Giglios längster Tag

ROM. Viele hatten an der technischen Machbarkeit gezweifelt, doch die Operation verläuft bisher problemlos: Die vor der Insel Giglio gestrandete «Costa Concordia» wird seit gestern in Zeitlupentempo aufgerichtet.

Dominik Straub
Merken
Drucken
Teilen

Noch einmal schien es, als habe sich alles gegen die «Costa Concordia» verschworen: Ein Sturm und ein heftiges Gewitter in der Nacht hatten gestern den für sechs Uhr geplanten Beginn der Bergung vorübergehend in Frage gestellt. Doch bis zum Morgengrauen hat sich der Sturm gelegt und der Wellengang beruhigt – und der italienische Zivilschutzchef Franco Gabrielli konnte vor der versammelten Weltpresse verkünden: «Es wird eine Verspätung geben, aber der Ablauf der Bergung bleibt unverändert. Es gibt keine Probleme.»

Kein Schiffshorn und keine Sirene kündeten vom Beginn der grössten Bergungsaktion in der Geschichte der Seefahrt, als um neun Uhr mit drei Stunden Verspätung die in einem künstlichen Meeresboden verankerten 36 Stahlseile und 56 Ketten an der Flanke der «Costa Concordia» zu ziehen begannen. «Wir beginnen mit einem Zug von 2000 Tonnen und erhöhen schrittweise um 200 Tonnen», erläuterte der italienische Chefingenieur des mit der Operation beauftragten amerikanisch-italienischen Bergungsunternehmens Titan-Micoperi, Sergio Girotto. «Bei einem Zug von etwa 4000 Tonnen rechnen wir mit einem ersten Resultat.»

Ein verrosteter Streifen als Messlatte

Tatsächlich: Um etwa elf Uhr hatte sich die rechte Rumpfseite des 290 Meter langen und 114 000 Tonnen schweren Stahlkolosses um etwa einen Meter aus dem Meer erhoben – der Niveauunterschied war gut erkennbar an einem verrosteten braunen Streifen, der zuvor während 20 Monaten unter Wasser gelegen war. Doch der gefährlichste Moment stand noch bevor: Die «Costa Concordia» musste sich erst noch von den Granitfelsen losreissen, in die sich ihr Rumpf nach der Havarie in etwa 30 Metern Tiefe verkeilt hatte. Niemand wusste mit Sicherheit, ob der verbogene und angerostete Schiffskörper dieser Belastung würde standhalten können.

Um 12.27 konnte Girotto Entwarnung geben: «Die <Costa Concordia> hat sich vom Felsen gelöst, unter dem Zug von 6000 Tonnen.» Eine Viertelstunde später hatte sich das Kreuzfahrtschiff bereits um fünf Grad aufgerichtet – das Heikelste war überstanden, obwohl noch 60 Grad bis zur Senkrechten fehlten. «Bisher entsprechen alle Resultate und Messwerte den Erwartungen», betonte der bärtige Ingenieur.

Millimeter um Millimeter

Nach der Loslösung von den Klippen konnte die Drehbewegung leicht beschleunigt werden; Millimeter um Millimeter hob sich die rechte Rumpfseite aus den Fluten, während die riesigen, auf der anderen Seite montierten Tanks langsam ins Wasser tauchten. Elf Techniker in einem schwimmenden Kontrollraum vor dem Bug der «Costa Concordia» überwachten jeden Schritt des Aufrichte-Manövers. Um 17.30 hatte sich die «Costa Concordia» um zehn Grad Richtung Vertikale gedreht – und um 19 Uhr musste ein Verantwortlicher einräumen, dass die Arbeiten am Wrack wohl erst «im Morgengrauen» abgeschlossen sein werden. Ein weiterer kritischer Moment wartete bei dem Zeitpunkt, wenn die Drehbewegung 20 Grad erreicht haben würde: In diesem Moment beginnt die Schwerkraft der an der linken Rumpfseite befestigten Tanks die Drehung zu verstärken. «Es kann noch viel passieren», betonte Ingenieur Girotto. Zumindest bis Redaktionsschluss waren freilich keine Schwierigkeiten mehr aufgetaucht.

Die Bergung der «Costa Concordia» hat bereits rund 600 Millionen Euro verschlungen – also 150 Millionen Euro mehr, als der Luxusliner einst gekostet hatte. Die Kosten werden noch weiter steigen, denn die spektakuläre Aufrichtung des Wracks von gestern war erst eine – wenn auch wichtige – Zwischenetappe. Bis nächsten Frühling sollen nun auch auf der rechten Schiffseite Stahltanks montiert werden (siehe Grafik). Gefüllt mit Luft werden die Tanks das Wrack in einigen Monaten um zwölf Meter anheben und wieder zum Schwimmen bringen. Erst dann wird die «Costa Concordia» die Insel Giglio endgültig verlassen können – im Schlepptau Richtung Verschrottung.

Unglückskapitän Schettino schweigt

Italiens Staatssekretär für Infrastruktur und Transport, Erasmo D'Angelis, zeigte sich gestern überzeugt, dass die gelungene Bergung das «von Kapitän Francesco Schettino lächerlich gemachte Italien wieder rehabilitieren» werde. Vom «Comandante» selber gab es keinen Kommentar zur Bergung des von ihm im Januar 2012 versenkten Schiffs. Es hiess, Schettino feile mit seinen Anwälten an seiner Verteidigungsstrategie. Die Gerichtsverhandlungen werden am 23. September wieder aufgenommen; der Kapitän hat die Anfertigung neuer Gutachten beantragt. Schettino werden fahrlässige Tötung in 32 Fällen, Verursachung eines Desasters, Verlassen eines Schiffs in Seenot sowie Verweigerung der Zusammenarbeit mit den Behörden vorgeworfen. Ihm droht eine Gefängnisstrafe von bis zu 20 Jahren.

Die Techniker überwachen jeden einzelnen Schritt des Aufrichtemanövers. (Bild: epa/Angelo Carconi)

Die Techniker überwachen jeden einzelnen Schritt des Aufrichtemanövers. (Bild: epa/Angelo Carconi)