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Im Urwald gepeinigt

Die Winterthurerin Christina Krüsi ist im bolivianischen Dschungel aufgewachsen. Doch von märchenhafter Kindheit keine Spur: Missionare vergewaltigen das Mädchen.
Diana Bula
Christina Krüsi im Garten vor ihrem Atelier: Beim Malen verarbeitet sie und tankt Kraft. (Bild: Coralie Wenger)

Christina Krüsi im Garten vor ihrem Atelier: Beim Malen verarbeitet sie und tankt Kraft. (Bild: Coralie Wenger)

Manche bewahren das Kindliche in sich ein Leben lang. Christina Krüsi gehört nicht zu ihnen: Sie verlor es mit sechs Jahren. An Halloween, im Dschungel von Bolivien, wo sie damals mit ihren Eltern lebte. Missionare von Wycliffe, einer überkonfessionellen Organisation, hatten für die Kinder einen Parcours vorbereitet, einen «Weg des Schreckens».

Tief unten auf dem Seegrund

Für Krüsi sollte sich der Name bewahrheiten. Das Seil, dem sie folgen musste, führte sie nicht zu den anderen Mädchen und Buben, sondern in eine Grube. Hatte sie sich zu Beginn noch vor Gespenstern gefürchtet, tat sie es nun vor einem Mann mit haarigem Körper. «Die Gestalt liess sich auf mich fallen. Sie erdrückte mich fast. Ein unbeschreiblicher Schmerz fuhr mir zwischen die Beine», schreibt die 45-Jährige in «Das Paradies war meine Hölle». Wo andere Ferien verbringen, wurde die Winterthurerin missbraucht. Fortan gehörte sie zu den «Auserwählten», Schnitte in den Kniekehlen markierten sie. «Ich war Freiwild.»

Mal fallen die Männer auf der Toilette über das Mädchen her, mal in der Schule, mal auf dem Heimweg. Krüsis Eltern, die für Wycliffe die Bibel in die Sprache der Chiquitano-Indianer übersetzen, bemerken nichts. «Obwohl es viele Anzeichen gab.» Das einst ausgelassene Mädchen spricht kaum noch. Es uriniert ins Bett, hustet bis zum Erbrechen. Mit zehn taucht Krüsi im nahen See bis auf den Grund. Sie will dort warten, bis ihr die Luft ausgeht. Doch eine Frau rettet sie. Auch das bekommen die Eltern nicht mit.

Missbrauch? – Nicht bei uns!

Ein Kind wird über Jahre missbraucht, ohne dass jemand Verdacht schöpft – wie kann das sein? Da waren die Drohungen der Täter, erzählt Krüsi. «Sie sagten mir, dass die Indianer in die Hölle kämen, wenn ich reden würde.» Sie habe deshalb geschwiegen. Auch befürchtete sie, die Eltern könnten ihr nicht glauben. «Die Missionare lebten wie eine grosse Familie zusammen.» War der Vater unterwegs und die Mutter überfordert, hüteten andere die Kinder. Blindes Vertrauen habe geherrscht. «Auch weil sich die Gläubigen als von Gott Errettete sahen. Sie dachten, das Übel wuchere nur ausserhalb ihrer Gemeinschaft.» Die christliche Erziehung tat ihr Restliches dazu: «Ich hatte das Gefühl, ein schlechter Christ zu sein und büssen zu müssen.»

Wenn Christina Krüsi so dasitzt und ihre Erlebnisse schildert, staunt man, wie gut sie sich davon erholt hat. Ihr Lachen füllt den Raum. Ihre Schritte sind fest und schnell. «Ich hatte meine Mittel, mit meiner Geschichte umzugehen.» Sie führte Tagebuch, kritzelte die Erlebnisse in ihrer Geheimsprache zu Papier.

Das echte Abendmahl

Als die Familie in die Schweiz zurückkehrt und Krüsis Leiden ein Ende hat, ist sie elf Jahre alt. Ein Lehrer fördert ihr Talent im Malen. Sie absolviert den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule in St. Gallen, lässt sich später zur Kindergärtnerin ausbilden. Kunst genüge Gott nicht, heisst es. Heute malt sie wieder. Resultate hängen im Atelier neben ihrem Haus in Winterthur. Krüsi deutet auf ein Bild, das eine Frau mit Kind zeigt. Das Werk erinnere sie an eine schreckliche Nacht in Bolivien. Missionare hatten das Mädchen auf den Friedhof geführt – für das echte Abendmahl. «Die Peiniger forderten uns auf, Blut eines getöteten Babies zu trinken.» Wenn sie über jenen Abend spricht, wird sie traurig. «Die Szene ist die schlimmste Stelle im Buch.» Deshalb gibt eine enge Freundin bei Lesungen die Passage wieder.

Ihr hat Krüsi 2002 erstmals von den Übergriffen erzählt – nachdem sie beim Joggen zusammengebrochen war. «Mein Körper zeigte mir, dass das Geheimnis raus muss.» Und plötzlich traf ein Brief aus Amerika ein. Absender: Wycliffe. In den USA hatten Opfer über Missbrauch in der Mission ausgesagt und Krüsi als Zeugin genannt. Zwei Opfertreffen, viele Befragungen und Mailwechsel später weiss sie: «Es waren 17 Missbrauchte und 12 Täter.» Wycliffe schaltet die Behörden ein, zu einem Prozess kommt es nie. Die Taten seien verjährt, lautet die Begründung. Wycliffe entschuldigt sich schriftlich bei Krüsi, bezahlt ihr einen Zustupf an das Studium, das sie mit 36 Jahren beginnt. «Eine Entschuldigung der Täter gab es nicht, kein Schmerzensgeld. Keine Gerechtigkeit.» 2009 beginnt sie ihr Buch zu schreiben, «um anderen Opfern Mut zu machen und Kinder zu schützen».

Zurückholen, zurückholen

Krüsis Entscheid, sich der Vergangenheit zu stellen, verändert vieles. Die Ehe scheitert. Als sie ihren Eltern vom Buchprojekt erzählt, verschlechtert sich das Verhältnis zu ihnen. Sie fühlen sich öffentlich gedemütigt. Mit ihrem Ex-Mann versteht sie sich wieder, um eine liebevolle Beziehung zu den Eltern kämpft sie noch. Auch das will sie sich «zurückholen». Ein Wort, das oft fällt. Krüsi will wiederhaben, was sie in der Zeit des Durchs-Leben-Taumelns versäumt hat. Die Ziele stehen auf einer Liste: eine glückliche Sexualität, Weiterbildung, Geld verdienen, einen lieben Partner. Heute ist jeder Punkt abgehakt. Krüsi ist zum zweitenmal verheiratet. Bis vor kurzem hat sie als Schulleiterin gearbeitet, nun verdient sie als Konfliktmanagerin und Künstlerin ihr Geld. «Ich bin glücklich.»

Noch holen Flashbacks sie immer wieder in den bolivianischen Dschungel zurück. Sie kneift sich dann, atmet tief oder legt sich hin, bis die Übelkeit weg ist. Und der Glaube wieder da. Nicht an Gott, an sich selbst.

Christina Krüsi: Das Paradies war meine Hölle. Knaur 2013, 285 S., Fr. 15.90

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