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HYPE: Zauberkessel für Kochfaule

Der Thermomix ist das Küchengerät der Stunde. Ein Mixer mit Heizung, Waage und Touchscreen, der vom Risotto bis zur Sauce Hollandaise alles hinkriegt. Aus Hobbyköchen macht er ganz schnell Knöpfchendrücker.
Katja Fischer De Santi

Katja Fischer De Santi

katja.fischer

@tagblatt.ch

Es hat was vom Kochen der Zukunft. Wie Vroni Ganz den Touchscreen dieser weissen Monstermaschine intuitiv bedient. Wie diese dann, nachdem sie mit Broccoli, Peperoni, einem Apfel, Essig, Honig und Gewürzen gefüllt wurde, für exakt fünf Sekunden brummt, dann piepst: und fertig ist der lauwarme Gemüsesalat. Und so geht das den ganzen Abend weiter: Egal ob Dinkelbrötchen, Sauce Hollandaise, Risotto oder Fruchtglace. Zutat rein, Knopf drücken. Nächste Zutat, wieder Knopf, Zutat, Knopf, Zutat, Knopf. Bis das Gerät vermeldet, dass das Essen fertig ist. Sinnlich ist das nicht, eher etwas gespenstisch, aber das waren sprechende Smartphones auch einmal.

Er steht millionenfach auf Küchenablagen

Wer sich davor fürchtet, dass eines Tages Maschinen die Macht über uns Menschen ergreifen könnten, muss jetzt sehr stark sein: In vielen deutschen, italienischen, französischen und sogar australischen und amerikanischen Küchen ist das bereits geschehen. Dort steht er millionenfach auf den Küchenablagen: Der Thermomix TM5: Die vierte Generation mit zwölf Funktionen und über achtzig Patenten. Die eierlegende Wollmilchsau unter den Küchengeräten, weil es püriert, hackt, quirlt, kocht, dämpft und knetet und sogar über eine eigene Rezeptdatenbank verfügt. Ein Teufelsgerät. Und eine Erfolgsgeschichte für ein Familienunternehmen aus dem deutschen Wuppertal. Vorwerk, so der spröde Name dieses 130 Jahre alten Unternehmens, verkauft pro Jahr «Küchenmaschinen mit Kochfunktion» im Gegenwert von einer Milliarde Euro. Der Thermomix kann nicht nur viel, es kostet auch richtig viel: 1450 Franken.

So viel Geld gibt man nicht mal eben schnell im Mediamarkt aus. Dort findet man den Thermomix auch nicht. Wer ihn will, der muss zu Vorwerk, respektive zu Vroni Ganz oder einer ihrer weltweit 300000 Kolleginnen. Sie, die sogenannten «Thermomix-Repräsentantinnen» sind das Verkaufsgeheimnis des Unternehmens.

Vroni Ganz, weisse Bluse, blondes mittellanges Haar, eine Frau mit Energie und bayerischem Charme, verkauft seit drei Jahren den Thermomix per Direktvertrieb. Sie ist eine leidenschaftliche Köchin, aber eine, die es mag, wenn’s schnell geht. In ihrem stattlichen Haus in Niederteufen hat sie zum «Erlebniskochen» geladen. Neben der Journalistin stehen drei potenzielle Käufer in der Küche und stossen etwas verzagt mit Prosecco an. «Soll ja praktisch sein, dieser Thermomix, gerade wenn man wenig Zeit hat nach der Arbeit. Und die Kinder wollen schnell was zu essen», eröffnet einer der Frauen den Smalltalk. «Genau», wirft Ganz ein. «Der Thermomix zaubert euch schneller was Gesundes auf den Tisch, als ihr eine Fertigpizza aus dem Ofen nehmt.»

Ganz leitet ein Team von 25 Verkäufern an. Alles Überzeugungstäterinnen wie sie selbst. Drunter seien Veganer, ein Fitnessfreak, ein Profikoch, ein Gourmet. Der Thermomix sei nicht nur was für gestresste Hausfrauen. Sie selbst, aufgewachsen auf einem grossen Bauernhof, kennt den Thermomix schon lange. «In Deutschland steht in jedem dritten Haushalt so ein Ding.» Und auf einem Bauernhof sei er sowieso unverzichtbar, weil das Gerät praktisch selbstständig Konfitüren einmacht, Apfelmus herstellt oder Suppen kocht. Warum die Schweizer, umzingelt von Thermomix-Boom-Ländern, bislang so zaghaft auf diese Wundermaschine reagieren, weiss niemand so recht. Vroni Ganz vermutet, dass es mit der Zurückhaltung der Schweizer gegenüber Neuem zu tun hat. Am Preis allein kann es nicht liegen. Schliesslich dampft in vielen hiesigen Küchen ein Steamer vor sich her, und der kostet ein Vielfaches. Auch beim Schweizer Vertrieb wird man schmallippig, wenn es um die Resistenz der Schweizer gegenüber dem Wundergerät geht. Seit 1984 wäre er hierzulande erhältlich. Doch so richtig in Gang kommt der Verkauf erst seit einigen Jahren. Auf dem Land im Übrigen besser als in der Stadt, heisst es.

Diese Power macht auch mal Krach

Jetzt gibt es aber erst mal Dinkelbrötchen. Zwecks Lerneffekt müssen die Gäste selber ran. Auf dem Touchscreen dafür das Brot-Rezept auswählen, und schon leitet die Maschine den Menschen an. 100 Gramm Dinkelkörner, bitte, dann mahlen auf Stufe 10. Es wird richtig laut, nichts für hochsensible Gemüter. Die Power von knapp 11000 Umdrehungen pro Minute fordert ihren Tribut. Die schneidigen Messer im Inneren der Maschine können aber auch ganz sanft: Rückwärts rühren sie mit ihrer stumpfen Seite jeden Teig. Eine Funktion, auf die Vorwerk besonders stolz ist.

Schneller, als aufzuzählen, was der Thermomix kann, ist gesagt, was der Thermomix nicht kann: ein Stück Fleisch anbraten. Und backen kann die Maschine auch nicht. Bei Dips, Saucen, Smoothies und vor allem Suppen ist der Thermomix hingegen fast unschlagbar. «Mayonnaise werden Sie nie mehr in einer Tube kaufen und Parmesan immer frisch hobeln», prophezeit Vroni Ganz und schmeisst schnell ein paar Zutaten für einen Quarkaufstrich in die Maschine.

Zum legendären Ruf der Maschine trägt aber noch eine weitere Erfolgskomponente bei: Das Gerät verbindet. Es gibt Video­kanäle und Blogs, wo unter dem Stichwort Thermomix mehr als 300 000 Beiträge angezeigt werden. Eingestellt von Frauen, die sich «Thermifee» oder «Mixeria» nennen, was schon zeigt, wie sehr sie mit diesem Gerät verschmolzen sind. Am Kiosk heisst es nach «Landlust» und «Landliebe» nun «meinThermo» und «Mixx – Küchenspass». Die ersten 200000 Exemplare von «Essen & Trinken mit Thermomix» waren innert kürzester Zeit ausverkauft. Warum das funktioniert? Weil sich normale Rezepte nicht einfach übersetzen lassen. Die Maschine kennt nur Gramm, keine Milliliter. Dafür gibt es zehn Zubereitungsstufen plus den Turbo-Modus. Thermomix-Menschen brauchen also spezielle Rezepte. Bei denen im Sekundentakt aufgeschrieben steht, wie die Maschine zu befüllen und zu betätigen ist.

Das passt nicht allen: Kochprofis wehren sich, niemals könne eine Maschine den Menschen am Herd ersetzen. Gourmets beklagen die Entsinnlichung des Kochens. Pädagogen befürchten, dass dereinst kein Kind mehr ein Rüebli schneiden könne. Selbst der Konsumentenschutz wurde schon aktiv, weil es hiess, Vorwerk nutze sein Monopol aus. Längst gibt es zig Thermomix-Kopien auf dem Markt. Als Lidl vor einiger Zeit eine Billigvariante in die Läden brachte, standen die Leute Schlange dafür. Bei Vorwerk bleibt man ungerührt. Vorsprung durch Technik, lautet die Losung. Bald soll der Thermomix mit dem Internet verbunden werden und gleich selbst die Zutaten fürs Mittagessen bestellen.

Das iPhone unter den Küchenmaschinen

Der Thermomix macht Kochen zur (fast) idiotensicheren Angelegenheit. Mit Gelinggarantie des Herstellers! Gesund und frisch. Er verspricht Zeitersparnis. Er ermöglicht eine Ernährung ohne Konservierungsstoffe, weil dank ihm auch Laien eine Schokoladenmousse hinkriegen. Das alles vereint in einem Ungetüm aus weissem Kunststoff und einem Blechtopf in der Mitte. Ein Mixer als neues Statussymbol. Zumindest für die einen. Die anderen versuchen ihre Küche als letzte Bastion der Entschleunigung zu verteidigen.

Vroni Ganz hingegen ist zufrieden. Die Küche ist aufgeräumt, und noch während Fruchtglace gelöffelt wird, hat sie einen weiteren Thermomix TM5 verkauft.

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