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GRAPHIC NOVEL: Wuchernder Urwald im Kopf

Die St. Galler Künstlerin Lika Nüssli widmet ihre erste grosse Bilderzählung ihrer dementen Mutter im Pflegeheim. «Vergiss dich nicht» ist eine zeichnerische Ergründung der anderen Art von Geistesgegenwart.
Bettina Kugler
Mutter und Tochter, verbunden durch ein Knäuel an Erinnerungen. (Bild: Lika Nüssli)

Mutter und Tochter, verbunden durch ein Knäuel an Erinnerungen. (Bild: Lika Nüssli)

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Immer stiller ist es mit der Zeit zwischen den beiden geworden. «Sie kennt mich nicht mehr», sagt Lika Nüssli über ihre Mutter, Jahrgang 1930 und seit vier Jahren in einem Heim für demenzkranke Menschen. Ein Gespräch, ein Austausch mit ihr ist nicht mehr möglich. Die Kommunikation hat sich verlagert. Die Tochter, Comickünstlerin und Illustratorin, begann während der Besuche im Heim zu zeichnen; die Mutter sah ihr zu, hatte es gern.

So entstanden Skizzen aus dem Heimalltag mitsamt seinem «Migrationskosmos» der Pflegerinnen und Pfleger – und daraus ein Buch über das Paralleluniversum der Selbst- und Weltvergessenheit in der Demenz. Eine in Bildern erzählte Geschichte über die neue Form von Nähe einerseits – und andererseits über das Verblassen des Lebens, ein Dasein, das bei vielen eher mulmige Gefühle auslöst. Lika Nüssli dagegen empfand es als Luxus, sich künstlerisch mit ihren Eindrücken beschäftigen zu können, zugleich auch als Verantwortung. «Als Künstlerin habe ich doch die Aufgabe, das zum Thema zu machen, was in mir brennt.»

Die heitere Poesie absurder Gespräche

Soeben ist «Vergiss dich nicht» in Josef Felix Müllers Kunstverlag Vexer erschienen. Am Wortlaut-Festival hat Lika Nüssli das Buch vorgestellt und dafür kurzzeitig ihren Aufenthalt in der kleinen Pariser Künstlerwohnung der ­Visarte im Marais-Viertel unterbrochen. Vier Monate lang hat sie dort Zeit, Neues auszuprobieren, ins Offene zu arbeiten, ohne den Blick sofort wieder auf ein konkretes Produkt richten zu müssen. Wohltuend sei das nach der intensiven Arbeit am Buch, ihrer ersten längeren Geschichte. «Es braucht für ein solch grosses Projekt viel Disziplin und die Möglichkeit, länger dranzubleiben», sagt sie. Zumal sie schnell das ­Interesse verliert, wenn es an Feinarbeiten geht. Sie schätzt es, wenn Zeichnungen noch so spontan wie in ihrem Skizzenbuch aussehen. Das ist Lika Nüssli gelungen; und es passt gut zu den teils recht skurrilen Szenen und Episoden, die sie in Comicsequenzen erzählt und verdichtet.

Dabei hält sie die Situation in der Schwebe zwischen Heiterkeit und Beklemmung. Zu Wort kommen die Zimmernachbarinnen Mägi und Irmi in absurden Dialogen; Herr Krause schimpft über die allgegenwärtigen Topfpflanzen, Frau Nüssli entledigt sich ebendort beharrlich ihres Gebisses. Und die Pflanzen wuchern ins Riesenhafte – winzig verschwinden die Heimbewohner im Gestrüpp ihrer Anderswelt. Das Pflegepersonal tritt freundlich resolut in Erscheinung; es trägt, auch in der Sprechweise, die weite Welt und die eigene Heimatlosigkeit in den schrumpfenden Kosmos der Alten hinein. Dazwischen schieben sich traumartige Bilder mit wiederkehrenden Elementen: etwa dem dicht gestrichelten Erinnerungsknäuel, an dem die Mutter strickt, die Tochter zeichnet. Auf dem Cover sieht man, wie sich die Mutter in dieses Knäuel hineinkuschelt, als sei es eine Decke. Sanft gleitet sie in eine andere Geistesgegenwart.

Der Verleger liess ihr freie Hand

Um die Form hat Lika Nüssli lange gerungen. Das Comicstipendium der Schweizer Städte ermöglichte ihr, aus dem beiläufig gesammelten Material eine Graphic Novel zu machen und dabei zu einer neuen Bildsprache zu finden. «Immer wieder habe ich angefangen und dann wieder abgebrochen, weil es sich nicht richtig anfühlte», erinnert sie sich. Dass Josef Felix Müller sofort Interesse zeigte, half ihr, zügig am Buch zu arbeiten. «Bei einem eher auf Comics spezialisierten Verlag sähe es jetzt sicher anders aus.»

Es ist ein bis ins Detail der Papierqualität und Papierfarbe durchkomponiertes Kunstbuch geworden: berührende Luftpost der Tochter an die Mutter, eine liebevolle Recherche mit dem Zeichenstift. Keine Pflegeheimreportage, sondern ein ins Surreale schweifender Versuch, sich ein Bild zu machen von der unzugänglichen Innenwelt jener Frau, die Lika Nüssli den Weg in die Freiheit gezeigt hat. «Stets bist Du mir ein ganzes Stück voraus», schreibt sie im ersten Teil, an die Mutter gerichtet. Auch in der Gegenwart des Loslassens.

Lika Nüssli: Vergiss dich nicht. Vexer 2018, Fr. 38.–

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