Gipfel, Grate, Wände

Für Skitouren ist der Alpstein traumhaft und für Kletterer etwas Besonderes. Dass er von Bergsteigern nicht überrannt wird, freut Markus Meier, der seit Kindsbeinen an vom «Bergvirus» befallen ist und die winterliche Einsamkeit besonders liebt.

Rolf App
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Der Alpstein der Bergsteiger: Blick auf Kreuzberge und Saxerlücke. (Bild: Marcel Steiner)

Der Alpstein der Bergsteiger: Blick auf Kreuzberge und Saxerlücke. (Bild: Marcel Steiner)

Markus Meier hat früh angefangen. Das Schlüsselerlebnis war eine Wanderung mit seinem Vater im Alpstein, «da war ich noch im Kindergarten oder in der ersten Klasse», erzählt der gebürtige Nesslauer. «Wir sind von der Thurwis oberhalb von Wildhaus zur Tierwis aufgestiegen, haben im Alten Säntis übernachtet und sind dann am andern Tag über Lisengrat und Rotsteinpass am Altmann vorbei. Am Nordwestpfeiler des Altmann waren Kletterer, die haben mich total fasziniert – wie überhaupt die ganze Landschaft.» Einige Jahre darauf ist er der Toggenburger Jugendorganisation des «Schweizerischen Alpen Clubs» (SAC) beigetreten – und kennt aus zahllosen Touren den Alpstein wie seine Westentasche.

Die ersten Kletterer

Meier weiss auch viel über den Alpinismus im Alpstein und hat 2000 das entsprechende Kapitel im Buch «Der Alpstein» aus dem Appenzeller Verlag verfasst. «Wir sind gerade dabei, das Buch für die Neuherausgabe zu überarbeiten», sagt der 49-Jährige, der heute in Winterthur lebt und von Beruf Musiker und Orgelbauer ist. «Dadurch ist mir der Alpstein und seine Geschichte wieder näher gerückt.»

Während die Entdeckung und Erschliessung des Alpsteins früh einsetzt und dieser mit der Bergwelt insgesamt ab Mitte des 18. Jahrhunderts zum Ziel schwärmerischer Verehrung wird, datiert die ernsthafte Kletterei von Beginn des 20. Jahrhunderts. Die «Eroberung» des Fünften und kurz darauf des Ersten Kreuzberges im Jahr 1903, im Jahr darauf auch des Sechsten Kreuzberges setzen einen Schlusspunkt hinter die Erstbesteigungsgeschichte sämtlicher Alpsteingipfel. «Die ersten Ziele waren die Gipfel», sagt Markus Meier. «Dann folgten die interessanten Grate. Dann die Wände. Und dann weitere Routen. Und mit der Zeit bildete nicht mehr unbedingt der Gipfel das Ziel, sondern Klettern wurde zum Bewegungssport. Das moderne Klettern ist wie Kunstturnen.»

Meier hat zu unserem Gespräch mehrere Führer mitgebracht. Den handlichen Clubführer Säntis-Churfirsten, der die Routen in Worten beschreibt. Weiter einen Skitouren-Führer. Schliesslich, immerhin ein Buch von 424 Seiten, den Kletterführer. Da und dort hat er Notizen gemacht. Oft hat er verzeichnet, wann er mit wem eine Route geklettert ist – oder ob sie in der Zwischenzeit saniert worden ist.

Die Skizzen des Kletterers

Der Führer enthält wenige Fotos, aber jede Menge Skizzen, so genannte Topos. Sie geben Auskunft, wie viel Seil man braucht, wo man gut stehen kann, wo eine Kante oder ein Überhang drohen, wo Haken das Klettern erleichtern. Eine Schwierigkeitsbewertung erleichtert die Einschätzung des Risikos. Und stets ist auch notiert, wer eine Route als Erster geklettert ist. Auch Markus Meier taucht da und dort auf. «Es ist schon etwas Besonderes, Felsen zu berühren, von denen man weiss: Hier bin ich der allererste Mensch», sagt er.

«Alpine Schlosserei»

Trotz der dichten Abfolge von Routen etwa über die Wildhauser Schafbergwand – mit 350 Metern Höhe die höchste Felsflucht des Säntisgebirges – hat die weitere alpinistische Erschliessung des Alpsteins spät an Schwung gewonnen. Erst in den 1920er-Jahren setzt sie ein und löst auch die eine oder andere Kontroverse aus. Nach der Durchsteigung des direkten Ostgrates am Ersten Kreuzberg im Jahr 1937 kritisiert Karl Kleine im St. Galler Tagblatt die «Anwendung der alpinen Schlosserei» und die «Zuhilfenahme von künstlichen Hilfsmitteln», die leider aus den Ostalpen nun auch in die Schweiz Eingang gefunden habe. «Mit Bergsteigen hat dies nichts zu tun.» Es ist eine Auffassung, die sich schon bald ändert – die Bergsteigerei ist immer wieder Moden unterworfen.

Doch richtig «Mode» wird dieser Alpstein nie. «Der Alpstein hat den <Nachteil>, dass man hier nicht direkt in die Wände steigen, sondern zuerst eine Anreise und eine Wanderung absolvieren muss», sagt Meier. Das sei ganz vorteilhaft, «denn es hält die Masse fern». Die Routen seien nicht «übersaniert» worden, und nur an wenigen Punkten seien Sportkletterer unterwegs. Er erwähnt den Aescher an der Ebenalp.

Sturm- und Drangjahre

Es ist eine andere Bergsteigerwelt als damals, in seinen «Sturm- und Drangjahren» im «Kletterclub Alpstein». «Dieser Kletterclub hat in den Sechzigerjahren die Leistungsfähigen versammelt, da sind wir auch den Ikonen der älteren Generation begegnet», sagt er. «Wir haben Informationen ausgetauscht und auch immer wieder leistungsstarke Partner gefunden.» Und auch das Risiko nicht gescheut. Etliche sind abgestürzt, da und dort findet man Gedenktafeln.

Heute ist das Material sehr viel leichter – und die Sicherheit sehr viel wichtiger. «Man will vor allem <Fun>», sagt Markus Meier. Die Spitzenalpinisten aber organisieren sich nicht mehr in Clubs. Sie sind professionell gemanagte Spitzensportler und weit entfernt von Kletterern wie Markus Meier. Ihn haben die Berge durchs Leben begleitet, obwohl er beruflich nicht mit ihnen zu tun hat. Ein «Alpinvirus» hat ihn gepackt und nie mehr losgelassen. «Es ist eine Mischung zwischen der Befriedigung des Bewegungsdrangs, der Freude am Draussensein und dem Genuss von Naturstimmungen.» Da kann der Alpstein wirklich einzigartig sein.

Schön im Winter

Wann ist der Alpstein am schönsten? Markus Meier lacht. «Er kann immer schön sein. Aber sehr schön ist er im Winter, im Februar und März. Dann kann man zwar nur an Südwänden klettern, aber wundervolle Skitouren unternehmen. Und menschenleere Landschaften erleben.»

Der Alpstein sei auch deshalb so beliebt, weil er so kleinräumig sei. «Man hat da schnell wieder eine neue Perspektive vor Augen.» Die unterschiedlichen Nutzungsinteressen sind ein Problem. Manche Wege sind von Touristen und Wanderern überlaufen, die von zahlreichen Bergbahnen in die Höhe transportiert werden.

In der Stille

Aber man kann auch sehr rasch Stille und Einsamkeit finden. Markus Meier erzählt, wie er diesen Sommer mit einem Kollegen von Brülisau auf das Plattenbödeli und dann zu drei Felsplatten namens «Dreifaltigkeit» gewandert ist. «Im linken Turm sind wir die alte Techno-Route geklettert. Und total allein gewesen.»

Dass der Alpstein nicht zu den «angesagten Gebieten» für Kletterer gehört, tut ihm nur gut.

Markus Meier (Bild: PD)

Markus Meier (Bild: PD)