Hemmungslose Urologie der 1. Klasse

«Will si Hemmige hei» hatte Mani Matter noch zu einer Zeit gesungen, als es keine Handys gab. Mittlerweile könnte wohl jeder fast jeden Tag von unerwünscht mitgehörten Gesprächen erzählen.

Andreas Stock
Drucken
Teilen
Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Andreas Stock)

Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Andreas Stock)

«Will si Hemmige hei» hatte Mani Matter noch zu einer Zeit gesungen, als es keine Handys gab. Mittlerweile könnte wohl jeder fast jeden Tag von unerwünscht mitgehörten Gesprächen erzählen. Wie wenig Hemmungen mittlerweile selbst die ältere Generation hat, sich in aller Öffentlichkeit via Mobiltelefon über Privates zu äussern, ist dennoch erstaunlich.

Ein persönlicher Höhepunkt, oder wohl treffender Tiefpunkt, war die Konversation eines Senioren mit einem Familienmitglied, dem er detailliert und über etliche Sitzreihen vernehmlich, seine Beschwerden in der Harnröhre schilderte und die soeben absolvierte urologische Untersuchung. Die weiteren Fahrgäste im 1.-Klasse-Abteil des Intercitys nahmen die delikaten Schilderungen mit Kopfschütteln, murrend oder mit lautem Lachen zur Kenntnis. Dem Herrn, dem man ja wünscht, die Ergebnisse seiner Untersuchung mögen für ihn positiv ausfallen, war so betroffen von der Visite beim – wie er betonte – sympathischen Urologen, dass er diese Form von Kommentaren des mitreisenden Umfelds nicht bemerkte.

Kritik kann einen aber auch selber treffen. Auf der Rückfahrt zückte ich das Telefon, um zu Hause meine Ankunft anzukünden und wechselte wenige Worte. Mit leiser Stimme, wohlbemerkt. Kurz vor dem Auflegen schrie mich ein Mann an, bös schimpfend über mein Telefonat. Er schien etwas derangiert und war aufgebracht. Er ging, so zeigte sich, durch den Zug, um alle Telefonierenden zusammenzustauchen. Der Ärmste muss zu viele «Urologie-Gespräche» mitbekommen haben.

Aktuelle Nachrichten