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IM GRENZGEBIET: Der Berg stürzte früher als erwartet

Der verheerende Bergsturz mit anschliessendem Murgang im Bergell könnte Menschenleben gefordert haben. Das Dorf Bondo bleibt bis zu einer neuen Lagebeurteilung heute Vormittag evakuiert.
Gerhard Lob, Stampa
Ein gewaltiger Murgang streifte das Dorf Bondo. Ein halbes Dutzend Gebäude wurde beschädigt. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (24. August 2017))

Ein gewaltiger Murgang streifte das Dorf Bondo. Ein halbes Dutzend Gebäude wurde beschädigt. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (24. August 2017))

Gerhard Lob, Stampa

Der Ernst der Lage stand Andrea Mittner ins Gesicht geschrieben. Als der Einsatzleiter der Kantonspolizei Graubünden gestern in der Turnhalle von Stampa im Bergell vor die Medien trat, bestätigte er: «Es fehlen acht Personen.» Es handelt sich um sechs offiziell Vermisste: Alpinisten beziehungsweise Wanderer aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. Ausserdem hat die Polizei aufgrund eigener Recherchen zwei Personen ermittelt, die im Unglücksgebiet unterwegs waren. In Bezug auf eine weitere Sechsergruppe gab es gegen Abend Entwarnung: Diese Gruppe hielt sich im benachbarten Italien auf.

Bereits in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag haben Hilfskräfte nach den möglicherweise verschütteten Personen gesucht. Bisher ergebnislos. Dabei kamen neben Hundesuchtrupps auch ein Militärhelikopter mit Wärmebildkamera sowie Systeme zur Ortung von Handy­signalen, sogenannte IMSI-Catcher, zum Einsatz. Reto Salis von der SAC-Hütte Sasc Furä sagte gegenüber Radio RSI, dass in dieser Jahreszeit oft Wanderer im Talgrund zelteten. Die Naturkata­strophe ereignete sich am Mittwoch­vormittag. Um 9.30 Uhr kam es am Piz Cengalo (3369 m), einem Nachbarn des berühmten Piz Badile, zu einem gewaltigen Felssturz. Videoaufnahmen dokumentieren die Steinmassen, die talabwärts ins Val Bondasca donnerten. Ganze vier Millionen Kubikmeter. Der erste Aufprall war so stark, dass Erdbebendienste diesen mit Stärke 3 auf der Richterskala erfassten. «Es war der grösste Felssturz der letzten Jahrzehnte in Graubünden», so Regionalforstingenieur Martin Keiser, Leiter der Gefahrenkommission im Bündner Amt für Wald und Naturgefahren. Und er war dreimal so gross wie der Felssturz von 2011 an gleicher Stelle.

Zwölf Ställe und Maiensässe zerstört

Die Gesteinsmassen wurden als Murgang von der Bondasca talauswärts geschoben. Dazu kam Wasser, das sich in Seen infolge der Gletscherschmelze gesammelt hatte. Dann näherte sich das Geschiebe dem Dorf Bondo, wo rund 100 Personen durch die Feuerwehr, Gemeindearbeiter und die Kantonspolizei Graubünden in Sicherheit gebracht wurden. Insgesamt wurden zwölf Objekte (Ställe und Maiensässe) im Val Bondasca sowie vier Objekte in Bondo vom Murgang zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen. Aus dem Val Bondasca wurden 32 Personen mit Helikoptern der Heli Bernina und der Rega ausgeflogen. Die geretteten Personen sind bei Verwandten, Bekannten oder im Zivilschutzzentrum untergebracht. Sie werden, sofern nötig, von einem Care-Team betreut. Die Bewohner von Bondo können vorerst nicht in ihre Häuser zurückkehren, zumal sich nach wie vor Fels am Piz Cengalo bewegt – rund eine Million Kubikmeter. Heute um 10 Uhr soll eine Lagebeurteilung vorgenommen werden.

Dank Vorkehrungen konnte in Bondo aber Schlimmeres verhindert werden, denn das Gebiet ist durch ein Murgang-Alarmsystem abgesichert. Dieses löste am Mittwochmorgen Alarm aus, wonach unmittelbar die Einsatzkräfte aufgeboten wurden und ein Krisenstab die Arbeit aufnahm. Bewährt hat sich zudem ein Auffangbecken, das in Bondo nach dem Bergsturz von 2011 zum Schutz des Dorfes gebaut wurde. Im Bergell war man auf den erneuten Felssturz in gewisser Weise vorbereitet, denn der Piz Cengalo wird ständig beobachtet. Die Geologen rechneten mit einem grossen Ereignis, allerdings erst auf Ende Jahr. Nun kam es früher als erwartet.

Sperren, Warnungen und eine offene Frage

Sichtlich gezeichnet präsentierte sich gestern Anna Giacometti, Präsidentin der Gemeinde Bergell, vor den Medien. Sie berichtete, dass Wanderer mit Schildern und Karten vor den Gefahren im Val Bondasca gewarnt worden seien. Der Übergang von der Hütte Sasc Furä zur Sciora-Hütte war sogar ganz gesperrt. Eine physische Sperrung bedeutet dies im Gebirge allerdings nicht. «Letztlich bedeutet dies: auf eigene Gefahr», räumte Giacometti ein. Die Frage drängte sich auf: Hätte der Zugang zum Tal deutlicher gesperrt werden müssen?

Auch die Politik nahm gestern Anteil an dem verheerenden Naturereignis. Die Bündner Regierungspräsidentin Bar­bara Janom Steiner informierte sich vor Ort und sagte der betroffenen Bevölkerung volle Solidarität und grösstmögliche Unterstützung des Kantons zu. Am Abend traf auch Bundespräsidentin ­Doris Leuthard ein.

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