GETRÜBTER GENUSS: Fertig gehüstelt

Manche Künstler stört es kaum, andere reagieren sensibel oder beleidigt: Warum im Konzert auch ohne Erkältung gehustet wird und ein paar Tipps, wie man das Husten vermeiden kann.

Martin Preisser
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Vorsicht: Husten während des Konzerts kann so manchen sensiblen Künstler schwer irritieren. (Bild: Zeichnung: Corinne Bromundt)

Vorsicht: Husten während des Konzerts kann so manchen sensiblen Künstler schwer irritieren. (Bild: Zeichnung: Corinne Bromundt)

Martin Preisser

«So wie es eine Ess- oder Gesprächskultur gibt, verspricht eine Hustenkultur dem Publikum (und Künstlern!) einen Gewinn», heisst es auf der Internetseite hustenkultur.de. Husten in klassischen Konzerten (und nur in solchen wird gehustet!) stört den Hörgenuss und nervt viele Künstler auf der Bühne. Seltsamer­weise wird meist an den leisesten Stellen und in den spannendsten Pausen gehustet.

Der berühmte Pianist Alfred Brendel wusste das und schreibt in seinem Buch «A–Z eines Pianisten» voller Ironie: «Wenn Sie schon husten müssen, dann tun Sie dies bitte an den leisen Stellen oder in Generalpausen. Die Huste-­Nur-Medaille ist Ihnen sicher.» Brendel war äusserst allergisch gegen die Husterei in seinen Konzerten. Er hat einmal ein Stück unterbrochen und zum Publikum gesagt: «Ich kann Sie hören, aber Sie können mich nicht hören.» Danach verlief das Rezital hustenfrei.

Übers Husten kann man sich auch freuen

Das Konzertpublikum ist sich oft einer Tatsache nicht bewusst: In einem Konzertsaal ist die Akustik zweiteilig. So gut wie das Publikum die Musik von der Bühne hört, so gut hören die Künstler die Geräusche im Saal. «Ein Konzertsaal mit wundervoller Akustik klingt in beide Richtungen grossartig. Insofern ist die Vernehmbarkeit von Husten auf der Bühne ein gutes Zeichen, über das man sich freuen sollte», sieht es der deutsche Pianist Martin Stadtfeld entspannt.

Der ungarische Pianist András Schiff gilt hingegen als richtiger Hustenhasser. Er hat einen hustenden Fan auch schon einmal des Saals verwiesen oder einem Huster vom Klavier aus die Faust gezeigt, während er souverän ein Brahms-Klavierkonzert mit der anderen Hand weiterspielte. Der amerikanische Dirigent Michael Tilson Thomas hat in Chicago einmal sogar selbst Husten­pastillen in der ersten Reihe verteilt. Konzertveranstalter Jürg Hochuli, Leiter der Hochuli Konzert AG im appenzellischen Gais, der Künstler wie András Schiff betreut, hat schon von einer ­Szene gehört, als ein Künstler einer hustenden Zuhörerin in der ersten Reihe ein Glas Wasser gereicht hat. Welch peinliche Blossstellung!

Erla Scholz, ebenfalls von der Agentur Hochuli, weiss, wie es sensiblen Künstlern auf der ­Bühne geht. «Während ihren Inter­pretationen öffnen sie ihr Herz. Es schwebt ihnen eine ­genaue Qualität oder vielleicht eine Stimmung von Stille vor. So konzentriert nehmen sie Störungen wie überdeutlich wahr.» Sie nennt so gegensätzliche Attribute wie «aggressiv, gelangweilt, konzentriert» für verschiedene Arten von Husten.

Mehr Husten in ­mittelmässigen Konzerten?

Warum husten Menschen in ­klassischen Konzerten, auch wenn sie nicht erkältet sind? Da gibt es einige (ein wenig widersprüchliche) Theorien. Vielleicht entsteht die nervöse, nicht er­kältungsbedingte Husterei ge­rade erst dadurch, weil man weiss, dass es sich im Konzert nicht ziemt zu husten. Eine Studie der Universität Hannover, die ­herausgefunden haben will, dass im Konzert doppelt so viel wie im Alltag gehustet wird, behauptet, bei mittelmässigen Konzerten werde mehr gehustet als bei hochkarätigen. Und je unbe­kannter und komplizierter die Musik sei, desto lauter sei das Husten. Eine andere Theorie ­behauptet sogar, dass der Huster im Konzert sich selbst quasi ­narzisstisch ins Geschehen miteinbringen wolle.

Dann wird behauptet, der beim Musikhören flacher werdende Atem erhöhe die Gefahr eines Hustenreizes. Also gerade, wenn sich der Hörer entspanne, fange er an zu husten. Und es gibt ja wirklich die Konzerte, in denen keiner hustet, weil sich eben eine geheimnisvolle Spannung auf-baut, bei der man gar nicht mehr ans Husten denkt.

Die «Frankfurter Neue Presse» zitiert Melanie Wald-Fuhrmann vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt. Die Professorin stellt fest, dass Husten auch das Ergebnis da­von sei, dass man im Konzert so ­lange und ohne sich bewegen zu ­können, sitzen müsse. «Irgendwo müssen wir ja hin mit den ­Anspannungen, den inneren Bewegungsimpulsen – es ist total unnatürlich, dass wir uns so lange nicht bewegen.» Die Musikwissenschafterin deutet Husten gar als eine Form von Applaus: «Geräuschemachen zwischen den Sätzen ist ein Beweis für besonders konzentriertes Zuhören zuvor.» Also wieder das Gegenteil von Husten, der durch Entspannung ausgelöst werden soll.

Patentrezepte gegen die Husterei gibt es nicht. Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich hat seit drei Jahren eine Partnerschaft mit einem bekannten Schweizer Kräuterbonbonhersteller. Hustenbonbons werden auch bei Konzerten des Luzerner Sinfonie­orchesters verteilt – mit der Gefahr, dass man statt zu husten beim Auspacken des Bonbons mit dem Rascheln stört. In St. Gallen gehen die Konzerte des Sinfonieorchesters ohne Bonbons über die Bühne. Manche Konzertveranstalter bitten um Hustenreduktion in den Programmheften. Das Brucknerhaus Linz hat auf seine Homepage unter dem Motto «Don’t Panic!» einen kleinen Leitfaden zur ­Konzertetikette gestellt.

Einfach drei Punkte drücken und der Husten ist weg

In seiner Rede zum 100-Jahr-­Jubiläum der Berliner Philharmoniker hat der grosse Humorist ­Loriot ein Stück von Grieg dirigiert und als «Dirigent» den ­Hustern im Saal jeweils gleich den genauen Einsatz angezeigt. Ein köstlich humorvoller Umgang mit etwas so Lästigem, aber auch Menschlich-Allzumenschlichem! Die deutsche Harfenistin Birgit Gieschke empfiehlt gegen das Husten Akupressur. «Drei Punkte (im oberen Brustbereich) kurz drücken und der doofe Husten ist weg. Ich mache das seit Jahren mit Erfolg, sogar auf der Bühne. Das schafft jeder.»

Der Kabarettist Ludger Stratmann geht mit Hustern streng ins Gericht. «Wenn jemand einen konzentrierten Musiker mit seinem Gehuste stört, dann fehlt einfach der Respekt», sagt er und meint damit sicher auch die­jenigen, die nicht aus Nervosität husten oder weil sie entspannt oder nicht entspannt, konzentriert oder gelangweilt oder sonst was sind, sondern die, die wirklich erkältet sind. Die sollten einfach nur zu Hause bleiben.