Härtetest für Chinas Schüler

Wenn in Chinas Schulen heute der «Gaokao» beginnt, ist das Land im Ausnahmezustand. Der dreitägige Test entscheidet über den Uni-Zugang. Die Familien der Schüler, ja das ganze Land steht während des «hohen Tests» kopf.

Inna Hartwich, Peking
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Gespannte Erwartung: Eltern warten vor den Toren einer Schule im chinesischen Fuyang auf ihre Kinder, die in der Schule die Uni-Aufnahmeprüfungen absolvieren. (Bild: ap)

Gespannte Erwartung: Eltern warten vor den Toren einer Schule im chinesischen Fuyang auf ihre Kinder, die in der Schule die Uni-Aufnahmeprüfungen absolvieren. (Bild: ap)

Der Traubenzucker liegt bereit, jeden Abend gibt es Kopfmassagen, Vater und Mutter haben die nächsten Tage frei, und selbst die Schwester ist aus dem fernen Peking angereist. Zheng Jichao aus Henan in Zentralchina ist bereit – für ihre Abschlussprüfung nach zwölf Jahren Pauken, Nachhilfe, Massen an Hausaufgaben. Bereit für den «Gaokao», Chinas Härtetest für Schüler.

Ein Kampf um die Zukunft

Wenn ab heute 9,4 Millionen 17- und 18jährige Chinesen zu diesem dreitägigen «hohen Test» antreten, kämpfen sie regelrecht um ihre Zukunft. Die Prüfung entscheidet, wer es auf eine Universität schafft und damit Aussicht auf einen guten Job hat. Pro Jahrgang sind es nur zehn Prozent. Unter dem Hochschulniveau bietet das Land nur wenige alternative Ausbildungswege. Bäcker und Schreiner zu sein lernen die Chinesen meist «on the job». Doch Bäckerin oder Schreinerin will Zheng Jichao ohnehin nicht werden. Sie will auf die Uni. Die Familie hat es so entschieden. Einfach wird es nicht. Die 18-Jährige kommt aus einer Kleinstadt und steckt schon dadurch in einem Dilemma. Die Punktzahl entscheidet über das Studienfach und die Studienstadt. Auf dem Land liegt das Schulniveau aber weit unter demjenigen in Grossstädten. Für Schüler aus Grossstädten gibt es zudem ein gewisses Kontingent, in ihren Heimatstädten zu studieren. Zheng muss sich somit mehr anstrengen, um die gleiche Punktzahl zu bekommen wie ihre Altersgenossen aus Peking zum Beispiel. «Ungerecht» findet sie das.

Ein Ausnahmezustand

Ungerecht finden viele Chinesen auch die Verbote während der «Gaokao»-Tage. Tanzen auf dem Hof, wie es ältere Frauen vor allem abends tun? Wenn eine Schule in der Nähe ist – verboten. Quakende Frösche in den Teichen? Verboten – die Tiere seien zu vergiften. Lärm auf Baustellen – verboten, die Kinder müssten sich schliesslich konzentrieren. Selbst Polizei- und Krankenwagensirenen sind verboten. Manche Eltern organisieren Barrikaden, damit Autos die Schulen, in denen ihre Schützlinge über den Aufgaben schwitzen, weiträumig umfahren. Ein Ausnahmezustand.

«Gaokao» geht zurück auf die vereinheitlichten Beamtenprüfungen, mit denen die chinesischen Kaiser 2000 Jahre lang ihre Mandarine auswählten, die hohen Beamten. Bis heute ist der Test das, worauf Eltern mit ihren Söhnen und Töchtern vom Kleinkindalter an regelrecht hinarbeiten. Manchmal auch in einem Rundum-Lerncamp.

Der Traum vom Ausland

Viele aber wollen nicht mehr mitmachen. Erst kürzlich hatte das Bildungsministerium Alarm geschlagen. Jahr um Jahr fielen die Zahlen der Prüflinge. Einige Experten verwiesen sogleich auf die «Babykrise» in den Neunzigern. Somit gebe es weniger Schüler als früher. Die meisten allerdings sprechen von einer regelrechten Prüfungsflucht. Die, die auf dem Land leben, meldeten sich gar nicht erst an. Was es denn bringe, alle Examen zu bestehen und am Ende die hohen Gebühren für die Uni doch nicht bezahlen zu können. Die Familien aber, die das Geld dafür hätten, schicken ihre Kinder lieber gleich ins westliche Ausland. So geniessen sie eine ohnehin freiere, auf das Individuum ausgerichtete Bildung.

Familie Zheng kann ihrer Tochter keine Schule auswärts finanzieren. Ins Ausland gehen soll das Kind jedoch auf jeden Fall. Deshalb soll es Sprachen studieren, alle haben so entschieden. Vielleicht Spanisch – einfach auszusprechen für einen Chinesen. Vielleicht Deutsch, es gebe schliesslich viele deutsche Unternehmen im Land. Oder Russisch? Da liege viel Potenzial. Sagen Vater, Mutter und die ältere Schwester. Was Zheng Jichao will? «Erstmal den <Gaokao> bestehen.»

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