Im Becher ist Tee, Punkt

Derzeit ist oft von alternativen Fakten die Rede. Als ob das etwas Neues wäre! In meinem Vateralltag bin ich ständig mit mehreren Realitäten konfrontiert.

Roger Berhalter
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Derzeit ist oft von alternativen Fakten die Rede. Als ob das etwas Neues wäre! In meinem Vateralltag bin ich ständig mit mehreren Realitäten konfrontiert. Ein Beispiel, neulich am Frühstückstisch: Der Zweijährige mustert seinen Becher: «Was hast du da reingetan?» – Ich: «Das ist Wasser.» – «Nein, das ist Tee.» – «Nein, das ist Wasser.» – «NEIN, DAS IST TEE!!» – «Ok, ok, das ist Tee.» Und schon ist es passiert: Ich gestehe meinem Sohn seine eigene Realität zu, weil jeder Fakten-Check einen Trotzanfall auslösen würde. Viel bequemer ist es, bei der alternativen Wahrheit zu bleiben: Im Becher ist Tee, Punkt.

Kleine Kinder lieben alternative Fakten. Ein Stuhl ist nicht einfach ein Stuhl, nein: Ein Stuhl ist ein Piratenschiff, das mitten in der Stube Wind und Wellen trotzt. Ein Kochlöffel wird zum Speer, mit dem der Ritter in der Küche Drachen tötet. Der Esstisch ist eine Insel in einem Meer aus glühender Lava. Alles nur Phantasie? Aus Erwachsenensicht vielleicht. Für die Kinder sind diese alternativen Fakten real.

So ähnlich stelle ich mir derzeit das Leben im Weissen Haus vor. Der Stab verschont den Präsidenten mit der Wahrheit, weil der Chef sonst wieder einen Trotzanfall bekommt. Vielleicht sollte aber mal jemand Klartext mit ihm reden: «Sorry, kleiner Mann: Im Becher ist Wasser.»

Roger Berhalter

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