Hamburger Hedonist feiert Berlin

Noch eine Berlin-Geschichte, und noch ein Pop-Roman eines deutschen Sängers? Die leisen Bedenken und müden Einwände im Vorfeld wurden in diesem Fall von der Lichtgestalt des Autoren überstrahlt: Hey, es ist Jochen Distelmeyer, allseits geachteter Dandy des Diskurspop, «Old Nobody», schlauer

Marcel Elsener
Drucken
Teilen
Jochen Distelmeyer: Otis, Roman. Rowohlt 2015, 284 S., Fr. 28.50. Lesung 6. März Palace St. Gallen

Jochen Distelmeyer: Otis, Roman. Rowohlt 2015, 284 S., Fr. 28.50. Lesung 6. März Palace St. Gallen

Noch eine Berlin-Geschichte, und noch ein Pop-Roman eines deutschen Sängers? Die leisen Bedenken und müden Einwände im Vorfeld wurden in diesem Fall von der Lichtgestalt des Autoren überstrahlt: Hey, es ist Jochen Distelmeyer, allseits geachteter Dandy des Diskurspop, «Old Nobody», schlauer Fuchs und Spitzbub, der mit seiner Hamburger-Schule-Anführerband Blumfeld die Messlatte für deutsche Poptexte so hoch legte wie kein anderer. Und der zuletzt auf seinem Soloalbum «Heavy» (2009) das Kunstwerk schaffte, die Ratlosigkeit des Einzelnen in der Finanzkrise und im Gefühl zusammenkrachender Gesellschaftsordnungen in zehn persönlichen und doch politischen Songs auf den Punkt zu bringen – man höre nur, in diesen Monaten zugespitzten Wutbürgertums, noch einmal das grandiose «Wohin mit dem Hass».

Odyssee mit Exkursen

So steigt man voller Erwartung in diesen Text ein und folgt bald beschwingt dem Helden Tristan Funke, Mittdreissiger aus der Mittelschicht, infolge einer gescheiterten Liebe von Hamburg nach Berlin gezogen, auf seinen Wegen durch eine grosszügige Stadt voller verlockender Angebote. Es wird an Handlung nicht viel passieren in den wenigen erzählten Tagen im Februar 2012, wenig mehr als einige Begegnungen amouröser, kultureller oder gastronomischer Art, und immer wieder die halbherzige Vertiefung in die Arbeit: Tristan schreibt am Roman einer heutigen Odyssee, seine Hauptfigur ein drogensüchtiger Programmierer, auf der Flucht in einer Welt der Götter, Sirenen und Zauberer.

Spiel mit Kitsch und Klischees

Nach drei, vier Dutzend Seiten stellt sich eine ernüchternde Erkenntnis ein: Diese sachlich-elegant erzählte Story interessiert nur mässig, und ihr Autor ergreift jede Möglichkeit für Exkurse über alle möglichen Themen, die allerdings grösstenteils lohnenswert sind, angefangen bei der Geschichte des Berliner Holocaust-Denkmals bis hin zur Faszination des professionellen Dart-Sports.

Distelmeyer hat nichts weniger im Sinn als das grosse Berlin-Panorama der Gegenwart, eher ein Update von Döblins «Alexanderplatz» als eine Variation von Popkollege Regeners «Lehmann». Nur dass es nicht um Arbeiter geht (die kommen nur als Busfahrer und Hauswart vor) und nicht um Kreuzberger «Lebenskünstler» – sondern um die verwöhnten Vertreter der Kreativklasse, namentlich Tristan und seine Sirenen wie Saskia, Stella, Leslie. Distelmeyer treibt sein berühmtes zungenschnalzendes Spiel mit Kitsch und Klischees – und gibt sich mit Margaret Thatchers neoliberalem Credo, wonach es die Gesellschaft nicht gebe, sondern nur Individuen, quasi einen Freipass. Jedoch lässt einen das als Roman kalt. Dann doch lieber Arjounis köstlicher Berlin-Schelmenroman «Der heilige Eddy» (2009) – und Distelmeyer wieder mit einem Popalbum.

Aktuelle Nachrichten