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«Ich bin auch ein Entertainer»

Kreativität im Job
Julia Stephan

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als die S-Bahnen des Zürcher Einzuggebietes mit Sätzen wie «Ich bin auch ein Büro» und anderweiten Sprüchen darauf aufmerksam machten, wie vielseitig sie sind?

Als ich vor einigen Wochen mit der Rhätischen Bahn ins Engadin reiste, war mir für einen Moment, als wäre diese Ansage von der Multifunktionalität von Bahnwaggons endlich Realität geworden.

Denn der Kondukteur vermeldete über die Lautsprecheranlage nicht nur, dass er in Kürze die Tickets kontrollieren werde. «Ich mache dann noch einmal eine zweite Runde und habe dann ganz viele Getränke dabei. Ob Bier oder Kaffee – bestellen Sie, wonach Ihnen ist», plauderte er fröhlich drauflos. «Manchmal singt der auch», meinte die Einheimische, die mir gegenübersass, und sah dabei nicht besonders glücklich aus.

Ich hatte mich gerade erst gemütlich zurückgelehnt, um etwas zu schlafen, als die Stimme des Kondukteurs sich schon wieder ins Lautsprechersystem einklinkte. «Wir haben alle eine lange Reise vor uns, da will ich Ihnen die Wartezeit mit einem Rätsel versüssen», sagte er. «Also passen Sie auf: Reist ein Mann mit seiner bösen Schwiegermutter nach Jerusalem. Die Schwiegermutter stirbt während der Reise. Soll er sie in Jerusalem beerdigen oder gegen viel Geld in die Schweiz überführen?»

Die müden Gesicher der Fahrgäste verzogen sich zu einem ungläubigen Grinsen. Ich dachte bei mir: So eine kreative Erweiterung der Jobdefinition würde ich bei manchen Berufsgruppen sehr begrüssen. Wie wäre es mit Servicepersonal, das einem das Essen singend und mit einer Tanzchoreografie serviert? Bankangestellte, die Clownsgrimassen ziehen? Radschlagende Autoverkäufer? Jonglierende Kassierer? Oder Ärzte, die einem in der Sprechstunde aus Jux nebenbei noch die Karten legen?

Doch als ich mir die Gesichter meiner Mitfahrer anschaute, erkannte ich schnell, dass der Spass an dieser regelmässigen Bespassung nach einigen Wochen stark nachlassen muss.

Die Auflösung des Rätsels hat dieser hochmotivierte Kondukteur der Rätischen Bahn uns dann persönlich bei seinem letzten Kontrollgang verraten: «Der Schwiegersohn hat seine Schwiegermutter selbstverständlich in die Schweiz mitgenommen. Schliesslich ist in Jerusalem vor 2000 Jahren schon mal einer wiederauferstanden. So ein Risiko wollte der vermeiden.» Bestimmt hätte er mir ein Bier serviert, hätte ich die Antwort gewusst!

Julia Stephan

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