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HEINRICH BÖLL: Der Mahner mit der Baskenmütze

Er war beseelt von der Liebe, haderte mit der Kirche, war Pazifist. Der Literaturnobelpreisträger hat Deutschland kritisch begleitet – als herausragender, engagierter Autor. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.
Heiko Strech
Heinrich Böll während der Sitzblockade vor dem US-Stützpunkt Mutlangen gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen. (Bild: Sven Simon/Imago (Mutlangen, 1. September 1983))

Heinrich Böll während der Sitzblockade vor dem US-Stützpunkt Mutlangen gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen. (Bild: Sven Simon/Imago (Mutlangen, 1. September 1983))

Heiko Strech

Seine gesellschaftliche Rolle als Schriftsteller hat Heinrich Böll prägnant interpretiert: «Obwohl als einzelner schreibend, ausgestattet nur mit einem Stoss Papier, einem Kasten gespitzter Bleistifte, einer Schreibmaschine, habe ich mich nie als einzelnen empfunden, sondern als Gebundenen. Gebunden an Zeit und Zeitgenossenschaft.» Heinrich Böll (1917–1985) durchlitt die Gräuel des Zweiten Weltkrieges. Sechs Jahre lang wurde er als Soldat von Front zu Front geschickt, drei Kriegsverletzungen waren die Folge. Sein Frühwerk mahnt folgerichtig: nie wieder! So war es nur konsequent, dass er sich in seinen letzten Lebensjahren für die Friedensbewegung einsetzte. Die Stationierung von neuen atomaren Mittelstreckenwaffen hatte in den 1980er-Jahren Hunderttausende mobilisiert. Mittendrin sass Heinrich Böll, hielt Reden und nahm an Sitzblockaden vor US-Stützpunkten teil.

Der Begriff Konsumterror stammt von ihm

Mit Romanen, Erzählungen, Satiren, Essays und Reden begleitete Heinrich Böll die Bundesrepublik Deutschland lebenslang kritisch – aber auch mit Wärme und Humor. In den Romanen «Billard um halb zehn» (1959) oder «Ansichten eines Clowns» (1963) stellt der Dichter mit dem freundlichen, melancholischen Clownsgesicht reaktionäre Tendenzen in Gesellschaft und Katholizismus bloss, hinterfragt das Wirtschaftswunder. Der Begriff «Konsumterror» stammt von ihm.

Ein engagierter Dichter also. Sich zu engagieren heisst bei Böll sich zu binden an Mensch und Gott. Der Christ griff die Macht der katholischen Kirche über die Seelen scharf an, auch deren Sexualmoral. Er band sich an die Mühseligen und Beladenen, gegen die Mächtigen und Reichen – im Sinne der Bergpredigt.

Der Kölner Familienclan des Kunsttischler-Sohnes Böll hielt eng zusammen, besonders auch unter Hitler. Bölls Frau Annemarie nannte ihre Schwiegermutter Maria «den Mittelpunkt der Familie». Böll nannte sie «intelligent, sensibel und leidenschaftlich». Sie habe «einen rebellischen Zug, politische und kirchliche Dinge betreffend», gehabt. Sohn Heinrich fiel da offenbar nicht weit vom Stamm. Und schrieb: «Ich möchte meine Mutter oder die Frau befreit sehen. Es könnte sein, dass es Befreiungsversuche sind: bei Leni Pfeiffer, bei Katharina Blum.»

Ehefrau und Lehrerin Annemarie Böll, Mutter von vier Söhnen, hielt die Familie über Wasser, während ihr Mann sich in der Nachkriegszeit als Dichter versuchte – Dichter starker Frauen. Im frühen Kriegsroman «Wo warst du, Adam?» (1951) geht die ungarische Jüdin Ilona unbeugsam in KZ und Tod. Im Roman «Gruppenbild mit Dame» (1971) und in der Erzählung «Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann» (1974) stellt Böll zwei sensibel-rebellische Frauen dar: Leni Pfeiffer (im Film: Romy Schneider) und Katharina Blum (im Film: Angela Winkler).

Liebesoffenbarung ist Bölls literarischer Optimismus

Leni Pfeiffer in «Gruppenbild mit Dame» klinkt sich in Krieg und Nachkrieg kühn aus dem Arbeitsprozess aus in «Leistungsverweigerung». Gleich ihrem Sohn Lev, den sie vom kriegsgefangenen Russen Boris empfangen hat. Der hochbegabte Lev wird vorsätzlich Müllfahrer, kümmert sich auch um den «Abfall» der Gesellschaft, die Mühseligen und Beladenen. Liebe und Religion nannte Böll seine Hauptthemen. Immer wieder sakralisiert er unversehens den Alltag so unbefangen, wie er das Sakrale veralltäglicht. Für ihn spenden Liebende einander das Sakrament der Ehe selbst, ohne Kirchensegen, doch in quasireligiöser Offenbarung. Die Hilfsgärtnerin Leni und der Kriegsgefangene Boris erinnern als Outcasts an Maria und Joseph. Sie fliehen zwar nicht vor dem Bethlehemitischen Kindermord, aber verstecken sich vor Hitlers Völkermord und dem tödlichen Paragrafen «Rassenschande». Ihre Liebe vollziehen sie heimlich unter einer Friedhofsgärtnerei in Grabkatakomben, zeugen ihren Sohn Lev zwar nicht auf Krippenstroh, aber auf Heidekraut. Der erwachsene Lev erinnert als Sozialrebell an Christus.

Ungleich der anarchistischen Leni ist Katharina Blum tüchtig als Hauswirtschafterin. Sie besitzt eine kleine Eigentumswohnung, fährt einen VW-Käfer. Was wandelt denn diese deutsche Durchschnittsfrau später zum Todesengel? Dies: ihr Zug ins Unbedingte zwischen den Polen Liebe und Tod. Sie verhilft dem geliebten Straftäter Götten zur Flucht. «Mein Gott, er war es eben, der da kommen soll.» Das ist die ur-böllsche Liebesoffenbarung, gefasst in einen hallenden Bibelsatz!

Reporter Tötges verleumdet die unpolitische Katharina in seiner «Zeitung» als linksradikales Gangsterliebchen. Aus «klug und kühl» macht er «eiskalt und berechnend», aus «radikal hilfsbereit» eine «in jeder Hinsicht radikale Person». Worte können töten. Das bringt im Roman den Revolverblattjournalisten Tötges vor den Revolver Katharinas.

Die Rache der deutschen Medien an Böll

Heinrich Böll war Katharina Blum, sozusagen. Wegen einer ungeschickten Stellungnahme für Ulrike Meinhof brach 1972 ein Rechtspressetsunami los. Allen voran ging Verleger Axel Springers «Bild»-Zeitung, Vorbild für die «Zeitung» in Bölls Roman. «Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof», titelte die Zeitschrift «Quick». Polizei umstellte Bölls Landhaus in der Eifel, suchte unter den Gästen des Nobelpreisträgers von 1972 nach Terroristen – im Haus des weltweit als grosser Künstler und moralische Instanz verehrten Schriftstellers! Noch 1974 zürnte der spätere Bundespräsident Karl Carstens, Böll habe «unter dem Pseudonym Katharina Blum ein Buch geschrieben, das eine Rechtfertigung der Gewalt darstellt». Ausgerechnet der Christ, der Liebe, Religion und stark-sensible Frauen besingt: die standhafte Jüdin Ilona, die gemäss einem Kritiker «subversive Madonna» Leni. Die (etwas arg) starke Katharina nannte Böll wegen ihres Mordes aus verlorener Ehre einmal einen «lädierten Engel». Immerhin: einen Engel.

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