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Herzen gesucht

Tag der Organspende Über 1000 Menschen in der Schweiz warten auf ein Spenderorgan: eine Niere, ein Herz, eine Lunge. Doch die Spendebereitschaft ist in der Schweiz zu gering. Für Patienten auf der Warteliste kommt die Rettung oft zu spät. Eine St. Gallerin verdankt ihr Leben einer Niere, die ihr vor 40 Jahren eingesetzt worden ist. Bruno Knellwolf

Nach der Geburt des zweiten Kindes wollte die Niere nicht mehr richtig. Eine Niere, die Vreni Brühwiler schon zur Kinderzeit Schwierigkeiten gemacht hatte. «Ich hatte damals oft Eiweiss im Wasser», erzählt sie heute in ihrem schönen Einfamilienhaus in St. Gallen. Eine Schrumpf- oder Zwergniere wurde diagnostiziert.

1967 erlitt die damals 28jährige Frau eine Nierenvergiftung. Der Zustand des Organs wurde in den folgenden Jahren immer schlechter und im Jahr 1972 versagte die Niere. Vreni Brühwiler blieb nichts anderes übrig als die Dialyse. «Ich wusste damals gar nicht, was das ist», sagt sie. Die Dialyse ist eine lebensrettende Massnahme, bei der eine Maschine die Arbeit der Niere übernimmt und das Blut reinigt. Drei Mal pro Woche ist dieses fünf Stunden dauernde Blutreinigungsverfahren nötig – eine mühsame und kostspielige Prozedur.

Anruf aus dem Kantonsspital

Doch drei Monate nach ihrer ersten Dialyse klingelte an einem Freitag im Juni 1972 das Telefon im Hause Brühwiler. Vreni Brühwiler erzählt es, als wäre es heute. Und ihr Mann, der neben ihr auf dem Sofa sitzt, sagt: «Es war um 13.20 Uhr». Der Anruf kam aus dem Kantonsspital St. Gallen. Sie wurde aufgefordert, um 15 Uhr im Spital zu sein. «Es hat geheissen, jetzt wird transplantiert. Wir haben eine Niere.» Am nächsten Tag, am 2. Juni 1972, erwachte Vreni Brühwiler mit einer fremden Niere im Körper im Spitalbett. Dank einer «Leichennierentransplantation» wie es im medizinischen Jargon heisst.

Überlebt dank Spenderniere

«Ich wäre sonst gestorben», sagt sie heute und denkt dabei zurück an ihre beiden Kinder, die damals noch klein waren. Das sei ihre einzige Sorge gewesen. «Wie lange hält die Spenderniere?», habe sie sich gefragt und sagt heute: «Die Niere funktioniert wie am ersten Tag.» Dafür ist sie unendlich dankbar. Einzig das Cortison, das ihr wegen der Transplantation gespritzt werden musste, macht ihr im Rücken zu schaffen. Ansonsten nimmt sie immer noch die gleichen Medikamente wie vor 40 Jahren und musste wegen der Niere kein einziges Mal ins Spital.

Die Nierentransplantation war damals noch eine Sensation. Heute ist sie ein Routineeingriff von zwei bis drei Stunden, wie Sascha Albert, Transplantations-Koordinator am Kantonsspital St. Gallen, erklärt. St. Gallen ist eines der lediglich sechs Transplantationszentren in der Schweiz. In der Ostschweiz werden ausschliesslich Nieren transplantiert – Organe wie Herz, Lungen, Leber, Bauchspeicheldrüsen und Dünndarm in den anderen fünf Zentren in Zürich, Bern, Genf, Basel oder Lausanne.

Bis fünf Jahre warten

Sascha Albert koordiniert die Transplantationen. Er organisiert alle physischen und psychischen Untersuchungen, die nötig sind, um auf die Warteliste für eine Nierentransplantation bei der Nationalen Stiftung Swisstransplant zu kommen. Er kümmert sich auch um eventuelle finanzielle Probleme der Patienten und vieles mehr. Ausserdem koordiniert er zusammen mit Swisstransplant den Einsatz der Transplantationsteams, die Organtransporte, die Operations-Equipen sowie die Untersuchungen, die für eine Beurteilung der zu entnehmenden Organe notwendig sind.

Eine zentrale Aufgabe ist aber die Betreuung der Organspender und deren Angehörigen. «Wir brauchen immer die Einwilligung der Verstorbenen oder der Angehörigen im Namen des Verstorbenen», sagt Albert. Doch der Moment des Todes ist ein schwieriger. Und in diesem Moment kreisen die Gedanken der Angehörigen um anderes und nicht um die Spende eines Organs. Deshalb sollte man sich früher damit beschäftigen. Das machen nur wenige. So fehlt es in der Schweiz an Spenderorganen und die Wartelisten werden immer länger. «Patienten müssen drei bis fünf Jahre auf eine Niere warten», sagt Albert. Für manche kommt sie zu spät.

Einfache Lösung in Österreich

Der Mangel an lebensrettenden Organen hat mehrere Gründe und auch mit der Gesetzgebung zu tun. In der Schweiz kennen wir die Zustimmungslösung. Ein Spender muss sich bereit erklären, zu spenden. In Österreich dagegen gilt die Widerspruchslösung. Grundsätzlich ist jeder und jede ein Spender. Wer sich explizit dagegen ausspricht, wird auf eine Liste der Nicht-Spender gesetzt. Kein Wunder also, hat Österreich im Gegensatz zur Schweiz mehr Spenderorgane.

Neues Transplantationsgesetz

Auch mit der geplanten Revision des Schweizer Transplantationsgesetzes wird keine Widerspruchslösung eingeführt. Mit der Revision wird aber bestimmt, dass die Angehörigen einer urteilsunfähigen Person, die beispielsweise im Koma liegt, zur Fortführung bestimmter medizinischer Massnahmen vor dem Tod ja sagen können. Diese Vorkehrungen sind zum Erhalt der Organe unerlässlich. Es wird bestimmt, ab wann die Organ-erhaltenden Massnahmen begonnen oder weitergeführt werden können. Jedoch immer erst, nachdem das Ärzteteam den Therapieabbruch – unabhängig von einer Organspende – beschlossen hat.

Für die meisten Rechtsexperten ist das lediglich eine Präzisierung, für andere eine Neuerung. Einige Skeptiker befürchten gar, die Spenderorgane könnten schon vor dem Eintritt des Todes oder gegen den Willen des Patienten entnommen werden. Die Ärzte widersprechen dem vehement.

Das ist auch für Sascha Albert keine Frage. «Wir sind tot, wenn unser Hirn, unsere Steuerzentrale, nicht mehr funktioniert. Deshalb spricht man von Hirntod. Dieser ist wissenschaftlich fixiert. Das Hirn ist nach zehn Minuten ohne Durchblutung definitiv abgestorben, ein Weiterleben ohne künstliche Intervention der Intensivmedizin ist nicht möglich», sagt Sascha Albert. Die Revision des Gesetzes gebe den Ärzten in der Praxis mehr Sicherheit. «Ansonsten ändert sich nichts. Kein Mensch wird deswegen eher – oder gar gegen seinen Willen – zum Spender als mit der bisherigen Regelung.»

Damit ein Spenderorgan aber in einen fremden Körper eingesetzt werden kann, muss es bis zur Operation künstlich in Funktion gehalten werden. Nach der Entnahme aus dem Körper sind die Spenderorgane nur begrenzt haltbar. Eine Niere 24 Stunden lang, ein Herz nur vier Stunden, eine Lunge sechs bis sieben Stunden, eine Leber bis zu zehn Stunden.

Keine Alternative

In dieser Zeit muss die Operation erfolgen. «Bei Herz, Lunge und Leber gibt es für die Patienten keine Alternative zur Transplantation», sagt Albert. Einzig bei der Niere kann das Leben dank der Dialyse verlängert werden.

Bei Vreni Brühwiler hätte die Dialyse seit der Nierentransplantation vor 40 Jahren rund 3,2 Millionen Franken gekostet. Das ist nur ein Rechenspiel: Entscheidend ist, dass sie dank der fremden Niere mit hoher Lebensqualität weiterleben konnte. Die Spende rettet Mütter, Väter, Junge und Alte. Eine Niere kann nach Albert theoretisch 120 Jahre alt werden. «Dies zeigt uns, dass auch die Spende eines älteren Menschen durchaus noch helfen kann.» Funktioniert die fremde Niere nur zehn Jahre, kann sie wieder ersetzt werden. «Bei jungen Menschen reicht eine Spenderniere oft nicht aus».

Wenig Ostschweizer Spender

Dafür braucht es Spendebereitschaft, die nach Albert in der Ostschweiz relativ tief ist. Höher ist diese in den südlichen Landesteilen. «Grundsätzlich befürworten 50 Prozent der Bevölkerung eine Organspende», sagt der Transplantations-Koordinator. Einen Spenderausweis haben aber nur zwölf Prozent in der Tasche. «Jeder sollte bedenken, dass es zehn Mal wahrscheinlicher ist, selbst einmal ein Organ zu benötigen, als Spender zu werden. Deshalb sollte das Thema in jedermanns Interesse liegen», sagt Sascha Albert.

Organspenderausweise können auf der Website von Swisstransplant (www.swisstransplant.org) bestellt werden.

Sascha Albert Transplantations-Koordinator Kantonsspital St. Gallen (Bild: Quelle)

Sascha Albert Transplantations-Koordinator Kantonsspital St. Gallen (Bild: Quelle)

Organspendeausweis der Nationalen Stiftung Swisstransplant. (Bild: ky)

Organspendeausweis der Nationalen Stiftung Swisstransplant. (Bild: ky)

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