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HUMAN ANIMAL STUDIES: «Möpse gelten als Frauenhunde»

Die Historikerin Aline Steinbrecher untersucht die Beziehung von Menschen und Hunden und folgt damit einem Forschungstrend. Ein Gespräch über Tiere, die Geschichte machen.
Katharina Brenner
In Goyas «Bildnis der Marchesa de Pontejos» von 1786 ist das Band des Mopses auf die Schuhe abgestimmt. (Bild: Francis G. Mayer/Getty)

In Goyas «Bildnis der Marchesa de Pontejos» von 1786 ist das Band des Mopses auf die Schuhe abgestimmt. (Bild: Francis G. Mayer/Getty)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Aline Steinbrecher, Tiere schreiben weder Tagebücher noch Briefe oder Urkunden. Sie hinterlassen keine Werkzeuge und keine Kunst. Mit welchen Quellen erforschen Sie ihre Geschichte?

Zwar haben Hunde keine Tagebücher geschrieben, aber ihre Halter sehr wohl. Sie berichten darin von der innigen Beziehung zu ihren Tieren. Bei Hunden, zu denen ich hauptsächlich forsche, ist die Quellenlage dankbar, weil sie schon immer eng mit Menschen zusammengelebt haben. Eine weitere Quelle ist das Verwaltungsschriftgut. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es sehr viele Verordnungen zur Hundehaltung.

Das Zusammenleben von Menschen und Hunden in der Stadt war also schon vor 300 Jahren ein Thema.

In den Medien entsteht häufig der Eindruck, es habe noch nie so viele Hunde in den Städten gegeben wie heute. Das stimmt nicht. In Europa waren es im 18. und 19. Jahrhundert drei- bis siebenmal so viele wie heute. In manchen Häusern lebten 30 bis 40 Hunde.

Auch wenn es heute weniger Hunde gibt: Hat sich ihr Stellenwert vergrössert? Einigen gelten Hunde als Familienmitglieder, anderen als Accessoires. Manche Rassen scheinen im Trend zu liegen, Möpse etwa.

Möpse gelten heute noch als Frauenhunde – gleich wie vor 200 Jahren. Im 18. und 19. Jahrhundert hat es zur Mode gehört, einen Hund auf dem Arm zu tragen. Mit der neuen Kleidung wurde immer auch der passende Hund präsentiert. Später im 19. Jahrhundert wurde dieses enge Verhältnis genutzt, um Frauen gezielt zu diffamieren. Einigen wurden sexuelle Beziehungen zu ihren Hunden unterstellt.

Dass Hundehalter ein enges Verhältnis zu ihren Tieren haben, ist also nichts Neues. Hat sich etwas verändert im Verhältnis zu Haustieren?

Die Medizin hat sich stark ver- ändert. Kleintierkliniken führen heute Chemotherapien und Organtransplantationen durch.

Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Jeder Tierhalter muss das selbst entscheiden. Und es geht hier um viel Geld. Ich bin mir nicht sicher, ob solche Eingriffe immer das Beste sind für das Tier.

Haben Sie selbst Tiere?

Ich habe zwei Katzen und einen Hund. Das ist natürlich keine Voraussetzung für meine Forschung. Aber ich denke schon, dass jeder, der auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Beziehungen forscht, ein besonderes Interesse an Tieren hat.

Einige Forscher untersuchen Mensch-Tier-Verhältnisse mit dem Ziel, Tieren mehr Rechte zukommen zu lassen. Wie politisch ist dieses Feld?

Es gibt in der Geschichtswissenschaft zwei Richtungen: Die Human Animal Studies und die Critical Animal Studies. Letztere sind dezidiert politisch engagiert und bewegen sich manchmal am Rand der Wissenschaftlichkeit.

Inwiefern?

Wenn ich schon vorher weiss, was ich herausfinden werde, ist das für die Wissenschaft ein Problem.

Schadet das dem Ruf der Human Animal Studies? Unter Historikern wird das Erforschen von Tieren oftmals belächelt, manchen gilt es gar als antiintellektuell.

Mittlerweile steht es um die Human Animal Studies nicht mehr so schlecht im deutschsprachigen Raum. In Deutschland gibt es zwei Professuren. Auch Schweizer Universitäten bieten immer mehr Seminare zu Mensch-Tier-Beziehungen an, Doktorarbeiten werden dazu verfasst.

Sind die Human Animal Studies dabei, sich an den Schweizer Universitäten zu etablieren?

Das kann ich schwer einschätzen. Das zeigt sich in fünf Jahren.

Was sind beliebte Themen?

Die Geschichte von Zoos ist sehr gut erforscht. Im Rahmen der Postcolonial Studies spielen Tiere eine wichtige Rolle. Eine Frage ist beispielsweise, welchen Einfluss eingeschleppte Tiere bei der Eroberung der Kolonien hatten.

Gibt es Tiere, die besonders häufig erforscht werden?

Ja, solche, mit denen Menschen eng zusammenleben und zu denen es deshalb viele Quellen gibt: Hunde, Katzen und Pferde. Zu Pferden ist die Quellenlage im 19. Jahrhundert fast besser als zu Arbeitern. Diese Tiere haben die Geschichte aktiv mitgestaltet.

Wie können Tiere Geschichte aktiv mitgestalten?

Ein Beispiel ist die Kulturtechnik des Spazierengehens: Sie ist zur gleichen Zeit aufgekommen, in der sich Hunde in den Haushalten etablierten. Hunde durften ab Mitte des 18. Jahrhunderts in grösseren Städten im deutschen Raum nicht mehr alleine auf die Strassen. Sie müssen aber natürlich früher oder später mal raus. Weil Hunde dieses Bedürfnis haben, haben sie aktiv das Verhalten der Menschen mitgestaltet.

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