GESUNDHEIT: Auch Helden werden älter

Nicht nur Frauen spüren, wenn sie in die Jahre kommen. Wenn der Testosteronspiegel allmählich sinkt, fühlen sich viele Männer ausgelaugt und überflüssig. Einige reagieren irritiert, andere werden ausgebremst.

Angela Bernetta
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Wenn Männer plötzlich beginnen, den Sinn ihres Lebens zu hinterfragen, ist das häufig ein Symptom der Wechseljahre. (Bild: Getty)

Wenn Männer plötzlich beginnen, den Sinn ihres Lebens zu hinterfragen, ist das häufig ein Symptom der Wechseljahre. (Bild: Getty)

Angela Bernetta

Ob Superman, Herkules oder Popeye – Helden sind männlich und stark. Studien belegen aber, dass auch Teufelskerle, wenn sie in die Jahre kommen, unter hormonellen Veränderungen leiden. Die Betroffenen, meist Männer um die fünfzig, fühlen sich zusehends matt und ausgelaugt. Sie sind launisch, leiden unter Hitzewallungen, haben Erektions­probleme und deshalb kaum noch Lust auf Sex. Was bei Frauen in der Lebensmitte gängiges Gesprächsthema ist, verun­sichert betroffene Männer. Der Zürcher Androloge Christian Sigg findet das nicht weiter verwunderlich.

Bis vor kurzem wusste man wenig über die gesundheitlichen Auswirkungen eines sinkenden Hormonspiegels bei alternden Männern, hält der Facharzt für Männerkrankheiten fest. Demgegenüber seien die weiblichen Wechseljahre seit langem Gegenstand intensiver Forschung. «Der männliche Körper produziert ab Mitte dreissig etwa ein Prozent weniger Testosteron jährlich», erklärt Daniel Nguyen, Urologe am Berner Inselspital, die biologische Ursache. «Um das 75. Altersjahr liegen die Werte des Sexualhormons etwa bei der Hälfte.» Dieser Prozess verlaufe sehr individuell. So gibt es Männer, die auch im Alter Testosteronwerte wie in jungen Jahren haben, während sie bei anderen ­ungewöhnlich tief sind. Da die Muskeln mit sinkendem Hormonspiegel schwinden, macht sich die Veränderung auch äusserlich bemerkbar: Beine werden dünner, das Sixpack erschlafft und macht dem Bäuchlein Platz.

«Hormonersatztherapie kann helfen»

Etwa jeder dritte Mann lei­det an zu tiefen Testosteronwerten. «Wir nennen es Altershypogonadismus», sagt Daniel Ngu­yen. Dies entspricht aber nicht den weiblichen Wechseljahren, sondern ist eine Krankheit. Wenn in den Hoden nicht mehr aus­reichend Testosteron produziert wird, kann dies zu Schlafstö­rungen, Libidoverlust und Hitzewallungen führen. Mit einem Hormonmangel gehen oft Krankheiten wie Osteoporose, Anämie oder Depressionen einher. Laut Christian Sigg stellt man sich sogar die Frage, ob ­ tiefe Hormonwerte Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Adipositas, Bluthochdruck oder ­Fettstoffwechselstörungen begünstigen.

«Eine individuell verordnete Hormonersatztherapie kann bei Altershypogonadismus helfen», sagt Daniel Nguyen. Ziel der Behandlung ist ein dem Alter entsprechender Testosteronspiegel. Diverse Studien unterstreichen die positive Wirkung von Testosterongel zum Einmassieren oder Spritzen. «Männer mit tiefen Testosteronwerten, die beschwerdefrei leben, brauchen keine Therapie», ergänzt Daniel Nguyen.

Wie Hormonbehandlungen während der weiblichen Wechseljahre sind auch jene bei Männern umstritten. Eine Studie räumt zwar ein, dass sich das Sexualleben verbessert und Stimmungsschwankungen weniger werden. «Wenngleich bis heute nicht nachgewiesen werden konnte, dass Testosteronbehandlungen Prostatakrebs begünstigen, liegen auch keine Daten vor, die eine Erkrankung ausschliessen», sagt Daniel Nguyen.

«Männern mit normalen Werten, die lediglich ihr Lebensgefühl mit einer Hormon­­­­er­satztherapie aufwerten wollen, sollten davon absehen», warnt der Urologe. Denn zur körper­lichen Schwäche kommen in mittleren Jahren oft belastende familiäre Umstände oder ein aufreibender Job.

«Während Frauen die Lebensmitte eher als eine Zeit des Aufbruchs sehen, halten Männer meist aus Pflichtgefühl am Bestehenden fest», sagt René Setz, Fachberater am Forum Männergesundheit in Bern. «Viele Männer wachen erst auf, wenn sie gesundheitliche Probleme haben, die Beziehung scheitert oder wenn sie die Stelle verlieren.»

Entscheidung für ein neues Leben

Auch die Vergänglichkeit rückt bei Männern um die fünfzig immer mehr ins Bewusstsein. Gelegentlich verlieben sie sich Hals über Kopf in eine junge Frau und spielen mit dem Gedanken, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Was wie die klassische Midlife-Crisis beginnt, musst nicht unbedingt im Ehe-Aus enden, findet Klaus Heer, Paartherapeut in Bern. «Im Gegenteil: Es kann sehr wohl das abrupte Ende eines Dämmerzustandes bedeuten und dazu einladen, sich für ein neues Leben zu entscheiden.» Denn mit rund achtzig Jahren Lebenserwartung bleiben Schweizer Männern im mittleren Alter noch etwa dreissig Jahre, die sie ihren Vorstellungen gemäss gestalten können. Und oft spielen dabei auch ihre Partnerinnen eine neue und belebende Rolle.