HOLOCAUST-PROZESS: «Moralisch war er schon damals erledigt»

Das Gerichtsdrama «Denial» schildert die Ereignisse um die Klage eines Holocaust-Leugners gegen Deborah E. Lipstadt. Die US-Historikerin erinnert sich im Gespräch an den Prozess im Jahr 2000.

Geri Krebs
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Aufmarsch gegen den Lügner: Deborah Lipstadt (gespielt von Rachel Weisz) mit ihren Anwälten auf dem Weg ins Gericht. (Bild: Filmcoopi/PD)

Aufmarsch gegen den Lügner: Deborah Lipstadt (gespielt von Rachel Weisz) mit ihren Anwälten auf dem Weg ins Gericht. (Bild: Filmcoopi/PD)

Geri Krebs

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@tagblatt.ch

Die Historikerin Deborah E. Lip­stadt, 1947 in New York geboren, ist eine der international bedeutendsten Holocaust-Forscherinnen. Ihr 1993 erschienenes Buch «Denying the Holocaust» war der Auslöser für eine Klage des britischen Holocaust-Leugners David Irving in London.

Deborah Lipstadt, wie haben Sie sich damals gefühlt, als Sie von David Irving angeklagt wurden?

Meine erste Reaktion war: Das ist doch total lächerlich, das kann nicht sein. Doch als der Prozess dann wirklich anrollte, gab es schon Momente, in denen ich mich fühlte, als ob ich nachts auf einer dunklen Landstrasse mit dem Auto unterwegs wäre und mir plötzlich frontal ein riesiger Hirsch gegenüberstehen würde.

Was macht David Irving heute eigentlich?

Oh, das weiss ich nicht, ich verfolge nicht, was er macht, das wäre zu viel Ehre für ihn. Er hat damals während ziemlich langer Zeit mein Leben in Beschlag genommen. Jetzt ist er schon ein ziemlich alter Mann, er wird bald 80. Das Beste wäre doch einfach, wenn er langsam in Vergessenheit geriete. Und vielleicht habe ich dazu ja einen kleinen Beitrag geleistet.

Aber der Prozess machte ihn seinerzeit noch bekannter?

Ja, aber das ist jetzt immerhin 17 Jahre her. Er war zwar damals dauernd in den Medien, aber immer mit dem Zusatz: «der Holocaustleugner, der in London den Prozess verlor». Moralisch war er schon damals völlig erledigt.

Damals lebten viele Zeitzeugen, aber die letzten sterben langsam weg. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass dies solchen Leuten wie Irving erneut Auftrieb geben könnte?

Zuerst mal: Jedem und jeder Holocaust-Überlebenden wünsche ich ein möglichst langes und glückliches Leben. Das klingt vielleicht seltsam und schrecklich, aber ich sage das mit den besten Absichten. Und ich bin sicher, dass wir in Zukunft auch ohne Holocaust-Zeugen in der Lage sein werden, das zu beweisen, was damals geschehen ist. Im Prozess von 2000 haben wir genau das gemacht, wir dokumentierten anhand von schriftlichen Zeugenaussagen von Überlebenden direkt nach dem 2. Weltkrieg. Die Essenz jenes Prozesses bestand ja darin, dass es nicht notwendig war, die Aussagen von Betroffenen zu haben. Die Geschichte des Holocaust wird für immer so klar und so unumstösslich sein wie die Geschichte der Sklaverei in Amerika. Aber natürlich haben Sie recht: Jemanden zu hören, der aus eigener Erfahrung erzählen kann, das wird verloren sein.

«Denial» wurde einige Zeit vor «Fake News» gedreht. Hat der Film für Sie eine unerwartete Aktualität bekommen?

Also, ich will da keine falschen und direkten Vergleiche machen. Aber Taktik und Modus operandi des Protagonisten in «Denial» sind jenen Leuten nicht unähnlich, bei denen wir heute von «Fake News» sprechen. Man mischt Fakten, Meinungen und Lügen wild durcheinander und beharrt dann darauf, dreiste Lügen im Gewand von Meinungen auftreten zu lassen.