HOBBY: «Es hat sofort gefunkt zwischen uns»

Viele Frauen wollen sich ihren Mädchentraum erfüllen und spät noch reiten lernen. Sie sehnen sich nach Freiheit und ­ Naturverbundenheit. Manche Reitlehrerinnen weisen jedoch Anfängerinnen über 50 ab.

Melissa Müller
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Wer ist der Chef? Chantal Schweizer (vorne) zeigt Stute Hilda, wer die Meisterin ist. (Bild: Ralph Ribi (Brunnadern, 25. Januar 2018))

Wer ist der Chef? Chantal Schweizer (vorne) zeigt Stute Hilda, wer die Meisterin ist. (Bild: Ralph Ribi (Brunnadern, 25. Januar 2018))

Melissa Müller

Chantal Schweizer hat ihr Herz verloren – an Hilda. Voller Hin­gabe striegelt und sattelt sie die schwarze Isländer-Stute an einem eisigen Morgen im Stall. «Wir sind noch in der Kennenlernphase», sagt Chantal Schweizer und krault Hilda hinter den Ohren.

Viele Frauen erfüllen sich im Erwachsenenalter ihren Mädchentraum und knüpfen nach jahrelanger Reitpause wieder an ihre Beziehung zu Pferden an. So wie Chantal Schweizer. Vor einem Jahr hat sie Hilda im Reithof Neckertal in Brunnadern gekauft – weil ihre siebenjährige Tochter ihr dauernd in den Ohren lag.

Die dreifache Mutter ritt vor dem Kauf drei Pferde zur Probe. Als sie zum ersten Mal auf Hilda sass, «hat es sofort gefunkt zwischen uns». Ihr war, als flirte Hilda mit ihr. Bei einem Ausritt bekam die 39-Jährige aber auch die bockige Seite der stolzen Stute zu spüren: Die Strasse war vereist, die Reiterin bremste das Pferd, weil sie fürchtete, dass es ausrutschen könnte. Aber Hilda raste im gestreckten Galopp von dannen. Die sportliche Frau liess sich nicht abschütteln. «Hilda ist eine Diva», sagt sie. «Ich habe ihr am Anfang zu wenig gezeigt, wer der Meister ist.»

Pferde erfordern Führungsstärke. «Firmenchefs kommen oft intuitiv gut klar mit Pferden», sagt Sandra Scherrer, Inhaberin des Reithofs Neckertal. Alle paar Tage klingelt bei ihr das Telefon und eine Frau fragt, ob sie bei ihr Reitstunden nehmen dürfe. Oft sagt sie Nein. Etwa bei einer 60-Jährigen, die davon träumte, wie ein Cowgirl durch die Prärie zu reiten, aber auch Angst hatte, weil sie einmal von einem Pferd abgeworfen worden war. Sandra Scherrer lehnte ab. «Für ein Pferd muss man körperlich und mental stark sein», sagt die Herrin über 120 Isländer. Auch einem 60-jährigen Reitanfänger riet sie von diesem Hobby ab, nachdem er vom Pferd gefallen war. «Wenn man älter ist, brechen die Knochen schneller.» Eine gewisse Sportlichkeit sei von Vorteil. Auch wenn jemand über 80 Kilo wiegt, komme er als Reitschüler nicht in Frage.

Aller Anfang ist schwer

Reitlehrerin Nirina Meyer von Steg im Tösstal rät Leuten, die nach 50 noch reiten lernen wollen, ebenfalls davon ab. «Aber mit Pferden sein – sie beobachten, führen, putzen – geht immer», sagt die Expertin, die sich auch beim Schweizer Freizeit­reitverband einsetzt. Viele ihrer ­Kundinnen seien als Kind schon ­geritten, hätten aber schlechte Erfahrungen gemacht, sie seien gestürzt oder vom Reitlehrer angebrüllt worden.

Laura Ochsner aus Egg im Kanton Schwyz sagt über ihre Schülerinnen über 50: «Oft war es immer ihr Traum, aber aus finanziellen Gründen oder wegen der Familie nicht möglich.» So erging es auch der 51-jährigen Rosa Hurni. Jahrelang hatte die Empfangsdame einer Firma ihre Bedürfnisse hinter jene ihrer Kinder gestellt. Bis sie sich vor vier Jahren für Reitstunden anmeldete. Anfangs musste sie auch Frust einstecken. «Ich hatte nicht so viel Selbstvertrauen, setzte mich unter Druck.» Das Pferd spürte dies sofort und reagierte darauf, wenn sie unkonzentriert war. «Ich habe lernen müssen, mehr Geduld mit mir selber zu haben.» Zu Beginn habe nach den Reitstunden ihr ganzer Körper weh getan. «Aber es war der schönste Muskelkater meines Lebens.»

Kraft mischt sich mit Eleganz

Marcel Schnetzler vom Aargauer Ausbildungs- und Therapiezen­trum «das Pferd» führt seit 20 Jahren Erwachsene an Pferde heran. Er rät Widereinsteigerinnen, ohne Zwang in kleinen Gruppen von zwei bis drei Personen reiten zu lernen. In einer Gruppe von acht Reitern sei man schnell überfordert.

Reiten ist nicht nur ein Sport, es ist eine Lebensschule. «Das Pferd spiegelt den Menschen, es gibt immer eine ehrliche Rückmeldung», sagt Marcel Schnetzler. Ein Ross strahlt Geborgenheit aus, lädt zum Anlehnen ein. Da ist seine Schüchternheit; das verletzliche Fluchttier, das Fürsorge weckt. Das Bürsten und Striegeln, das Boxenausmisten gehört zur Beziehungspflege. Manche Pferdenärrin sagt, dass das Pferd sie tröste, wenn sie traurig sei. «Das Pferd kann ein Therapeut sein», sagt Schnetzler.

Schon oft versuchten Psychologen, die Faszination von Pferden auf Frauen und Mädchen zu ergründen. Kraft mischt sich beim Pferd mit Eleganz, das Wilde sich mit dem Sanften. Es hat Hufe, die totschlagen können. Bei keinem anderen Tier steht das Körperliche so im Vordergrund. Man kontrolliert das Pferd, indem man es führt, sucht den Einklang in der Bewegung.

Chantal Schweizer strahlt, als sie sich auf Hilda schwingt und mit ihr über die Toggenburger Hügel trabt. Am Wochenende geht sie oft mit ihrem Mann, den drei Kindern und der Isländer-Stute Hilda spazieren, manchmal picknicken sie am Fluss. Die Familie hat einen Bewegungsplan für Hilda erstellt sowie einen Finanzplan für Unterhalt und Pflege – denn ein Pferd ist monatlich etwa so teuer wie ein Auto.

Vor dem Kauf fragten sie sich auch: Wie weiter, wenn die ­Kinder das Interesse am Tier ver­lieren? Es wieder zu verkaufen, kann sich Chantal Schweizer nicht vorstellen. «Hilda ist ein richtiges Familienmitglied geworden.»