Höhenflüge und Bruchlandung

In knapp der Hälfte angelangt, zeichnen sich in Cannes bislang drei Anwärter für die Goldene Palme ab: Débutregisseur László Nemes sowie Nanni Moretti und Todd Haynes. Buhrufe gab es für Gus van Sants «Sea of Trees».

Doris Senn
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Szene aus «Carol» mit Cate Blanchett. Eine Liebesgeschichte, inspiriert von Patricia Highsmith. (Bild: pd)

Szene aus «Carol» mit Cate Blanchett. Eine Liebesgeschichte, inspiriert von Patricia Highsmith. (Bild: pd)

Als eigentlicher «Trend» zeichnet sich diesjährig der Hang europäischer Filme zu internationalen Grossproduktionen mit Staraufgebot ab. Oft zuungunsten der Story – immer zulasten der lokalen Verankerung. Im Strom schwimmt etwa der Italiener Matteo Garrone mit «Il racconto dei racconti», der Verfilmung der wortverspielten neapolitanischen Märchen von Basile. Garrone reduzierte die barocke Erzählfülle auf drei Stränge: So spielt Salma Hayek die Königin von Selvascura, die das blutige Riesenherz eines Meerdrachens verspeisen muss, will sie ein Kind bekommen. Vincent Cassel macht als König von Roccaforte, blind vor Begehren, einer hässlichen alten Jungfer den Hof, und John C. Reilly mimt den König von Altomonte, der einen Floh zu seinem Ein und Alles erklärt. Aus den symbolstarken Märchen werden langatmige Horrorgeschichten, die – nicht kindertauglich – auch ein erwachsenes Publikum trotz opulenter Szenographie und hochkarätigen Stars kaum ins Kino locken werden.

Kein Film ohne Stars

Mit «Lobster» drehte auch der Grieche Yorgos Lanthimos seine erste englischsprachige Produktion. Er erzählt die herrlich abstruse Dystopie über ein drakonisch geführtes Hotel, in dem Singles eine letzte Chance erhalten: Sie haben 45 Tage Zeit, um sich zu «verpaaren», ansonsten ihnen die Verwandlung in ein Tier droht – etwa in einen Hummer, wie sich das David (Colin Farrell) zur Not wünscht. Mit lakonischem Witz schuf Lanthimos die wohl skurrilste Fabel über die paarungsgedrängte Gesellschaft – auch wenn ihm zum Schluss der Humor ausgeht.

Der Norweger Joachim Trier drehte, auch er, sein Familiendrama «Louder Than Bombs» in Englisch, in den USA mit französischer Hauptdarstellerin. Es erzählt vom vertuschten Selbstmord einer Mutter (Isabelle Huppert), was Jahre später bei einer Ausstellung – sie war eine bekannte Kriegsfotografin – zwischen Vater und Söhnen für Konfliktstoff sorgt. Dabei scheitert die sich stimmig entfaltende Dramaturgie mit einem fein konstruierten Netz aus verschränkten Blickwinkeln auf die Geschehnisse just an der Besetzung: Huppert, in Flashbacks sehr präsent, treibt mit ihrer unterkühlten Art die Geschichte auseinander und lässt sie atomisieren. Doch es gibt auch wahre Entdeckungen.

Erste Kandidaten für die Palme

Da ist zum einen der ungarische László Nemes, der mit seinem Erstling «Saul fia» ein mehr als anspruchsvolles Thema meistert. Sein vom ersten Augenblick an packendes Werk über die jüdischen «Geheimnisträger» in den KZs, die abkommandiert waren, die Menschen in die Gaskammern zu schleusen und die Spuren der Vernichtung zu tilgen, setzt inhaltlich wie formal Massstäbe: Saul (brillant: Débutant Geza Röhrig) will als Akt der Menschlichkeit einen getöteten Bub begraben. Die Kamera – man drehte auf 35 Millimeter und im fast quadratischen Bildkader – setzt den Fokus rigoros auf Saul, belässt alles weitere in Unschärfe, evoziert es einzig durch eine ausgeklügelte Off-Tonspur und schafft so ein Werk von unglaublicher Wucht.

Altmeister Nanni Moretti kehrt mit «Mia madre» zu einer persönlich geprägten Geschichte zurück und liefert ein emotional geladenes Meisterwerk. Moretti hat sein Alter Ego an eine Frau delegiert: Margherita Buy, eine Regisseurin, überfordert sowohl als alleinerziehende Mutter wie als Tochter einer schwerkranken Mutter. Moretti, der als Bruder Margheritas für einmal souverän agiert, gelingt eine bestechende Mischung aus Drama und Komödie, aus Reflexion über Tod und Abschied – ohne ins Melodram abzutauchen. Nicht zuletzt dank John Turturro, der dem Ganzen mit seinen italienischen Wortakrobatien auf dem Set etwas Leichtigkeit verschafft.

Todd Haynes wiederum hat ein sublimes Werk geschaffen – die lesbische Version von «Far From Heaven». «Carol», nach dem gleichnamigen, autobiographisch inspirierten Roman von Patricia Highsmith, erzählt eine verbotene Liebesgeschichte, die die Autorin 1952 unter Pseudonym veröffentlichte. Haynes schuf ein fesselndes, in makellosem 1950er-Styling inszeniertes Gesellschaftsdrama, in dem sich Therese (hervorragend Rooney Mara) in die etwas ältere und in reichen Verhältnissen lebende Carol (Cate Blanchett) verliebt. Ein Augenschmaus.

Auch Grosse können scheitern

Von der Kritik ausgebuht wurde Gus van Sants dialoglastiger «Sea of Trees». Die Story um einen suizidwilligen Amerikaner, der in Japan in den «Selbstmordwald» eintritt, und – nachdem er auf einen verletzten Japaner trifft – alles tut, um ihrer beiden Leben in einer Parforcetour zu retten, rief viel Häme hervor: In Flashbacks konstruiert van Sant die vertrackte Vorgeschichte um Arthur und verlängert nicht nur diese, sondern auch die Suche nach dem Ausweg aus dem unter Zauberbann stehenden Wald mit immer noch mehr retardierenden Elementen. Den zum Kitsch neigenden Plot konnten auch die wunderbaren Aufnahmen von wogenden Baumkronen, die sich wie ein grünes Meer ausnehmen, nicht retten.

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