GESUNDHEIT: Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten: Alles nur Einbildung?

Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten sind zu einem Volksleiden geworden. Doch die Zahlen scheinen weit übertrieben, wie nun auch eine US-Studie zeigt.

Hans Graber
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Meeresfrüchte sind das häufigste Lebensmittel-Allergen. Aber nur knapp 1 Prozent ist betroffen. (Bild: Getty)

Meeresfrüchte sind das häufigste Lebensmittel-Allergen. Aber nur knapp 1 Prozent ist betroffen. (Bild: Getty)

Hans Graber

Ob Nüsse, Blumenkohl oder Muscheln: Irgendein Nahrungsmittel nicht zu vertragen oder allergisch darauf zu reagieren, ist heute fast zu einem «Pflichtleiden» geworden. Je nach Umfrage geben 20 bis 30 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer an, an einer Nahrungsmittelallergie zu leiden. Auf der anderen Seite finden zum Beispiel glutenfreie Produkte bei Grossverteilern und in Reformhäusern grossen Absatz. Ähnliches wird in anderen, vorab westlichen Ländern registriert.

Fachleute hingegen sagen schon länger, dass die Anzahl der nachweisbaren Nahrungsmittelallergiker bei 2 bis 8% liege, und die Anzahl von Zöliakie-Betroffenen (Gluten-Unverträglichkeit) bei etwa 1 Prozent. Eine Zunahme von Allergien und Intoleranzen sei nicht feststellbar.

Dass Selbsteinschätzung und Realität nicht deckungsgleich sind, zeigt eine Studie von Medizinern der Harvard University. Sie kommen nach der Auswertung von 2,7 Millionen US-Krankengeschichten zum Schluss, dass nur 3,6 Prozent der Bevölkerung an einer Nahrungsmittel­allergie oder -intoleranz leiden.

Frauen etwas mehr betroffen als Männer

Die häufigsten Allergengruppen waren Meeresfrüchte (0,9%), Früchte und Gemüse (0,7%), Milchprodukte (0,5%) und Spanische Nüssli (0,5%). Frauen leiden insgesamt etwas mehr an Lebensmittelallergien als Männer. Die Ergebnisse wurden im «Journal of Allergy and Clinical Immunology» veröffentlicht. Die Harvard-Allergologen erfassten und untersuchten die Häufigkeit von Allergien und Unverträglichkeiten ebenso wie die pure Abneigung gegenüber einzelnen Lebensmitteln.

Während Letztere bei Betroffenen schlimmstenfalls Ekelgefühle auslösen, kann es bei den anderen Phänomenen zu gravierenden Folgen kommen. Bei einer Allergie reagiert der Körper auf ein Nahrungsmittel wie auf einen Fremdkörper (Antigen), verbunden mit der Bildung von Abwehrzellen (Antikörper, meist von Typ IgE). Mögliche Folgen nach dem Genuss des betreffenden Nahrungsmittels sind ein Juckreiz an Lippen und/oder im Hals, Schwellungen der Lippen, Zunge sowie der Schleimhaut von Wangen und Rachen oder auch Hautausschläge. Im Ex­tremfall kann es aber auch zu einem lebensgefährlichen anaphylaktischen Schock kommen.

Eine Nahrungsmittelunverträglichkeit verursacht keine ­allergische Reaktion. Vielmehr kann der Körper einen bestimmten Stoff – zum Beispiel eben Gluten – nicht verdauen. Selbst geringe Mengen können Durchfall, Blähungen oder Verstopfung ­auslösen, begleitet von anderen Symptomen wie Kopfschmerzen.

Ob Allergie oder Unverträglichkeit: Die beste Therapie ist das Vermeiden des betreffenden Nahrungsmittels.

Die Allergie als «Stellvertreterleiden»?

Weshalb aber weit mehr Leute angeben, an Allergie oder Unverträglichkeit zu leiden, ist ungeklärt. Auch wenn man davon ausgehen darf, dass nicht alle wegen einer allergischen Reaktion zum Arzt gehen, bleibt zahlenmässig eine grössere Kluft zwischen angeblich und effektiv Betroffenen.

Möglicherweise geht es in die Richtung, die hinter vorgehaltener Hand auch mal Allergologen oder Gastroenterologen äussern: Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten dienen zuweilen als willkommenes «Stellvertreterleiden». Hat man den «Bösewicht» in Form eines Lebensmittels erst einmal identifiziert, muss er für so manches herhalten, was einen sonst gerade bedrückt, auch seelisch. Und die Therapie gibt befreiende Gefühle: Wer tapfer Verzicht übt und dem «Feind» entschlossen den Kampf ansagt, dem geht es schon mal besser. Vielleicht beruht zwar auch das auf purer Einbildung, aber die Kraft des Glaubens an das Gute (und an das Schlechte) sollte man niemals unterschätzen.