Individualität aus dem Drucker

Fast zeitgleich haben die Sportartikelhersteller Adidas und Nike Projekte für Schuhe aus dem 3D-Drucker vorgestellt. Neben Schuhen verändert der dreidimensionale Druck derzeit die gesamte Modebranche.

Philipp Bürkler/New York
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Frisch aus dem Printer: Eine massgefertigte Adidas-Sohle. (Bild: pd)

Frisch aus dem Printer: Eine massgefertigte Adidas-Sohle. (Bild: pd)

Kein Mensch hat die gleichen Füsse wie jemand anders. Nicht einmal die eigenen zwei Füsse sind vollkommen identisch. Die beiden Sportartikelhersteller Adidas und Nike wollen deshalb individualisierte Schuhe mit 3D-Druckern herstellen. Fast zeitgleich haben die beiden Sport-Giganten ihre Projekte konkretisiert.

Beim Projekt «Futurecraft 3D» des deutschen Unternehmens Adidas wird die Mittelsohle individuell an den Fuss angepasst. Gerade für Athleten, aber auch für Hobbyläufer biete eine individuell angepasste Sohle besseren Tragekomfort, sagt Adidas-Markenchef Eric Liedtke. Neben dem Herstellungsverfahren ist auch die Sohle selbst eine Neuheit. Sie wird netzartig aufgebaut und verfügt daher über eine sehr flexible Struktur.

Um den Schuh individuell anzupassen, müssen die Füsse zuerst gescannt werden. Adidas will daher schon bald Fussscanner in die Läden der Fachhändler stellen. Der Computer berechnet die passende Form und schickt die Daten an einen 3D-Drucker. Darüber, ob der Kunde im Geschäft ein paar Minuten auf seinen Schuh warten kann oder ob er ihm einige Tage später nach Hause geschickt wird, machte Adidas keine Angaben.

Datei statt Schuh kaufen

Ähnliche Vorstellungen hat auch der amerikanische Konkurrent Nike. Der US-Riese sieht sich in Zukunft nicht mehr primär als Hersteller von Schuhen, sondern vor allem als Datenlieferant von Designs. Auf der Nike-Webseite sollen Kunden dereinst ihren Schuh individuell zusammenstellen können. Der Kunde wählt zuerst Farbe, Design und die exakte Grösse. Nach dem Bezahlvorgang erhalte der Kunde eine Datei, die er an einen 3D-Drucker senden könne, so Erik Sprunk, Chief Operating Officer von Nike.

Für Nike und Adidas sind die Projekte dreidimensional gedruckter Schuhe weit mehr als nur Spielereien und Visionen. Adidas-Verwaltungsratsmitglied Eric Liedtke kündigte für die nächsten sechs Monate neue Projekte und Kollaborationen in diesem Bereich an. «Unser Schuh Futurecraft ist Prototyp und Absichtserklärung für die Zukunft zugleich», sagt Liedtke.

Kein Schnittmuster und bügelfrei

Nicht nur bei Schuhen: 3D-Drucker kommen in der gesamten Modebranche vermehrt zum Einsatz. Zu den Pionieren gehört die 21jährige niederländische Designerin Iris van Herpen. Bereits 2009 präsentierte sie an der Londoner Fashion Week ihr erstes Kleidungsstück aus dem Drucker. Van Herpen sieht vor allem Vorteile in der neuen Technologie: «Man braucht kein Schnittmuster, man hat keinen Materialverlust, und bügeln muss man die Kleider auch nicht», stellt sie fest. Für die junge Designerin, die schon Superstars wie Lady Gaga, Björk oder Tilda Swinton extravagant eingekleidet hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ausgedruckte Kleidung sich in unserem Alltag durchsetzen wird. Tatsächlich dürfte die Branche in den kommenden Jahren einen neuen Schub erhalten, sobald 3D-Drucker für den Heimgebrauch erschwinglicher werden und vor allem einfacher zu bedienen sind.

Eine Art Spotify für Modedesigns

3D-Drucker kommen in der Architektur, dem Maschinenbau oder der Formel 1 seit fast 30 Jahren zum Einsatz. Nun erlebe die Modebranche – in der es technologisch in den vergangenen 100 Jahren keine wirkliche Innovation mehr gab – einen neuen Schub, erklärt der Londoner Architekt und Schuhdesigner Julian Hakes. Er hat 2011 an der London Fashion Week den weltweit ersten Schuh präsentiert, der vollständig mit einem Drucker hergestellt wurde. «Ein 3D-Drucker ist wie ein Fotokopierer, der während mehreren Stunden Schicht für Schicht ein Objekt herstellt», so Hakes.

Ähnlich wie Nike sieht der Brite die Zukunft vor allem in begrenzten Nutzungsrechten von Modedesigns. Hakes denkt dabei etwa an Design-Abos, ähnlich wie heute für TV-Serien oder Musik bei Netflix oder Spotify. «Wir werden schon bald Designs herunterladen können, um diese dann selbst oder in einem Shop auszudrucken.» Neben vorgefertigten Designs liessen sich diese dann auch individuell anpassen. Denkbar wären auch veränderbare Designs für Brillen. Optikergeschäfte müssten nicht mehr mehrere Modelle vorrätig an Lager haben, sondern könnten in kurzer Zeit das entsprechende Gestell auf Kundenwunsch ausdrucken.

Kleidung dehnt sich bei Stress

Zu den globalen Fashion-Avantgardisten gehört auch die New Yorkerin Becca McCharen. Mitte September hat sie während der New Yorker Fashion Week ihren «Adrenaline Dress» präsentiert. Das mit einem 3D-Printer hergestellte schwarze Kleidungsstück ist intelligent. Es reagiert auf die Befindlichkeiten der Trägerin oder des Trägers. Der «Adrenaline Dress» ist eine Kooperation mit dem amerikanischen Chip-Hersteller Intel und der neuste Beweis für die zunehmende Präsenz von Technologie in der Mode. Der Dress erweitert und dehnt sich je nach Stress- und Adrenalin-Level. «Ich habe mich von der Natur inspirieren lassen», sagt McCharen. «Wenn Vögel im Kampf- oder Flugmodus sind oder sich gestresst fühlen, erweitern sich ihre Federn.» Der Taillenbund des «Adrenaline Dress» ist über Sensoren mit der Haut verbunden, das Kleidungsstück merkt, ob die Person Stress ausgesetzt ist. «Der Dress zeigt, was in Zukunft mit Technologie und Mode möglich sein wird», so die Designerin.

Vielzahl an Materialien

Konnten noch bis vor wenigen Jahren nur Kunststoffe ausgedruckt werden, haben sich die Möglichkeiten an Materialien in den vergangenen Monaten ums x-Fache erhöht. Egal ob Metalle, Porzellan, Bronze, Steine oder selbst Glas. In New York City arbeitet das Unternehmen Modern Meadow Inc. momentan sogar daran, Leder auszudrucken. Nach Firmenangaben lässt sich das Print-Leder nicht von einem echten Tierleder unterscheiden.

Neue Möglichkeiten der Herstellung werden in den kommenden zehn Jahren die Mode demokratisieren und die Art und Weise verändern, wie wir Mode tragen und über sie denken.