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Gestreuter Meinung

Aromat ist die meistgeliebte und bestgehasste Schweizer Küchenzutat überhaupt. Jetzt wird die Streuwürze sechzig und macht noch immer süchtig.
Katja Fischer De Santi
Rezept und Verpackung sind seit 60 Jahren unverändert. Ganz im Gegensatz zum Image. (Bild: ky/Knorr)

Rezept und Verpackung sind seit 60 Jahren unverändert. Ganz im Gegensatz zum Image. (Bild: ky/Knorr)

Wann haben Sie es zuletzt getan? Am Karfreitag zum gekochten Ei? Oder vor Jahren, noch als unwissendes Kind? Tun Sie es nur heimlich, wenn niemand sie als Essbanause enttarnen kann? Die Rede ist vom Aromat. Sechzig Jahre nach seiner Erfindung ist das Aromat zur meistgeliebten und bestgehassten Schweizer Küchenzutat überhaupt geworden. Am Glutamat scheiden sich die Geister. An der gelben Dose lässt sich ablesen, wer Gourmet und wer mehr Gourmand ist.

Die letzten Aromatianer

Zumindest bei jenen, die zur «Streuwürze für alle Speisen» öffentlich stehen. Jene Spezies Mensch, für die der Griff zur gelben Dose zum Essen gehört wie die Gabel auf den Tisch. Für diese hartnäckige Bastion der letzten Aromatianer ist ein Essen kein Essen ohne Aromat. Prophylaktisch bepudern sie jede Speise schon vor dem ersten Bissen mit ihrem gelben Gold. Wie Abhängige schleppen sie die Streuwürze mit in die Ferien, lassen sie sich ins Militär schicken und tragen auf Ausflügen stets eine Minidose in der Brusttasche spazieren. Es könnte ihnen ja unverhofft ein gekochtes Ei oder gar ein fades Süppchen begegnen – und dann will ein richtiger Aromatianer stets gewappnet sein.

Einem Aromatianer muss man nicht mit profanem Salz daherkommen. Seine Geschmacksknospen verlangen nach härterem Stoff. Glutamat, um genau zu sein. Denn Glutamat, dem das Aromat die zweite Hälfte seines Namens verdankt, wirkt in erster Linie geschmacksverstärkend. Es ist Zauberpulver und Teufelszeug in einem. Es zaubert einen Hauch von Sonnenreife aufs Gemüse und verleiht Teigwaren eine undefinierbare Vollmundigkeit.

Glutamat kann krank machen

Doch Glutamat kann bei empfindlichen Leuten Asthma, Allergien oder Migräne hervorrufen. Wissenschafter bringen es in Verbindung mit Alzheimer und dem Aufmerksamkeitssyndrom. In manchen Ländern ist Glutamat verboten worden. Hierzulande geht man gelassener mit dem inkriminierten E 621 um. Ernährungsfachleute weisen darauf hin, dass verschiedene Lebensmittel natürliches Glutamat enthalten, besonders Parmesan und Tomaten. Aber Glutamat kann süchtig machen. Das brauchte die Wissenschaft nicht erst zu beweisen, sieben Millionen verkaufte Aromat-Dosen pro Jahr alleine in der Schweiz sind Beweis genug. Gemäss Konsumentenforschung können 96 Prozent unserer Landesbevölkerung etwas mit dem Namen Aromat anfangen, tatsächlich im Gewürzschrank zu finden ist es in 28,8 Prozent der Schweizer Haushalte.

Kein bräunliche Verfärbung

Entstanden ist das Aromat in direkter Konkurrenz zur braunen Flüssigwürze von Maggi, die seit 1889 den Markt dominierte. Knorr lancierte Aromat 1952 zuerst als Würfel unter den Namen «Knorr Pflanzenextrakt», ein Jahr später in Pulverform. Die Verkaufsargumente zielten unverblümt auf die Vorteile gegenüber dem Maggi-Produkt ab: «Frei von Fabrikgeschmack, keine bräunliche Verfärbung der Speisen mehr.» Die Schweizer Hausfrauen – im Rausch des wachsenden Wohlstandes jede Neuerung freudig begrüssend – verliebten sich schnell in die gelbe Streuwürze.

Ein heimliches Vergnügen

Die Zeiten aber, als in jedem Schweizer Restaurant das Dreigestirn aus Maggi, Aromat und Zahnstocher die Tische zierte, sind vorbei. Heute importiert man lieber teures Himalajasalz, würzt mit Rosenpfeffer, schmeckt mit Kurkuma und Koriander ab. Zumindest, wenn man Gäste im Haus hat. Zumindest, wenn es darum geht, zu zeigen, dass man nicht von gestern ist. Aber wenn man dann abends alleine vor der Glotze sitzt, eine im Feuilleton nicht erwähnenswerte Sendung guckt und dazu Hörnlisalat verdrückt, dann ist es ein Moment kindlichen Glücks, wenn man still und heimlich zur Aromat-Dose greift.

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