen und neu absichern. Informatiker wie Alex Pentland, Professor am Massachusetts Institute of Technology, plädieren daher seit Jahren für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Daten. Es müsse ein neuer Gesellschaftsvertrag her, einer für die digitale Gesellschaft, so ihr Postulat. Dieser sollte auf vier Prinzipien beruhen:

Bis sich der fällige Paradigmenwechsel allerdings vollzogen und eine Kultur des verantwortungsbewussten Umgangs mit Daten herausgebildet hat, sollten wir uns ganz genau überlegen, welche unserer Geheimnisse wir mit Internetriesen wie Google, Facebook, Amazon oder Pornhub teilen – so befreiend dies auch sein mag. Ansonsten könnte der moderne Beichtstuhl plötzlich zum Pranger mutieren.

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