Hässlich, liebenswert, fussballverrückt

Fussball ist in Wales Teil einer Renaissance für die lange vernachlässigte britische Region. Auch die ehemalige Kupferstadt Swansea ist dank des Erfolgs ihres Clubs, der heute in der Europa League gegen den FC St. Gallen antritt, im Aufwind.

Sebastian Borger
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Es ist noch gar nicht lang her, da gehörte Wales zu den britischen Landesteilen, aus denen die Talentiertesten bald verschwanden. Politiker wie der frühere Aussenminister Geoffrey Howe, die Schauspiellegende Richard Burton, Rowan Williams, der höchste Geistliche der anglikanischen Christenheit – allesamt schafften sie ihren Aufstieg in England oder Amerika. Auch Sportler taten gut daran, ihrer Heimat rasch den Rücken zu kehren. Bestes Beispiel ist Ryan Giggs, Stürmerlegende von Manchester United, der mit knapp vierzig noch immer jeden Samstag auf dem Platz steht.

Sport als Identitätsstifter

Seit 15 Jahren erlebt die Region im Westen der Insel eine Renaissance. Unterstützt mit EU-Förderungsgeldern, angespornt seit 1999 vom ersten eigenen Regionalparlament seit der Vereinigung mit England vor mehr als 700 Jahren, haben die drei Millionen Waliser ihre Identität wiederentdeckt. Der Sport leistet seinen Beitrag. Rugby war schon immer «so etwas wie eine Religion für die Waliser», sagt der erfahrene Londoner Rugby-Schiedsrichter Rob Hayward. Siege gegen den Erzrivalen England haben Kultstatus, auf der Weltrangliste steht das Ländchen hinter Neuseeland und Südafrika immerhin auf Platz drei.

Im neuen Jahrtausend hat Fussball an Bedeutung hinzugewonnen. Wenn die Spieler von Swansea City heute zu ihrem ersten Heimspiel in der Europa League gegen den FC St. Gallen auflaufen, beginnt viel mehr als eine 90minütige Partie: Das Spiel symbolisiert die Ankunft walisischer Teams unter den Grossen des europäischen Fussballs.

Kupferstadt und Bombenziel

Wobei die 180 000 Bewohnerinnen und Bewohner von Swansea Wert darauf legen, dass sie die ersten waren, die ihre Mannschaft in Spielen gegen Chelsea, Arsenal und die Manchester-Clubs anfeuern konnten. Vor zwei Jahren schaffte der 101 Jahre alte Verein mit dem schwarzen Schwan im Wappen den Aufstieg, in diesem Jahr ist Cardiff City hinzugekommen. Mit der 50 Kilometer entfernten walisischen Hauptstadt verbindet die Schwanenstädter eine herzliche Abneigung, spätestens seitdem Cardiff im 19. Jahrhundert grösser und bedeutender wurde als die malerisch an einer grossen Bucht gelegene Industriestadt.

Swanseas ehemaliger Ruhm als «Copperopolis» basierte auf dem Import von Rohkupfer aus Chile und der Verarbeitung mittels der nahebei geförderten Kohle, die ganz Südwales zu einer prosperierenden Region machte. Zwar begann schon mit Beginn des 20. Jahrhunderts der Niedergang. Trotzdem stellte die Stadt tief im Westen der Insel noch 1941 ein wichtiges Bombenziel dar: Zwei Tage lang legte die Luftwaffe die Stadt in Schutt und Asche.

Fussballeuphorie bringt Studenten

Mit der Auslöschung des mittelalterlichen Zentrums erhielt das Klischee von Swansea als «hässliche, liebenswerte Stadt» Nahrung; es stammt vom Dichter Dylan Thomas, der seiner Heimatstadt den Rücken kehrte wie so viele andere. Doch gab es natürlich auch immer Lokalpatrioten und gewitzte Geschäftsleute, die Swanseas Lobeslied sangen: von den herrlichen Sandstränden der Gower-Halbinsel, von der kleinen, aber durchaus respektierten Universität, neuerdings eben auch vom Fussballclub, der Swanseas Namen den Fussballfans in aller Welt geläufig gemacht hat.

Dabei stand Swansea City noch vor zehn Jahren vor dem Absturz in die Anonymität. Dann tat sich ein Konsortium lokaler Geschäftsleute zusammen, die Stadt baute das Freiheitsstadion, die Clubführung verpflichtete vielversprechende junge Trainer. Diese führten Swansea aus der vierten in die erste Liga, heute sind sie für die berühmten Clubs Liverpool und Everton verantwortlich. Ihre Nachfolge hat der Däne Michael Laudrup angetreten, von seinem Land als bester Fussballer aller Zeiten ausgezeichnet.

Laudrup fühlt sich sichtlich wohl in Swansea und dient als Aushängeschild seines Clubs, ja des ganzen Landes. «Er spricht überzeugender für Swansea und Wales als jeder Politiker», weiss Julian Preece. Mit seinen Kollegen freut sich der Professor für deutsche Literatur über 50 Prozent mehr Studienplatzbewerber, seit das Fussballphänomen Swansea in die Köpfe der Briten gedrungen ist. Vor Ort kennt die Begeisterung keine Grenzen. «Jeder, der etwas auf sich hält, geht zum Fussball. Die ganze Uni-Verwaltung scheint Dauerkarten zu haben», wundert sich Preece. Längst lässt sich die Nachfrage nicht mehr bewältigen, weshalb der Club die Erweiterung des Stadions plant.

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