Gesund bis ins hohe Alter

Gesundheitsvorsorge liegt im Trend. Doch welche Untersuchungen sind angebracht, welche sind unnötig? Ein Gespräch mit Chefarzt Thomas Münzer und Naturheilpraktiker Jens Bomholt. Sarah Coppola-Weber

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Ein 20minütiger Spaziergang pro Tag entlastet den Bewegungsapparat und regt die Verdauung an. (Bild: fotolia)

Ein 20minütiger Spaziergang pro Tag entlastet den Bewegungsapparat und regt die Verdauung an. (Bild: fotolia)

Thomas Münzer und Jens Bomholt, wie stehen Sie grundsätzlich zur Gesundheitsvorsorge?

Thomas Münzer: Das macht auf jeden Fall Sinn, bereits ab Kindheit, wenn man etwa aufs Rauchen verzichtet oder den Alkoholkonsum einschränkt. Auch auf eine gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung sollte geachtet werden. Präventive Untersuchungen im Alter befürworte ich nur, wenn eine Risikokonstellation vorliegt.

Jens Bomholt: Wenn wir den Körper so gebrauchen, wie es die Natur vorgesehen hat, schaden wir ihm nicht. Lebenserhaltungs- und Selbstheilungskräfte sind naturgegeben. Bei einem naturgemässen Lebensstil könnten wir auf Vorsorgeuntersuchungen verzichten.

Herr Münzer, welche Untersuchungen erachten Sie als angebracht und ab welchem Alter?

Münzer: Als Altersmediziner plädiere ich ab dem 65. Altersjahr für die Abklärung des Sturzrisikos bei allen. Und bei Frauen, vor allem bei Risikopatientinnen, für die Vorsorgeuntersuchung wegen Osteoporose. Alle weiteren Untersuchungen bei älteren Personen – seien es Mammographien oder Darmspiegelungen – sind individuell in Betracht zu ziehen.

Wer kann einschätzen, wann ein Untersuch nötig ist?

Münzer: Gute Unterstützung bietet da der Hausarzt, der die Patienten oft von Kindesbeinen an kennt und abschätzen kann, ob eine Untersuchung angebracht ist. Gesundheits-Checks, die zu einem Trend wurden, lösen oft Ängste aus und sind unnötig, denn mit dem eigenen Verhalten hat man vieles selber in der Hand.

Im Hinblick auf die Sturzprävention sollen auch Kraft und Gleichgewicht trainiert werden.

Münzer: Ja, und zwar regelmässig. Für eine kontinuierlichere Bewegungsförderung sprechen sich viele Verbände und das Bundesamt für Gesundheit und Sport aus. Sollte es trotzdem zu einem Sturz kommen, sind fitte Patienten schneller wieder auf den Beinen. Der Teufelskreis von eingeschränkter Mobilität, langsamerer Genesung, Einsamkeit bis hin zur Depression wird durchbrochen.

Herr Bomholt, auch der Allgemeinmediziner plädiert – neben der Sturzprävention – für einen gesunden Lebensstil. Wie aber sieht dieser konkret aus?

Bomholt: Es ist einfach, sich einen gesunden Lebensstil anzueignen, wenn man einige Regeln beachtet. Beispiel Bewegung: Seit der Nomadenzeit ist der Mensch zu sesshaft geworden, verfügt jedoch über einen Bewegungsmechanismus, der bewegt werden will. Unser sitzender Arbeits- und Lebensstil ist ein Hauptgrund für Krankheiten – nicht nur für Rückenprobleme, Arthrose und dergleichen. Schon mit täglich 20 Minuten Gehen oder Velofahren am Stück ist dem Bewegungsapparat gedient. Kreislauf und Atmung werden angeregt, und der Darmtrakt wird aktiviert, weil Zwerchfell und Rumpfmuskulatur den Darm massieren. Wenn die Verdauung gut funktioniert, dürfen wir beim Essen auch ab und zu sündigen.

Worauf sollen wir bei der Ernährung unser Augenmerk richten?

Bomholt: Wichtig ist, dass wir, vor allem im Alter, nicht nur Suppe oder Brei essen, sondern ballaststoffhaltige Nahrungsmittel zu uns nehmen. Nur solche kann der Darm gut und effizient verarbeiten. Leider legen wir die Hauptmahlzeit heute oft auf den Abend, weil wir tagsüber zu beansprucht sind. Spätes Essen ist aber ein Problem, weil nachts der Verdauungstrakt ruht. Teilverdaute Nahrung, die zu lange im Darm bleibt, unterliegt der Gärung und Fäulnis. Dabei entstehen Substanzen, die Stoffwechsel und Immunsystem belasten und den Darm langfristig schädigen. Divertikel und Dickdarmkrebs werden nicht durch eine Vorsorgeuntersuchung verhindert, sondern durch richtige Ernährung und richtige Verdauung.

Trotzdem kommt es vor, dass Personen, die sich ein Leben lang gesund ernährten, nicht rauchten und wenig Alkohol tranken, erkranken. Warum das?

Münzer: Die Entstehung von Krankheiten wie etwa Krebs hat verschiedene Ursachen. Man weiss zwar schon viel, aber damit sind nicht alle Mechanismen geklärt, und manche sind durch den wissenschaftlichen Fortschritt noch komplexer geworden. Man kann aber aus solchen Fällen ableiten, dass Ernährung und Abstinenz nicht das alleinige Mittel zur Verhütung von Krebs sind.

Bomholt: Im aktuellen Gesundheitswesen müssen wir zu oft als Feuerwehrmänner agieren, um bereits bestehende Brände zu löschen. Wenn wir den Fokus auf Salutogenese (lat. Salus = Gesundheit, Genese = Entstehung) legen statt auf Krankheitsanalyse und -behandlung, wird lebenslange Gesundheit am ehesten möglich.

Wie gelingt Salutogenese?

Bomholt: Indem wir uns nicht im Widerspruch zur Natur verhalten und die Selbstheilungskräfte möglichst wenig behindern. Schon der gesunde Mensch, nicht erst der Erkrankte, soll lernen, seinen Körper und dessen Gesundheitsvoraussetzungen zu verstehen. Als Naturheilpraktiker werde ich in Zukunft einen Tag pro Woche der Vermittlung von Körper -, Natur- und Gesundheitsverständnis widmen – wenn immer möglich in freier Natur. Auch ein «Leb Dich gesund»-Camp habe ich konzipiert, wo die Teilnehmenden lernen, was einen gesunden Lebensstil ausmacht.

Chefarzt der Geriatrischen Klinik St. Gallen, Mitglied der Geschäftsleitung und Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für Geriatrie (Bild: Quelle)

Chefarzt der Geriatrischen Klinik St. Gallen, Mitglied der Geschäftsleitung und Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für Geriatrie (Bild: Quelle)

ist seit fast zwanzig Jahren als Naturheilpraktiker im Thurgau und in St. Gallen tätig. Seine Arbeit entwickelt sich immer stärker in Richtung Salutogenese. (Bild: Quelle)

ist seit fast zwanzig Jahren als Naturheilpraktiker im Thurgau und in St. Gallen tätig. Seine Arbeit entwickelt sich immer stärker in Richtung Salutogenese. (Bild: Quelle)