Grosse Gesten

Studenten entwarfen ein Glossar der Gesten von Dozenten. Eine humoristische Milieustudie.

Adrian Lobe
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Motorische Taktik humoristisch entlarvt – zwei Studierende haben die Gesten ihrer Dozenten analysiert. (Bild: fotolia)

Motorische Taktik humoristisch entlarvt – zwei Studierende haben die Gesten ihrer Dozenten analysiert. (Bild: fotolia)

Ob im Hörsaal oder Plenarsaal – grossen Rednern hört das Publikum gerne und gebannt zu. Doch nicht nur Worte machen einen guten Vortrag aus. Es kommt auch auf die Gestik an. Versierte Redner untermalen ihre Inhalte mit unterschiedlichen Handbewegungen.

Die Nachwuchsforscher Alice May Williams und Jasmine Johnson haben sich die Gestik ihrer Dozenten am Goldsmiths College in London ganz genau angesehen und auf Grundlage ihrer Beobachtungen ein «Glossar der Gesten für kritische Diskussion» erstellt. «The Glossary of Gestures for Critical Discussion», eine humoristische Milieu-Studie aus dem Elfenbeinturm, ist auf einem Tumblr-Blog verzeichnet.

These, Antithese und Finger

Da ist zum Beispiel die «Dialektik», die bei einem ausgewogenen Vortrag nicht fehlen darf. Daumen und Zeigefinger werden in einer Rotationsbewegung ausgestreckt, was These und Antithese verkörpern soll. Die Jungforscher warten sogar mit einer Anleitung auf: «Halten Sie ein imaginäres Sechs-Zentimeter-Objekt zwischen Ihrem Daumen und Zeigefinger. Drehen Sie das Handgelenk um 90 Grad und knicken Sie in der Endposition ab. Dann langsam zum Start zurückbewegen. Wiederholen Sie es bis zu dreimal, abhängig von der Überzeugung. Gebrauchen Sie es, wenn Sie einen Wandel ausdrücken wollen. Hoch ansteckend.» Für die feinen Unterschiede reicht es, wenn man den Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger auf einen Zentimeter verkürzt.

Akademisches Muskel-Training

Williams und Johnson bemerkten bei ihren Verhaltensstudien, dass es Unterschiede zwischen den akademischen Graden gibt. Und der Gestus auch vom Habitus abhängt. Elaborierte, doppelhändige Gesten seien typischerweise leitenden Professoren vorbehalten. Zum Beispiel der «Shelf Sweep» (zu deutsch: Regalfeger). Beide Hände werden dabei von rechts oben an der Schulter beginnend in einem imaginären Buchgestell wild hin- und herbewegt. Es ist, als wolle der Redende alle Einwände beiseite wischen und das Unterste zuoberst kehren.

Damit der Dozent beim Vortrag geistig nicht einrostet, kann er zudem seinen «akademischen Muskel» trainieren. Wo dieser anatomisch zu verorten ist, verrät das Glossar leider nicht. Die Bewegung sieht jedenfalls so aus, als würde man ein Kleidungsstück auf eine Wäscheleine hängen oder Geschirr aus der Spüle holen.

Das Glossar lehrt den Gebrauch beim Herausnehmen einer Idee aus einem originellen Kontext und sie woanders hinplazieren. Zuweilen schöpft der Intellektuelle seine Ideen ja aus den unterschiedlichsten Reservoirs. Dieser aufwendige Gedankentransfer will dem distinguierten Publikum dann auch illustriert werden. Keine Frage: Wer mit grossen, raumergreifenden Gesten spricht, wird die Zuhörer überzeugen.

«Ich habe zu viel Marx gelesen»

Auch eine interessante Geste ist der kritische Wirbel. «Kreise mit der Hand im Uhrzeigersinn in einer kleinen, aber schnellen Bewegung Richtung Zuhörer.» Die Botschaft davon kommt ebenso hochgemut wie launisch daher: «Ich habe zu viel Marx gelesen und bekomme gerade kein Wort heraus.» Das Tremolo kann dabei beliebig variiert werden, um die Botschaft zu nuancieren. Das macht Eindruck.

Sollte das Publikum doch mal misstrauisch sein, kann der Redner den «Backhand Slap» einsetzen. Einfach den Handrücken des Schreibarms in die offene Handfläche der anderen Hand klatschen, das verleiht den Worten Nachdruck. «Nutzen Sie es als erzwingende Geste, wenn ein kritischer Gegner nicht antwortbereit scheint.»

Williams und Johnson haben mit ihren Aufzeichnungen die Gesten und Marotten der Dozenten auf eine amüsante Art und Weise glossiert und der Professorenschaft den Spiegel vorgehalten. Auch die Darstellungsform ist gelungen: Die Bewegungen werden durch animierte Bilder beschrieben. Der Tumblr-Blog wurde schon über 135 000 Mal angeklickt. Manch Gelehrter wird sich in dem Glossar ertappt fühlen. Die Typologisierung gibt es mittlerweile auch auf Postern, Handtüchern und sogar als Linsenrasterbild – sogenannte Wackelbilder – auf Linealen. Wer sich das Glossar ansieht, wird beim nächsten Vortrag ganz genau auf die Gestik des Referenten achten – und seine motorische Taktik vielleicht durchschauen.

criticalhandgestures.tumblr.com/

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