Gute Geschäfte mit dem Seelenheil

Wer am 6. Januar im Stockalperschloss in Brig betete, der konnte ohne Umweg übers Fegefeuer ins Paradies kommen. Initiant des Ablasses war wohl Kaspar Stockalper. Noch heute wird für ihn am Dreikönigstag eine Messe gelesen.

Philippe Welti
Drucken
Teilen
Der Stockalperpalast von Brig: Ausdruck des immensen Reichtums seines Erbauers Kaspar Stockalper. Heute beherbergt er das Rathaus und ein Museum. (Bilder: pd)

Der Stockalperpalast von Brig: Ausdruck des immensen Reichtums seines Erbauers Kaspar Stockalper. Heute beherbergt er das Rathaus und ein Museum. (Bilder: pd)

Während sieben Jahren, von 1662 bis 1669, mussten die Gläubigen die Messe am Dreikönigstag in der Kapelle des Stockalperschlosses besuchen, um in den Genuss eines Sündenerlasses zu kommen. So steht es in einem Ablassbrief Papst Alexanders VII. aus dem Jahr 1661, der jetzt erstmals übersetzt worden ist. Am Dreikönigstag wird heute noch in Gedenken an den Erbauer des Schlosses, Kaspar Stockalper, eine Messe gehalten.

Ein lukratives Geschäft

Es ist anzunehmen, dass der Ablass auf sein Ersuchen ausgestellt worden ist. Dass dieser Nachlass der Sünden nur auf sieben Jahre beschränkt war, hat seine Gründe: Die Zahl sieben hat religiösen Symbolgehalt. Es gibt beispielsweise die sieben Werke der Barmherzigkeit, die sieben Sakramente und die sieben Tugenden. Zahlreiche Ablässe in der Schweiz sind auf sieben Jahre beschränkt.

Das Ablasswesen ist für die Kirche dieser Zeit ein lukratives Geschäft (siehe Text unten). Wird ein Ablass zeitlich beschränkt, besteht die Möglichkeit, diesen zu verlängern. Der Kurie, die den Ablass ausstellt, stehen damit erneut Einnahmen in Aussicht.

Verlängerung unklar

Im Stockalperarchiv ist nur ein Ablass für die Dreikönigskapelle überliefert. «Wir wissen nicht gesichert, ob er verlängert wurde oder ob weitere Ablässe für Kaspar Stockalpers Hauskapelle existierten», sagt Marie-Claude Schöpfer, die Direktorin des Forschungsinstituts zur Geschichte des Alpenraums im Stockalperschloss. Heute gedenkt die Schweizerische Stiftung für das Stockalperschloss jedes Jahr am 6. Januar in der Dreikönigskapelle mit einer Messe des Erbauers des grössten privaten Bauwerkes aus dem 17. Jahrhundert in der Schweiz. Einen Erlass der Süden gibt es dafür allerdings nicht mehr.

Der mächtigste Walliser

Kaspar Stockalper ist der mächtigste Walliser seiner Zeit. Seinem Selbstverständnis entsprechend benennt er die drei Türme nach den Heiligen Drei Königen – Kaspar, Melchior und Balthasar. Er ist fasziniert von der Dreifaltigkeit und geradezu besessen von der Zahl drei. Stockalper hat insgesamt drei grosse und regional bedeutende Bauvorhaben verwirklicht – in Gondo, auf dem Simplonpass und in seiner Heimatstadt Brig.

Der Mann, der dem Wallis den Kapitalismus bringt, verdankt seine Macht und seinen Ruhm in erster Linie dem Simplonpass zwischen Brig und Domodossola. Indem er den dreissig Kilometer langen Saumpfad sanieren lässt, baut er diesen zur schnellsten Verbindung zwischen Mailand und Paris aus.

Der sichere Nord-Süd-Übergang bringt ihm im Europa des Dreissigjährigen Krieges die Anerkennung der Reichen und Mächtigen. Aus dem Säumerwesen zieht er grosse Gewinne ein, unterhält eine Söldnertruppe und ist im Besitz des Monopols auf dem Salzhandel.

Gottes Günstling fällt

Seinem Leitspruch «Sospes lucra carpat» (Gottes Günstling soll die Gewinne abschöpfen) folgend, wird Stockalper, der auch Vertrauter des päpstlichen Nuntius in Luzern ist, zum schwerreichen Mann. 1670 wird er Walliser Landeshauptmann. Als Stockalper jedoch politisch und wirtschaftlich zu dominant wird, entheben ihn die Walliser seiner Ämter und beschlagnahmen seinen Besitz. Er flieht ins italienische Domodossola und kommt erst in hohem Alter zurück nach Brig in seinen Barockpalast, wo er 1691 mit 82 Jahren stirbt. Für sein Seelenheil hat er vorgesorgt. Nicht nur mit dem Dreikönigstag-Ablass, sondern auch mit einer Wallfahrtskapelle in Brig-Glis.

Brig wird 800

Dort wird dieses Jahr das 800-Jahr-Jubiläum gefeiert. Erstmals erwähnt wird Brig nämlich 1215. Der Name der Stadt mit heute 12 000 Einwohnern geht wohl auf den Walliserdeutschen Begriff «Brigga», Brücke, zurück. Seine Bedeutung hat die Stadt mit dem Stockalperschloss, dem Ausbau der Passstrasse über den Simplon und 1906 mit der Eröffnung des Simplontunnels, mit 19,6 Kilometern Länge der längste Eisenbahntunnel der Welt.

Kaspar Stockalper

Kaspar Stockalper