HEILIGABEND: Weihnachten auf Serbisch

Als serbisch-orthodoxe Christen feiern die Nedics aus Goldach erst am 7. Januar Weihnachten. Mit traditionellen Speisen und Bräuchen stimmt sich die Familie auf den Festtag ein – und versucht so, in ihrer neuen Heimat ein Stück ihrer Kultur zu erhalten.

Alexandra Pavlovic
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Bevor Familie Nedic die Kirche zum serbisch-orthodoxen Gottesdienst betritt, zünden sie Kerzen an. Mit der Geste ehren sie die Lebenden und die Toten. (Bild: Ralph Ribi)

Bevor Familie Nedic die Kirche zum serbisch-orthodoxen Gottesdienst betritt, zünden sie Kerzen an. Mit der Geste ehren sie die Lebenden und die Toten. (Bild: Ralph Ribi)

Während am 6. Januar die meisten den Tag der Heiligen Drei Könige feiern, dreht sich in einer serbisch-orthodoxen Familie alles um den «Badnji Dan». Der Tag vor Weihnachten ist für viele Familien genauso wichtig wie der Weihnachtstag selbst. Der 6. Januar ist der Tag, an dem traditionelle Speisen zubereitet werden und alte Bräuche auf das grosse Fest an Heiligabend einstimmen sollen. Auch bei Familie Nedic aus Goldach ist das so.

Zu Weihnachten ist es besonders wichtig, dass der Tisch reichlich gedeckt ist. (Bild: Ralph Ribi)
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Unter dem Tisch werden einige Eichenäste mit Süssigkeiten gelegt. Dies soll laut Brauch Glück und Zufriedenheit bringen. (Bild: Ralph Ribi)
Folkloreschuhe und eine gewebte Tasche erinnern an die serbische Heimat. (Bild: Ralph Ribi)
Jede serbische Familie hat die heiligen Ikonen bei sich hängen. (Bild: Ralph Ribi)
Um die Toten und die Lebenden zu ehren zündet Familie Nedic vor dem Betreten der Kirche Kerzen an. (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Bevor die Gläubigen in der Kirche ihren Platz einnehmen, küssen sie die Bilder der Ikonen und erbitten Gesundheit, Zufriedenheit und Glück. (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Priester Brane Saric weiht die Gläubigen mit Weihrauch. (Bild: Ralph Ribi)
Mit Gebeten und Gesängen eröffnet Priester Brane Saric die Liturgie. (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Familie Nedic lauscht gebannt den Worten des Priesters. (Bild: Ralph Ribi)
Der "Badnjak", hier aus zusammengebundenen Ästen, beziehen die Familien jeweils vor der Kirche. (Bild: Ralph Ribi)
Nach der Weihnachtsmesse wird mit heissem Schnaps angestossen. (Bild: Ralph Ribi)
Nach dem Gottesdienst gehen die Familien nach Hause. Dann zündet der Vater oder der älteste Sohn eine Kerze und Weihrauch an. (Bild: Ralph Ribi)
Während die heiligen Ikonen mit Weihrauch eingeweiht werden, wird ein Gebet gesprochen. (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche WeihnachtenFamilie Nedic (Bild: Ralph Ribi)
Das Weihnachtsmahl: Paul (weisser Bohneneintopf), Rakija (Schnaps), Sarma (Kabiswickel), Pita mit Apfelfüllung, panierter Fisch und Cesnica (Weihnachtsbrot). (von oben im Uhrzeigersinn) (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche Weihnachten (Bild: Ralph Ribi)
Traditionelles Gebäck aus dem Balkan. (Bild: Ralph Ribi)
Rorschach - Orthodoxes Weihnachtsfest in Rorschach in der Herz Jesu Kirche WeihnachtenFamilie Nedic (Bild: Ralph Ribi)

Zu Weihnachten ist es besonders wichtig, dass der Tisch reichlich gedeckt ist. (Bild: Ralph Ribi)


Cesnica, das spezielle Weihnachtsbrot
Zorica Nedic ist an diesem Freitag bereits früh auf den Beinen. «Ich musste den Teig für die Cesnica, unser Weihnachtsbrot, zubereiten», sagt die 48-jährige Pflegerin in einem Altersheim. In diesem Brot wird eine Münze und etwas Süsses versteckt. «Vor dem Essen bricht jedes Familienmitglied wie beim Drei-Königs-Kuchen ein Stück vom Brot ab.» Wer die Münze findet, so sage es der Brauch, wird das ganze Jahr am meisten Geld nach Hause bringen. «Wer das gesüsste Stück erhält, wird ein glückliches Jahr haben», erklärt sie. Frühere Generationen hätten auch Nüsse, Bohnen oder Maisstücke versteckt, damit die Ernte besser ausfällt. Neben der Cesnica bereitet die Mutter dreier Kinder aber auch traditionelle Gerichte wie eingelegtes Gemüse, Pasul (weisse Bohnen), Fisch, Pita mit Apfelfüllung und vor allem auch Kabiswickel (Sarma) vor. Tochter Angela hat ihr dabei geholfen. «Ich konnte die Sauerkrautblätter aber nicht so gut wickeln wie meine Mutter», sagt die Neunjährige. Zorica Nedic kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen – erinnert es sie doch an ihre eigene Kindheit. «Damals habe ich mit meiner Grossmutter und Mutter das Essen vorbereitet, und nun gebe ich das Gelernte an meine Tochter weiter.» Das erfüllt sie mit Stolz. Bei der Vorbereitung der Speisen ist der Mutter eines besonders wichtig: keine tierischen Produkte zu verwenden. «Da erst am 7. Januar die 40-tägige Fastenzeit endet, dürfen wir davor kein Fett, kein Fleisch, keine Milch und auch keinen Käse essen», sagt sie. Diese Regel würden heute aber vermehrt nur noch die Älteren befolgen. «Die meisten fasten, so wie wir, jeweils nur am 6. Januar.»

Während Mutter und Tochter die traditionellen Speisen zubereiten, ist der 49-jährige Vater Rade darauf bedacht, einige Bräuche an seine beiden Söhne Miloš und Jovan weiterzugeben. «Am «Badnji dan» ist es üblich, dass die Männer des Hauses früh morgens in den Wald gehen und einen Baum fällen», sagt der Familienvater. Es gehe dabei um den «Badnjak» – eine sehr junge Eiche. «Diese steht symbolisch für das Holz, welche die Hirten zur Geburt Christi mitgebracht hatten, um es anschliessend anzuzünden und damit die Scheune zu erwärmen.» Zusätzlich zum Fällen des «Badnjak» haben die Männer früher ein Spanferkel unter offenem Feuer gebraten. «Rakija, das Nationalgetränk, durfte dabei nicht fehlen», erinnert sich Rade Nedic. Das gebratene Tier durfte jedoch erst am darauffolgenden Tag gegessen werden. «Wegen des Fastens», sagt er.

In der heutigen Zeit leben aber nicht mehr alle Familien auf dem Land, weswegen viele weder in den Wald gehen, noch ein Spanferkel braten. «Heutzutage kaufen wir das Fleisch beim Metzger und den «Badnjak» vor dem Gottesdienst in der Kirche», sagt Rade Nedic. Ganz ohne Stroh und einige Äste konnte die Familie dann doch nicht sein und hat Jovan, den jüngeren Sohn, damit beauftragt, einige Zweige aufzutreiben. «Gerade jetzt, bei all dem Schnee, war es schwierig», sagt der 14-jährige Schüler. Dennoch schaffte er es, etwas Holz zu sammeln. «Zusammen mit einigen Süssigkeiten und Nüssen haben wir die Äste nun unter den Tisch gelegt», sagt er. Nach altem Brauch soll damit das neue Jahr der Familie neues Glück, eine gute Ernte und Zufriedenheit bringen.

2500 Gläubige am Gottesdienst
Traditionelles Essen und die serbischen Bräuche sind das eine. Der Besuch des Gottesdienst an Heiligabend der andere feste Bestandteil vieler serbischen Familien. Da der Hram in St.Gallen, wie das serbische Gotteshaus genannt wird, an Heiligabend zu wenig Platz für die Besucher bietet, wird der orthodoxe Gottesdienst seit Jahren in der Rorschacher Herz-Jesu-Kirche durchgeführt. Einer der Mitorganisatoren erinnert sich: «Wir mussten bei null starten», sagt er. Lediglich einen Pastor habe die Glaubensgemeinschaft damals gehabt. «Keine Kirche, keine Messe und erst recht keine Verkaufsstände vor der Kirche.» Heute sei dies anders, davon zeuge der Gottesdienst an Heiligabend. Rund 2500 Gläubige strömen in Scharen nach Rorschach und verwandeln so den orthodoxen Gottesdienst zum grössten der Ostschweiz.

Rund eine Stunde vor Beginn der Liturgie, der serbischen Messe, befinden sich auf dem Kirchenvorplatz bereits reichlich Personen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Begrüssung herzlich. Es ist ein Treffen von Freunden und Familien. Bevor Familie Nedic die Kirche betritt, kauft sie sich an einem der Stände den «Badnjak» aus zusammengebundenen Ästen und einige Kerzen. «Diese zünden wir zu Ehren der Lebenden und der Toten an», sagt Zorica Nedic. Üblicherweise werde das in der Kirche durchgeführt, wegen des Andrangs findet es diesmal draussen im Freien statt. Im Inneren der Kirche angekommen, sucht sich die Familie nicht wie in einer katholischen Messe üblich einen Sitzplatz, sondern reiht sich in die stehende Menschenschlange ein. Jeder wartet darauf, die aufgestellten Ikonen verehren zu können: Vorne am Altar stehen die Bilder mit den Abbildungen der Mutter Gottes, der Geburt Christi und von Jesus Christus – jeder ankommende Gläubige küsst diese, bekreuzigt sich und nimmt anschliessend seinen Platz ein. Daraufhin eröffnet der Priester Brane Saric mit feierlichen Gesängen und dem Verteilen von Weihrauch die rund zweistündige Weihnachtsliturgie.

Beglückwünschung mit Schnaps
Der 37-Jährige ist seit drei Monaten Priester der Gemeinde und trägt die Verantwortung für rund 15000 serbisch-orthodoxe Gläubige in der Ostschweiz. Dass so viele Menschen die Messe an Heiligabend besuchen, erfüllt ihn mit Stolz. «Ich bin überwältigt und freue mich, dass so viele Gläubige den Weg in die Kirche gefunden haben», sagt er. Besonders freut ihn auch, dass viele Junge darunter zu finden sind. «Schliesslich sind sie es, die unseren Glauben und die Tradition weitertragen.» Er spüre vermehrt, dass auch den Jüngeren die serbischen Traditionen am Herzen liegen. Mit den Worten «Hristos se rodi» – Christus ist geboren – leitet der Priester am Ende seiner Predigt Weihnachten ein. Die 2500 anwesenden Gläubigen antworten ihm: «Vaistinu se rodi» – Das ist wahr, er ist geboren. Sie bekreuzigen sich und verlassen die Kirche.

Nach dem Gottesdienst gehen die Serben aber noch nicht nach Hause. «Bei uns ist es üblich ein Feuerwerk steigen zu lassen und mit heisser Rakija anzustossen», sagt Zorica Nedic. Dies werde hier aber nicht praktiziert. Lediglich ein Gläschen Schnaps gönne man sich. Anschliessend gehen die meisten Familien nach Hause, um an der gedeckten Tafel Platz zu nehmen.

Die eigenen Wurzeln nicht vergessen
Vor dem Essen zündet die Familie Nedic eine Kerze an und der älteste Sohn Miloš spricht ein Gebet. Dann verbrennt er den Weihrauch und räuchert die Ikonen und das ganze Haus mit Weihrauch ein, bevor sich die Familie zu Tisch begibt.

Bescherung gibt es im Hause Nedic an diesem Abend nicht. Auch weil sich die Wünsche der Kinder nicht auf Materielles fokussieren, sondern eher auf gute Gesundheit oder das Erreichen guter Schulnoten. «Das schönste Geschenk ist, dass wir als Familie zusammen Weihnachten feiern», sagt der jüngere Sohn Jovan. Und spricht damit der Mutter aus dem Herzen. «Obwohl mein Mann und ich seit gut 27 Jahren in der Schweiz leben und weit weg sind von unserem Heimatdorf Cacak, ist es uns wichtig, die serbische Tradition an unsere Kinder weiterzugeben», sagt Zorica Nedic. Egal, in welchem Land man lebe, die eigenen Wurzeln dürfe man nie vergessen.
 

Orthodoxe Gemeinschaft

Die serbisch-orthodoxe Kirchgemeinde richtet sich nach dem julianischen Kalender, der 13 Tage hinter der gregorianischen Zeitrechnung der katholischen und evangelischen Christen liegt. So fällt Heiligabend für die Serben auf den 6.Januar, Weihnachten auf den 7. In der Ostschweiz besteht die Gemeinschaft aus rund 15'000 Gläubigen. Da sie vom Staat nicht anerkannt ist, erhält sie keine finanzielle Unterstützung. Die serbisch-orthodoxe Gemeinschaft ist daher als Verein organisiert und wird auch so geführt. Einziger fester Angestellter ist der Priester. Die restlichen Personen fungieren als freiwillige Helfer. Finanziell getragen wird der Verein durch Kollekten und freiwillige Beiträge. Im Gegensatz zu den Landeskirchen verzeichnet die Gemeinschaft keinen Mitgliederschwund, sondern eher einen Zulauf. Besonders auch von jungen Menschen. (lex)