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Hinter den Fassaden alles Wüste

Zürichs engagierteste Prostituierte war ein St. Galler Mädchen aus gutem Hause. Susanna Schwager erzählt ihr Leben.
Katja Fischer De Santi
Dominatrix holding handcuffs, isolated on white background (Bild: Alexovics Attila (62014524))

Dominatrix holding handcuffs, isolated on white background (Bild: Alexovics Attila (62014524))

Die Rote Zora, diese schöne Frau mit den langen rötschen Haaren, war eine Berühmtheit im Zürcher Niederdorf. Als eine der ersten Prostituierten fesselte sie Männer gegen viel Geld an «ein Böckli und liess sie ein bisschen leiden». Vor allem aber setzte sie sich stets für die Schwächsten ein. Sie, die Tochter eines St. Galler Hoteliers, vier Fremdsprachen fliessend sprechend, legte sich mit allen an: Behörden, Polizei, Zuhälter. Man hat sie deswegen angeschossen, misshandelt, gefoltert, doch Frau Zora stand immer wieder auf.

Immer dabei Päuli und Luzi II

Die Zürcher Schriftstellerin Susanna Schwager hat die Rote Zora bis kurz vor ihrem Tod im Februar dieses Jahres immer wieder besucht. Entstanden ist daraus das Buch «Freudenfrau», die Lebensgeschichte von Hedy aus St. Gallen. Weniger eine Geschichte über Sex and Crime, als eine über Courage und Wärme. Wie schon in ihrem ersten Buch, «Fleisch und Blut», über ihre Grosseltern, lässt Schwager ihre Protagonistin in direkter Rede plaudern, ohne je in einen Plauderton zu fallen.

Der Vater, Besitzer des Palace

Die Vorgeschichte dieser Milieudame mag viele verblüffen: Hedy – so nennt die Autorin sie – hatte eine «Superkindheit in St. Gallen». Ihr Vater, Besitzer des Kino Palace und Hotelier, ist ein einflussreicher Mann. Verwöhnt sei sie gewesen, das hübsche, aber uneheliche Töchterchen. Die Mutter chrampft sich als Krankenschwester halbtot. Die Eltern leben in einer losen Beziehung. Hedy selbst ist hin und her gerissen, zwischen Luxus und hohen Ansprüchen beim Vater, hartes Arbeiten und Entbehrungen bei der Mutter.

Kindergärtnerin wäre sie gern geworden und später dann «eine dicke Mutter mit vielen Kindern.» Aber das gefällt dem Vater gar nicht. Und so kommt Hedy zu den Nonnen. Beste Ausbildung im Hertensteiner Institut «Stella Matutina», Matura mit «super Noten». Später dann ein Studium, Medizin oder Recht. Doch Hedy will nicht, will auch nicht Sekretärin sein bei Perosa oder Vögele. Will nicht im St. Gallen der Nachkriegsjahre bleiben «weil es spiessig war, bünzlig. Eng, die Leute streng, und hinter den Fassaden alles Wüste.»

Weit, weit weg von St. Gallen

Mit einer Freundin reist sie nach Berlin, wo sie im Hotel Hilton einen bildhübschen Maghrebiner kennenlernt. Liebe auf den ersten Blick. Der Vater gibt seinen Segen. Und so landet das gebildete St. Galler Mädchen mit knapp 20 Jahren in einem arabischen Luxushotel.

Doch die Katastrophe bahnt sich schnell an. Hedy langweilt sich; sie lernt Arabisch und bildet sich zur Reiseleiterin aus. Der eifersüchtige Ehemann bremst sie jedoch aus, wo er kann, und geht vor ihren Augen fremd. Sie hält es nicht mehr aus und flüchtet mit ihrem kleinen Kind in die Schweiz. Zurück nach St. Gallen zu ihrem Vater. Dort ist sie nur halb willkommen. Zuerst einen Heiden heiraten, dann das Kind rauben und sich scheiden wollen. «Ein solches Gerede im ersten Haus am Platz in St. Gallen. Das ging nicht.» Erst recht nicht mehr, als der Vater stirbt.

Hedy muss ganz unten durch. Lebt mit Kind in einer dunklen Einzimmerwohnung. Dann geht sie weg nach Zürich. «In der grossen Stadt war man grosszügiger.» Zuvor hat sie drei Jahre mit der St. Galler Vormundschaftsbehörde um das Sorgerecht ihres Kindes gestritten. «Von da an hiess es überall, ich sei renitent, mit mir sei nicht gut Kirschen essen.» Ihr ist das alles egal. Doch für die Prozesse im In- und Ausland, die sich über Jahre hinzogen, muss sie «einfach elend viel bezahlen».

So beginnt Hedy, am Nachmittag im Niederdorf Männer zu empfangen, die «nur in den Schmerzen etwas erleben». Sie bezahlen Hunderte von Franken, so viel verdient sie im Büro, in dem sie morgens arbeitet, nicht einmal in einer Woche. Einen Teil des Geldes investiert sie. Etwa in einen Käfig – «einen schön geheizten, damit sie sich nicht erkälteten».

Angst spielen

Politiker, Anwälte und Ärzte empfängt sie in ihrem Salon. Öffentliche Menschen, die nach Hedys Aussagen «ein bisschen Gegendruck spüren wollten. Angst spielen.» Sie selber hätte sich wohl nie als Domina bezeichnet. Sie findet die ganze Sache mit dem Zwinger und dem «Bittibätteln» langweilig.

In Hedys Erzählungen scheint das Zürcher Rotlichtmilieu der 1960/70er-Jahre fast idyllisch. Man kennt und achtet einander, Zuhälter gibt es praktisch keine. Doch das Klima wird rauher «Plötzlich gab es doch wegen allem und jedem Bussen, furchtbar.» Hedy, gebildet und eloquent, wehrt sich, veranstaltet Petitionen.

Aufmüpfig und unbequem bleibt sie eine Leben lang, auch nach dem 22. Januar 1984. Zwei ehemalige Untermieterinnen und sechs Zuhälter überwältigen Hedy und quälen sie über 36 Stunden hinweg mit Schlagstöcken, Stahlruten, Messern und Peitschen auf grausamste Art. Gerettet wird sie nur durch einen Zufall: Ein Polizist, der wegen einer andern Sache gerufen wird, hört seltsame Laute hinter der Tür.

Trotz Elend warm geblieben

Hedy selbst spricht im Buch nicht über die Tat. Zeitungsberichte und die Erinnerungen eines Sittenpolizisten füllen die Lücke. «Ich wollte nichts aus ihr locken, was sie mir nicht geben wollte», sagt Susanna Schwager. Es gebe alte Medienberichte zur Genüge. «Es interessierte mich sowieso weit mehr, wie Hedy wurde, was sie wurde.» Eine Frau, die trotz allem Elend, nie an Wärme verlor.

«Ich bin immer positiv, was denn sonst? Wie soll man sonst existieren? Ich will das Leben sehen, nicht den Tod. Der glotzt und zwinkert sowieso herüber.» Ein Geschenk, dass es Susanne Schwager gelungen ist, Hedy zuzuhören, bevor der Tod sie doch noch einholte.

Susanne Schwager: Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich, Wörterseh 2014, 208 S., Fr. 34.90

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