Harte Nächte für Airbnb

Das Online-Portal Airbnb, das Wohnungen von Einheimischen an Touristen vermittelt, ist bei Reisenden nach wie vor sehr beliebt. In Städten, in denen es mit vielen kommerziellen Anbietern vertreten ist, wächst aber der Widerstand.

Diana Bula
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Demonstration gegen Airbnb. (Bild: epa)

Demonstration gegen Airbnb. (Bild: epa)

Plötzlich steht man im Pyjama in einer fremden Stadt in einer fremden Küche neben einem Menschen, den man nur von ein paar Mails und von der kurzen Begrüssung am Vortag kennt. Gut geschlafen? Schon trinkt man zusammen Kaffee. Die Einheimische gibt Tips, in welchen Lokalen sie momentan gerne isst, wo sie einkauft, Konzerte hört, in welchem Park sie sich ins Gras legt, wo es den besten Coffee to go gibt. Wer über Airbnb ein Zimmer bei sogenannten Locals bucht, dem graut davor, die Top-10-Highlights einer Stadt abzuspulen. Er will ein eigenes Erlebnis, ein authentisches.

Gast veranstaltet Sexparty

Im Idealfall ist Airbnb wie Wohnen bei Freunden. Dieses Konzept gefällt vielen, wie die Zahlen belegen. Das Wohnungsvermittlungsportal aus dem Silicon Valley startete 2008. Bis heute buchten mehr als 35 Millionen Gäste eine Übernachtung über die Website. Unterdessen sind es 400 000 Gäste pro Tag. In 191 Ländern bietet Airbnb über 1,2 Millionen Unterkünfte an – neuerdings auch in Kuba.

In schlechten Fällen läuft es aber so: Gäste benützen die Wohnung für Sexparties (New York) oder weigern sich, wieder auszuziehen (San Francisco). In den Hamptons wollte ein Mann mit seiner Partnerin in einem Strandhaus ein romantisches Wochenende verbringen – es endete ganz anders: Der Hausbesitzer überraschte die beiden und drängte sie zu einem flotten Dreier, wie «Business Insider» berichtete. Das Paar flüchtete, rief Airbnb an, erreichte dort aber niemanden. Und in Zürich soll ein Gastgeber eine Touristin sexuell missbraucht haben. Solche Horrorstories kursieren immer wieder. Doch sie scheinen die Beliebtheit dieser Art des Reisens nicht zu schmälern. Airbnb-Pressesprecher Julian Trautwein beteuert denn auch: «Mehr als 35 Millionen Gäste hatten ein sicheres Erlebnis mit Airbnb. Solche Vorfälle sind extrem selten.»

«Lokale Soziokultur zerstört»

Doch je mehr Airbnb wächst, desto mehr Kritik muss die Firma einstecken. Im ehemaligen Fischerviertel Barceloneta in Barcelona hängen Transparente an den Balkonen, mit denen Einwohner ihrem Frust auch über Airbnb-Reisende Luft machen. «Die Vermietung von Ferienappartements zerstört das lokale sozio-kulturelle Gefüge und treibt die Mieten in die Höhe. Einwohner sind gezwungen, wegzuziehen», ist zu lesen. Auch in New York, San Francisco, Genf oder Lausanne werfen die Behörden Airbnb vor, die Wohnungsnot zu verschärfen.

Zwar gibt es tatsächlich jene Fälle, in denen Einheimische nur dank der Einnahmen durch Airbnb ihre Traumwohnung finanzieren können. «Gastgeber verdienen im Durchschnitt 210 Euro pro Monat. Das ist Geld, das sie für steigende Lebenshaltungskosten nutzen», sagt Trautwein. Aber es gibt eben auch jene, die Wohnung um Wohnung kaufen, um sie an Touristen zu vermieten und damit viel Profit zu machen. Diese kommerziellen Anbieter seien es, die das Wohnungsangebot verknappen, heisst es. Kritik, die Trautwein nicht gelten lassen will: «90 Prozent unserer Gastgeber vermieten ihr eigenes Zuhause. Bei den Unterkünften handelt es sich um Erstwohnsitze.» Auch Ferienwohnungen könnten tolle Gasterlebnisse bieten, sofern die Reisenden betreut würden. «Wenn jemand sich tatsächlich nicht um die Gäste kümmert, schlägt sich das in den Bewertungen nieder. Anbieter mit schlechten Bewertungen schliessen wir aus. Wem es nur um Gewinn und nicht um unsere Philosophie geht, hat auf unserer Webseite nichts verloren.» Wie oft das vorkommt, kann er nicht sagen.

Airbnb-Gäste bezahlen Kurtaxe

Viele Stadtbehörden bangen nicht nur um den knapp werdenden Wohnraum, sie fühlen sich zudem um Steuern und Taxen betrogen. Hotels müssen solche entrichten, die Hobby-Hoteliers von Airbnb tun das meist nicht. Einige Metropolen erlassen deshalb Regeln, die das Airbnb-Phänomen eindämmen sollen. So ist es in New York verboten, Appartements für weniger als 30 Tage zu vermieten, wenn der eigentliche Mieter nicht anwesend ist. In San Francisco müssen Airbnb-Gäste eine Beherbergungssteuer bezahlen, in Bern eine Kurtaxe. Die Stadt hat als erste in der Schweiz den Umgang mit Airbnb gesetzlich geregelt. «Und London sowie Kopenhagen etwa haben proaktive Gesetze für Homesharing geschaffen, da sie es Privatpersonen einfacher machen möchten, ihr Zuhause mit Gästen aus aller Welt zu teilen», sagt Trautwein.

«Weniger Regeln – nicht mehr»

Christian Laesser, Tourismusprofessor an der Universität St. Gallen, fasst die Situation so zusammen: «Wir stehen vor einem Kreuzungspunkt. Nun ist die Politik gefragt.» Sie beschäftigt sich denn auch bereits mit Airbnb: Der Bundesrat habe einen Bericht in Auftrag gegeben, der beurteilen solle, ob regulierend eingegriffen werden müsste, sagte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf im März in einer Fragestunde des Nationalrats. Laesser meint: «Die Schweiz sollte die Vorschriften für die Hotellerie lockern und nicht jene für Airbnb verschärfen. Sonst unterbinden wir jegliche Innovation.» Naiv sei gewesen, wer gedacht habe, «Airbnb wird kein Geschäftsfeld für Private».