GLÜHWEIN-OLMA: Die verkaufte Weihnacht

Weihnachtsmärkte haben auch in der Schweiz die Dörfer und Städte erobert. Das hat auch die Einstellung zum Fest verändert.

Beda Hanimann
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Monumental, heimelig, zum Staunen: Weihnachtsmärkte sind beliebt – und haben das einst familiäre Fest zum wochenlangen 
öffentlichen Ereignis gemacht. (Bild: Keystone)

Monumental, heimelig, zum Staunen: Weihnachtsmärkte sind beliebt – und haben das einst familiäre Fest zum wochenlangen öffentlichen Ereignis gemacht. (Bild: Keystone)

Am Geranienmarkt werden Geranien verkauft. Der Zibelemärit ist der Tag der Zwiebeln, und am Munimarkt werden Stiere feilgeboten.

Aber am Weihnachtsmarkt? Was wird da verkauft? Die naheliegende Antwort heisst: Am Weihnachtsmarkt wird die Weihnacht verkauft. Diese Feststellung klingt banal und harmlos. Gleichzeitig aber ist sie von ausgemachter Boshaftigkeit. Denn etwas verkaufen kann auch bedeuten: etwas verraten.

Aber ganz konkret zuerst, ein Rundgang. Da wird verkauft: Magenbrot, Biber und Schleckereien. Daneben liegen Felle aus, gegenüber hängen Pullover und Hosen. Weiter geht es mit Konfitüren ohne Konservierungsmittel, Tee- und Gewürzmischungen, Zeitschriften, Küchengeräten aus Holz, Schmuck, Unterhosen und Büstenhalter. Dann gibt es Kerzen, Laternen und Lampen, Schmuck aus Nepal, Bolivien und Behindertenheimen. Es gibt Suppenpulver und Natursalben, Olivenöl und Pasta, Kosmetik und Duftöle, Mützen und Rauchlachs, Puppen und Putti. Engel und Krippenfiguren natürlich.

Weihnachtsmärkte sind ein Wirtschaftsfaktor

Ein buntes Angebot also. Weihnachtlich angehaucht zwar, garniert mit Weihnachtsliedern, Glühwein und Lichterglanz, aber solche Stände findet man an jedem Jahrmarkt. Und das ist kein Zufall. Denn die Vorläufer der Weihnachtsmärkte waren gewöhnliche Verkaufsmessen und Märkte. Im Spätmittelalter boten sie auf den Winter hin nochmals die Gelegenheit, sich mit Vorräten einzudecken. Vor allem in Deutschland sind daraus im Lauf der Jahrhunderte die berühmten Advents-, Weihnachts- und Christkindlemärkte geworden.

Heute sind sie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Der deutsche Verband der Schausteller und Marktkaufleute spricht von jährlich 160 Millionen Besuchern an 2500 Weihnachtsmärkten. Daraus resultiert nach den Schätzungen des Verbandes ein Umsatz von 5 Milliarden Euro. Profiteure sind neben den Schaustellern auch Restaurants, Hotels, Taxi- und Reiseunternehmen. Verständlich also, dass man in Schweizer Dörfern und Städten neidisch über die Grenze blickt. In den letzten dreissig Jahren hat sich deshalb auch hierzulande eine eigentliche Weihnachtsmarkt-Szene entwickelt – so rasant, dass die Organisatoren bereits die zu grosse Konkurrenz beklagen. SRF News hat gerade am Wochenende von manchenorts durchzogenen Bilanzen berichtet und einen enttäuschten Betreiber zitiert: «Alle haben mittlerweile alles, es ist übersättigt.»

Freilich gilt natürlich auch hier: Weihnachtsmarkt ist nicht gleich Weihnachtsmarkt. Das Spektrum reicht vom eintägigen Bazar des Frauenvereins im Pfarreizentrum bis zum wochenlangen Spektakel mit Eisbahn und Riesenrad. Was sie alle aber verbindet, ist dieses Zauberwort Weihnachten. Es öffnet die Herzen der Menschen – und auch deren Geldbeutel. Im Widerschein des Schenkens und des Festes der Liebe wird das Kaufen zur karitativen Tat. Der Konsumrausch dient einem guten Zweck. Man gibt aus, um die Liebsten zu beglücken. Und um Benachteiligte zu unterstützen.

Der Berner Brauchtumsforscher Fritz von Gunten hat in seinem Buch «O du Fröhliche – Prosit Neujahr!» das Kapitel über Weihnachtsmärkte betitelt mit «Kitsch, Kunsthandwerk und Kulinarisches». Diese K-Kaskade kann noch verlängert werden, von Konsum über Kirche bis zum karitativen Tun. Wie sich da alles irgendwie überlagert, äussert sich symbolisch in einem Geräusch. Frühmorgens rufen die Kirchenglocken die Kirchgänger zum Rorategottesdienst, später am Tag am Glühweinstand wird ein Glöcklein geläutet zum Zeichen, dass jemand Trinkgeld gegeben hat.

Die stille Adventszeit ist schriller geworden

Das mag exemplarisch sein dafür, wie aus dem Advent als Zeit der Stille eine schrille Vorweihnachtsfeier geworden ist. Weihnachtsmärkte sind Teil einer Ankurbelungsmaschinerie, sie sind mit Lichterketten und Jingle Bells in Endlosschlaufe Weihnachtsstimmungs-Generatoren – was umso wichtiger ist, je länger der Schnee ausbleibt. Das hat auch die Einstellung gegenüber Weihnachten verändert. Das Fest stand einst für den Rückzug in den Kreis der Familie, heute wird es im öffentlichen Raum zelebriert. Nicht umsonst spricht man in St.Gallen von der Glühwein-Olma. Weihnachten ist nicht mehr einfach ein Fest, sondern ein Zustand. Ein Ausnahmezustand.

Und verkauft werden da nicht nur Kleider, Kerzen und Konfitüren, sondern vor allem Emotionen. Dass diese zur Handelsware werden: Ist das nun ein Verrat am Weihnachtsfest? Tatsache ist: Es geht auch hier um Angebot und Nachfrage. An Weihnachten ist auch der Erwachsene wieder gern das Kind, das nie genug bekommt vom «O-du-Fröhliche»-Zauber. Auch wenn er ab Band kommt.