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Gusle im Güsel

Drei Ostschweizer Abfalldetektive sind die Stars der Soap, die Gabriel Vetter für die Webseite des Schweizer Fernsehens produziert hat. «Güsel» ist herrlich komisch – und definiert die Gesellschaft über ihren Abfall.
Lukas G. Dumelin
Irgendwann ist alles gesagt: Die Abfalldetektive Michel (Michael von Burg), Oli (Oliver Maurmann) und Gabriel (Gabriel Vetter) (v.l.). (Bild: Jan Sulzer)

Irgendwann ist alles gesagt: Die Abfalldetektive Michel (Michael von Burg), Oli (Oliver Maurmann) und Gabriel (Gabriel Vetter) (v.l.). (Bild: Jan Sulzer)

Es ist neun Uhr, Zeit für Znüni. Die drei Abfalldetektive setzen sich an den runden Tisch im Aufenthaltsraum. Oli hat Rucola gefunden in einem illegal deponierten Güselsack. «Rucola, Rucola, Rucola», regt er sich auf, «dasch doch völlige Wahnsin, i jedem Güselsack, wo d ufmachsch, hät's Rucola drin.» «Wa häsch au du immer mit dim Rucola?», fragt Michel. «Aso bi mir hät's ka Rucola drin gha», sagt Gabriel, «hät's bi dir Rucola drin gha?» «Nei», sagt Michel, «aber letscht Wuche han ich en Nüsslisalot drin gha.» Und Oli fragt lautstark: «Wo chunnt denn plötzli de chrotte Rucola her?»

Drei Detektive in Orange

Mit dieser Frage beginnt die neunteilige Serie, die Gabriel Vetter mit den Schaffhauser Künstlern Jan Sulzer und Deborah Neininger produziert hat. Der im Thurgau geborene Bühnendichter und Autor hat mit «Güsel – Die Abfalldetektive» eine von sechs Ideen für Miniserien geliefert, die sich im Web-Only-Contest von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) durchgesetzt haben und online gezeigt werden. Ab Montag, 18 Uhr, sind die ersten «Güsel»-Episoden im Netz, die weiteren folgen Dienstag und Mittwoch.

«Abfall», sagt Gabriel Vetter im Gespräch, «ist ein tolles Thema.» Seine Serie braucht weder Action noch Überraschungsgäste. Die Überraschung wartet nämlich im Werkhof Herblingen auf dem Seziertisch: Güsel. Die Detektive in Orange untersuchen, was die Gesellschaft wegschmeisst – und wollen durch Indizien die Abfallsünder («Abfalltäter!», sagen sie) überführen. Der wohl beste Running Gag ist, dass Oli, Michel und Gabriel ausgerechnet das nie tun: Sie reden nur, sie überführen nie.

«Mega krass <low budget>»

«Mockumentary» heisst das Genre, das «Güsel» bedient: dokumentieren, sich mokieren. Wobei natürlich alles gespielt ist, eine amüsante Pseudo-Dokusoap. Zwölf Tage lang hat Vetter gedreht, in einem Studio in Schaffhausen und im Werkhof Stein am Rhein. Die Kosten durften laut den SRF-Vorgaben 100 000 Franken nicht übersteigen. «Mega krass <low budget>», sagt Vetter. Das Gute ist: Man merkt es nicht.

Recherchen in Basel

Das Gespräch mit Vetter findet in Zürich statt, im Platzspitz-Park beim Hauptbahnhof. Der Park ist voll, Menschen sitzen im Gras und auf Bänken. Ein grünes Wägeli kommt um die Kurve, Unkrautvernichtung steht drauf, im Schritttempo kämpft es sich durchs Volk und sprüht Unkraut tot. «Die spinned, über Mittag», sagt Vetter. Zwei Frauen, die eben den Zmittag ausgepackt haben, packen ihn wieder ein. Das Unkraut ist wichtiger. Eine Geschichte, findet Vetter, die auch «Güsel» hätte schreiben können.

Für sein erstes Film- und Schauspielprojekt hat Vetter in Basel echten Abfalldetektiven über die Schulter geschaut. Sechs 100-Prozent-Stellen gibt's dort. Redet der 31-Jährige über Unterflurcontainer, unzeitig hingestellte, unfrankierte und falsch gefüllte Säcke, klingt er wie ein Experte, der Güsel zur Wissenschaft erklärt. Die so komplex ist, dass in der Serie selbst Oli, Michel und Gabriel streiten, wie man nun Fleischvögel entsorgt und wie Reis. Ins WC damit? In den Schüttstein? In den Sack? An Kompost denkt keiner.

Gabriel Vetter lacht. Kompost – daran hat er beim Schreiben nicht gedacht. So kommt's, dass nicht einmal der Michel den Kompost vorschlägt. Der Michel sei, witzelt Vetter, sein eigener Kompost, der esse alles. Er hole sein Essen im Container der Migros und löffle zum Znüni die Joghurts, die er im Werkhof aus dem Güsel fischt.

Figuren zum Liebhaben

Weshalb ist es eigentlich lustig, sich lustig zu machen? Vetters Augen weiten sich, er schaut ein bisschen empört. «Wir machen uns doch nicht lustig. Oder?» Naja, über einiges schon. Über die Znünipause und das Geplauder, das die drohende Stille verhindert. Über Fasnacht und Guggemusik. Über Weltverbesserungsmentalitäten. Doch Vetter sagt zu Recht, dass er keine Figuren in den Dreck ziehe. Ob den Öko-Michel, den brummbärigen Oli, den besserwisserischen Gabriel, der so unbeholfen-fordernd in die Kamera schaut: Man bekommt sie richtig gern.

Die Figuren tragen dieselben Vornamen wie ihre Darsteller. Vetter ist Gabriel, Michael von Burg spielt den Michel, der Musiker Oliver Maurmann (alias Olifr M. Guz) den Oli. Alle sind in Schaffhausen verwurzelt: Maurmann lebt dort, von Burg und Vetter sind dort zur Schule gegangen. Und alle drei reden denselben Dialekt. So schafft «Güsel» ein Gefühl, das Dialektserien und -filme selten vermitteln: Dass es stimmt mit Dialekt und Figuren und Handlung. Kein Wort wirkt aufgesetzt. Es wird so geredet wie in richtigen Werkhöfen und wie an Stammtischen und in Zugabteilen und überall.

Spiegel der Gesellschaft

Mit «Güsel» ist Gabriel Vetter und seinem Team etwas Neues gelungen: Das Format ist keine Sitcom à la «Fascht e Familie», keine Serie wie «Stromberg» – und erst recht keine hektisch gefilmte, schlecht gespielte Reality-Soap, wie sie im deutschen Privatfernsehen fast rund um die Uhr laufen. «Güsel» ist eine originelle Serie, deren Figuren im Abfall der Gesellschaft wühlen – und letztere über die illegal deponierten Funde definieren. Über die Vorliebe für Rucola, zum Beispiel. «Wo chunnt denn plötzli de chrotte Rucola her?»

«Rucola», sagt Michel, «hät's scho im alte Rom gee.» Seine Antwort auf Olis Frage zeigt: Die Abfalldetektive reden lieber nebeneinander her als miteinander.

«Güsel» – Die Abfalldetektive: Ab Montag, 28.April Online unter www.srf.ch

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