GLOBALE KRISEN: Man kann westliche Werte nicht erzwingen

Die Welt ist in Unordnung, und das wird so bleiben. Darauf muss sich die Politik einstellen, schreibt der deutsche Politologe Carlo Masala. In seinem scharfsinnigen Buch warnt er davor, der Welt westliche Standards aufdrängen zu wollen.

Arno Renggli
Drucken
Teilen

Arno Renggli

focus@tagblatt.ch

Es ist eine schöne Vorstellung: eine Welt voller liberaler Demokratien, miteinander verbunden durch gemeinsame Werte und durch ökonomischen Austausch. Eine Welt geprägt also von unseren westlichen Idealen. Doch die Welt ist keinesfalls so – sie war es nie und wird es in absehbarer Zeit auch nicht werden. Dies macht der deutsche Politologe Carlo Masala in seinem Buch «Weltunordnung» klar. Und Versuche des Westens, eine solche Welt zu erzwingen, seien zum Scheitern verurteilt.

Das ist plausibel. Unsere westliche Zivilisation hat ja selber Jahrhunderte gebraucht, inklusive der wichtigen Impulse der Aufklärung und der leidvollen Erfahrungen grosser Kriege, um zu den heutigen Demokratien zu gelangen. Wie kann man solches nun auf die Schnelle von anderen Kulturen erwarten, die eine ganze andere Prägung haben? Kommt hinzu, so auch Masala, dass die westlichen Demokratien als Vorbilder zwiespältig sind. Letztlich geht es ihnen in ihren Handlungen nicht primär um das höchstmögliche Wohl aller Menschen. Sondern um eigene Interessen in Bezug auf Wohlstand, Einfluss und Sicherheit.

Man kann nicht aussuchen, wer anderenorts die Macht hat

Dass die verwestlichenden Versuche in den über 25 Jahren nach Ende des Kalten Krieges falliert sind, zeigt Masala an vielen Beispielen. Man muss sich an eine Welt gewöhnen, die sich nicht in Ordnung bringen lässt. Und in der man es sich nicht aussuchen kann, wer in anderen Teilen der Welt an der Macht sitzt. Gerade dies beeinflussen zu wollen, etwa mit militärischen Mitteln, sei entweder zum blutigen Scheitern verurteilt oder führe zu unberechenbaren Machtvakuen, beides belegt etwa durch die jüngeren Ereignisse im Nahen Osten. Dies auch wegen der Komplexität von Involvierten und ihren Partikulär­interessen, von Allianzen und oft problematischen Bündnispartnern.

Zudem treibe man mit Interventionen Machthaber wie etwa den syrischen Diktator Assad in die Ecke und zwinge sie, die eigene Herrschaft mit allen Mitteln zu erhalten. «Auch wirtschaftliche Sanktionen helfen in der Regel wenig, da die Machthaber solche auf die Zivilbevölkerung abwälzen, ohne dass der eigene Wohlstand und derjenige der Günstlinge leiden», meinte Masala auf unsere telefonische Nachfrage. Interventionen des Westens stärken zudem den radikalen Islamismus, weil die Einmischung in die islamische Welt dort grundsätzlich auf mehrheitliche Ablehnung stösst.

Interessenpolitik ist ehrlich und konsistent

Masala zeigt im Buch, dass auch Versuche, die Weltordnung über supranationale Institutionen herzustellen, nicht funktionieren, weil diesen die Akzeptanz und die Macht fehle und die Staaten beziehungsweise ihre Führer primär Eigen­interessen im Auge hätten.

Die Staaten gewinnen zwar in Form von Neonationalismus an Bedeutung, werden aber gerade im Nachgang von gewalttätigen Konflikten oft erodiert und zu heterogenen, kaum regierbaren Regionen. Migration, Terrorismus und die Cyberwelt mit ihrer Anfälligkeit sind weitere Faktoren, welche die Welt in Unordnung halten. In diesem Wirrwarr, so der Autor, sei für westliche Länder eine Realpolitik zu Gunsten der eigenen Interessen angemessen Sie möge zynisch klingen, aber sei immerhin ehrlich und konsistent. Westliche Ideale hochzuhalten, aber konkret eigennützig zu handeln, führe zu einem Glaubwürdigkeitsverlust, der andere Kulturen zusätzlich gegen uns aufbringe. Der Terrorismus sei eine Folge solcher Doppelgesichtigkeit.

Doch Glaubwürdigkeit wäre nötig, will der Westen längerfristig liberale und demokratische Vorstellungen verbreiten. Kontraproduktiv sei, wenn die USA und ihre Partner ihre globale Führungsrolle unter ideellem Deckmantel, aber tatsächlich aus ureigenen Interessen anstreben. Zumal dieser «liberale Imperialismus», wie Masala schreibt, bisher eher destabilisierende Wirkung gezeigt habe. So seien einige unliebsame Diktaturen beseitigt worden, jedoch habe man zerfallende Staaten mit rivalisierenden Gruppen und einer leidenden Zivilbevölkerung hinterlassen. Auch dies sei ein Nährboden für Fundamentalismus.

Was also tun? Oder eben nicht tun? Die Veränderungen in Afrika, im Nahen und im Mittleren Osten werden noch längere Zeit Krieg, Elend, Terror und Fluchtbewegungen bewirken, schreibt Masala. Die Möglichkeiten, von aussen ordnend einzuwirken, seien klein. Die Vorstellung, Probleme mit grossen Würfen lösen zu können, müsse man vergessen.

Wen man zum Bösen macht, den verliert man als Gesprächspartner

Eine realistische Politik akzeptiere, dass der Kampf um Macht und Sicherheit charakteristisch für das internationale System sei und bleibe. Und dass Einteilungen in Gut und Böse nichts bringen. «Wenn ich jemanden als böse bezeichne, verliere ich ihn als Verhandlungspartner», gibt Masala zu bedenken.

Immerhin könne man darauf bauen, dass die westlichen Werte eine natürliche Anziehungskraft haben. «Wenn wir unsere gesellschaftlichen Werte pflegen und unsere Erfolge mit Demokratie und Marktwirtschaft auch nach aussen zeigen, kann dies allmählich wirken.»

Weg also von den grossen Strategien, dafür eine situativ angepasste Politik, laute die Maxime. Dies bedeutet, die Grenzen des eigenen Einflusses anzuerkennen, dafür mit willigen und fähigen Partnern zu kooperieren, vor allem auch in den Krisenregionen selber. «Die Akteure dort wissen oft besser Bescheid und kommen zu besseren Lösungen.»

Mit realistischen Zielen lasse sich, so der Autor, punktuell durchaus Stabilität herstellen. Hierzu gehört auch humanitäres Engagement in Krisenregionen, welches nicht nur eine moralische Verpflichtung ist, sondern langfristig auch die Akzeptanz für Werte wie Freiheit und Demokratie erhöht. Denn diese – darauf hoffen wir ja trotz allem – sollten irgendwann die ganze Welt prägen.

Carlo Masala: Weltunordnung.

C. H. Beck, 176 Seiten, Fr. 22.–.