Gottes Plaudertasche

Diese Frauen wieder, meinen Männer manchmal, stundenlang liegen sie auf dem Sofa und telefonieren und telefonieren. Nun räumt ausgerechnet der Vatikan mit diesem Vorurteil auf.

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In this photo provided by the Vatican newspaper L'Osservatore Romano, Pope Francis wears an indigenous headdress given to him by Ubirai Matos from the Pataxo tribe, not seen, after the pontiff spoke at Rio's Municipal Theater to an audience mostly made up of Brazil's political, business and cultural elite in Rio de Janeiro, Brazil, Saturday, July 27, 2013. Pope Francis is on the sixth day of his trip to Brazil where he will attend the 2013 World Youth Day in Rio. (AP Photo/L'Osservatore Romano) (Bild: Uncredited (AP L'Osservatore Romano))

In this photo provided by the Vatican newspaper L'Osservatore Romano, Pope Francis wears an indigenous headdress given to him by Ubirai Matos from the Pataxo tribe, not seen, after the pontiff spoke at Rio's Municipal Theater to an audience mostly made up of Brazil's political, business and cultural elite in Rio de Janeiro, Brazil, Saturday, July 27, 2013. Pope Francis is on the sixth day of his trip to Brazil where he will attend the 2013 World Youth Day in Rio. (AP Photo/L'Osservatore Romano) (Bild: Uncredited (AP L'Osservatore Romano))

Gottes Plaudertasche

Diese Frauen wieder, meinen Männer manchmal, stundenlang liegen sie auf dem Sofa und telefonieren und telefonieren. Nun räumt ausgerechnet der Vatikan mit diesem Vorurteil auf. Frauen gibt es dort traditionsgemäss wenige, dafür viele ältere Herren, und noch ist es kein halbes Jahr her, seit ein solcher älterer Herr (Jorge Mario Bergoglio) einen noch älteren (Joseph Ratzinger) abgelöst hat. Franziskus nennt sich der neue Papst, die Welt hofft auf Reformen, aber Franziskus freut sich vor allem an der heiligen Flatrate, die er haben muss, weil er vor allem eines tut: telefonieren.

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Das legen zumindest die Schlagzeilen nahe. So hat der Kardinal aus Argentinien kurz nach seiner Wahl einen Zahnarzttermin in Buenos Aires telefonisch abgesagt («Sorry, ich habe neue Verpflichtungen in Rom») und sein Zeitungsabo abbestellt («Hallo Daniel, hier ist Jorge, du brauchst mir die Zeitung morgens nicht mehr zu bringen»). Zudem hat sich Franziskus bei einem Dorfpfarrer für ein Buchgeschenk bedankt («Das ist eine Frage der guten Erziehung») und jungen Pilgern viel Kraft gewünscht («Das Leben ist eine Wallfahrt»). Oft ruft er seine Schwester an («Es geht mir gut!») und natürlich auch Benedikt XVI., seinen zurückgetretenen Vorgänger. Im Vatikan sagt man, der Draht laufe heiss, so von Papst zu Papst.

Am liebsten scheint Franziskus aber mit normalbürgerlichen Gläubigen zu quasseln. Die fallen natürlich aus allen Wolken, wenn am Telefon plötzlich einer sagt: «Hi, ich bin's, der Papst.» Kein Wunder, dass darauf schon einer entgegnet hat: «Ja, und ich bin Napoleon.» So vorlaut war der 19jährige Stefano Cabizza zum Glück nicht, als ihn letzte Woche der Papst anrief, um sich für einen Brief zu bedanken. Einem Journalisten erzählte der junge Student, der Papst habe ihm gleich das Du angeboten – und vorzüglich plaudern könne man mit ihm auch. «Wir haben acht Minuten lang gelacht und Witze gemacht», sagte Cabizza.

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Für den Papst sind das grossartige Schlagzeilen: Sie demonstrieren Bodenständigkeit und Nähe zu seinen Schäfchen. Am Telefon ist Franziskus nicht mehr der unnahbare Stellvertreter Gottes, er ist einfach ein Mensch, der gern telefoniert. Und wer gern telefoniert, interessiert sich für das Leben anderer Menschen. Das ist ein starkes Zeichen.

Franziskus wirkt modern, obwohl er ein altgedientes Kommunikationsmittel wählt: Das Telefon ist schliesslich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Doch ein Anruf ist noch immer, was Twitter, WhatsApp und Mails nicht sind: ausgesprochen persönlich. Ein Anruf lässt sich nicht in Sekundenschnelle posten, nicht später beantworten und nicht an zehntausend Leute weiterleiten. Ein Anruf würdigt den Moment, in dem er stattfindet. Und er verlangt, dass man sich Zeit nimmt: Der Papst und der italienische Student waren acht Minuten füreinander da.

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Eine römische Zeitung hat Tips formuliert, was man tun sollte, wenn der Papst am Apparat ist: Erst zuhören, dann sprechen. Lieber über Fussball reden als über Homosexualität. Den Papst um keinen Gefallen bitten. Und fragen, wie es Benedikt so gehe (das mache Benedikt glücklich). Nur etwas ging in der Tipsammlung vergessen: Nach dem päpstlichen Anruf bitte gleich einen Journalisten Ihres Vertrauens informieren. Zwecks toller Schlagzeile.

Lukas G. Dumelin