Glucksmann: Engagiert bis in den Irrtum

Er war der bedeutendste der «nouveaux philosophes», dazu ihr bester Deutschlandkenner: André Glucksmann ist in Paris im Alter von 78 Jahren gestorben. Der französische Premierminister Manuel Valls würdigt in ihm einen Denker, der «engagiert war, auf die Gefahr hin, sich zu täuschen».

Stefan Brändle/Paris
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André Glucksmann (Bild: epa)

André Glucksmann (Bild: epa)

Denken erfordert Raum. André Glucksmann empfing in einem grossen, fast leeren Wohnzimmer eines belebten Pariser Gewerbeviertels. In der Mitte gab es zwei Sessel, am Rand ein Klavier; das Licht war so gedämpft wie die Stimme des Philosophen, und durch seine druckreifen Sätze wehte der Atem der Geschichte, wie es nur ein alter weiser Mensch zustande bringt.

Das hinderte ihn nicht, zugleich hanebüchene Dinge zu sagen, die heute, fünf Jahre später, kaum mehr nachvollziehbar sind. Nicolas Sarkozy liege ganz auf der Linie von Mai 68, behauptete der berühmte Denker; der (damalige) Staatspräsident sei das Gegenteil von konservativ, nämlich geschieden und ein Immigrantensohn, bilderstürmerisch, mit dem «alten», bürgerlichen Frankreich aufräumend. Kein Wort davon, dass Sarkozy selber den «Geist von Mai 68», dass heisst den Antiautoritarismus der Linken geisselte – und dass er Autokraten wie Gadhafi oder Putin den roten Teppich ausrollte.

Getäuscht von Beginn weg

In «Le Monde» meinte Jean-Marie Laclavetine, Glucksmann täusche sich mit Sarkozy, so wie er sich von Beginn weg getäuscht habe, als er in die maoistische, gerade verbotene «Gauche prolétarienne» eingetreten sei.

Oder, so liesse sich anfügen, wie er später im neokonservativen «Cercle de l'Oratoir» mitmachte. Als echter französischer «intello», der das Ohr stets an der Aktualität hatte, trat Glucksmann zwar auch – neben Jean-Paul Sartre und Raymond Aron – für die vietnamesischen Boat People ein, später für die Völker Tschetscheniens, im Darfur oder Tibet. Und im Unterschied zu seinem linken Gegenpart Bernard-Henri Lévy (BHL) tat dies Glucksmann stets mit Stil, ja mit einer gewissen charmanten Scheu. Auf diese Weise begrüsste er aber auch die Atomversuche eines Jacques Chirac, den Golfkrieg oder 2011 den Nato-Einsatz gegen Libyen.

Keine Revolution mehr

Glucksmann war nicht nur der lebende Beweis, dass ein Ex-Marxist zu einem US-Atlantisten mutieren kann, er theoretisierte diesen Spagat auch gerne. «Wir lebten und dachten im Begriff der Revolution», begründete er seine Anfänge im Mai 68. «Es gab zahlreiche historische Anspielungen, vielleicht weniger an 1789 als an den Aufstand der Kommune 1871. Später wurden wir uns bewusst, dass es keine Revolution mehr geben kann», meinte Glucksmann und wurde zu einem der Anführer der «nouveaux philosophes», einem Begriff, der eigentlich nichts anderes besagte als «Nichtmarxisten».

Anders als Lévy verkam Glucksmann nie zum Mediengockel, und anders als der Reaktionär Alain Finkielkraut bewahrte er im hohen Alter seine geistige Elastizität. Sie rechtfertigte auch wirklich das Etikett des – zumal originellen – Vordenkers. Sein 2004 auf Deutsch erschienener Essay «Hass – Die Rückkehr einer elementaren Gewalt» nahm viele Nachfolgestudien vorweg.

Versteckt während Nazizeit

Auch den übrigen Pariser Philosophen hatte Glucksmann einiges voraus; im Unterschied zum unreflektierten Kriegstreiber Lévy kannte Glucksmann sogar Clausewitz bis ins Detail. Heideggers «Sein und Zeit» hatte der Enkel einer deutschsprachigen Grossmutter im Original gelesen. Mutter und Vater emigrierten von Osteuropa nach Frankreich – er starb in der Résistance, sie versteckte den kleinen, bei Paris 1937 geborenen André während der Nazizeit. Mit der gleichen Verve, mit der er das Nachkriegs-Frankreich eine «faschistische Diktatur» nannte, geisselte er später den deutschen Idealismus als ursächlich für die Nazi-Katastrophe.

Den deutschen Grünen hielt er während des Kalten Krieges vor, irregeleitete Friedensutopisten zu sein: «Aus Opposition zu den Amerikanern identifizieren sich diese Pazifisten nicht etwa mit den Russen, (…) sondern mit den Toten des Dritten Weltkriegs, den sie als nuklearen Genozid fürchten; sie fühlen sich als die Juden des Dritten Weltkriegs.» Und er, dessen jüdische Familie an Deutschland so gelitten hatte, verlangte nun, dass sich die BRD Atomwaffen beschaffen können sollte.

Immer schön polemisch, ohne sich dessen immer bewusst zu sein; widerspenstig und engagiert, doppelbödig bis in den Widerspruch; oft haarscharf daneben – aber mit Stil: So war Glucksmann, der letzte Mohikaner des französischen Esprit.