Gerangel vor dem Rampenlicht

Heutige Theaterbesucher werden mit opulentem Scheinwerferlicht verwöhnt. Vor der Erfindung des elektrischen Lichts lebten die Schauspieler gefährlich – mit Kerzen, Öl- und später Gaslampen, und häufigen Theaterbränden.

Hansruedi Kugler
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Anschauliches Rampenlicht in Adolph von Menzels Gemälde «Theatre du Gymnase» aus dem Jahr 1856. (Bild: getty/DeAgostini)

Anschauliches Rampenlicht in Adolph von Menzels Gemälde «Theatre du Gymnase» aus dem Jahr 1856. (Bild: getty/DeAgostini)

500 Kerzen für die Bühne, 300 im Zuschauerraum – die Eröffnung des Wiener Hofburgtheaters im Jahr 1741 war ein pompöses Fest und das Publikum begeistert von der Lichterpracht. Heutige Theaterbesucher wären aber von diesem Luxustheater wohl schnell gelangweilt: das Bühnenlicht war statisch und trotz vielen, teuren Kerzen nur halbdunkel, das Gespräch mit den Sitznachbarn war im hellen Zuschauerraum oft wichtiger als das Bühnengeschehen – und wenn man Pech hatte, tropfte zu alledem vom Kronleuchter noch Kerzenwachs auf die Zuschauerschultern. Aber welch Luxus: Man sass zumindest unter Dach. Denn noch bis ins 16. Jahrhundert wurden Theateraufführungen bei Naturlicht und meist unter freiem Himmel gespielt. Die alten Griechen spielten ihre Tragödien und Komödien von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – und setzten die Götterwelt so ins klare Tageslicht. Noch in Shakespeares nicht überdachtem Globe Theatre in London war man um 1600 bedacht, die Vorstellungen zeitig vor Sonnenuntergang zu beenden: Schliesslich wollten die Zuschauer noch bei Tageslicht sicher nach Hause kommen. Die Autoren waren aber einfallsreich: Um dem Zuschauer klar zu machen, dass im Stück Nacht ist, tragen die Handwerker im «Sommernachtstraum» Lampen in den Wald, in «Macbeth» werden zum selben Zweck Kerzen angezündet.

Lampenputzer am Werk

Im Theater spielt das Licht schon seit jeher eine Hauptrolle: Kerzen und Fackeln wurden im Mittelalter häufig symbolisch eingesetzt: Als Zeichen von Reinheit und Göttlichkeit, beim Auslöschen hingegen als Zeichen von Gefahr oder Tod. Gemäss Theaterwissenschafter Wolfgang Greisenegger hat der Bau von Theaterhäusern in der frühen Neuzeit einen «Wandel von der Symbolfunktion zur illusionstragenden Funktion des Lichtes» ausgelöst. Mit der blossen Helligkeit wollte man sich nicht begnügen. Bühnenbilder mit aufgemalten Lampen oder Sonnenaufgängen sollten Landschaften und Innenräume zeigen, Kerzen und Öllampen die passenden Stimmungen erzeugen. 288 Fackeln brannten zum Beispiel 1585 im Florenzer Uffizientheater bei «L'Amico fido». Kerzen hatten zudem einen grossen Nachteil: Man musste sie ständig pflegen und warten. So waren denn in den Zwischenakten der Aufführungen Lampenputzer am Werk, welche die Dochte zu kürzen und abgebrannte Kerzen zu ersetzen hatten. Der Aufwand war enorm. Auch wenn mit Reflektoren und farbigen Gläsern Stimmungen erzeugt wurden, sah dies alles in der Bühnenpraxis nach heutigen Massstäben kläglich aus: In reichen Theatern hing an der Decke ein Kronleuchter, dessen Licht aber kaum bis zu den Darstellern reichte. Das Bühnenbild war im Hintergrund und an den beiden Seiten mit Kerzen oder Öllampen versehen. Für Effekte, zum Beispiel Geistererscheinungen, wurden mit Blech beschlagene Kästen benutzt. Dem Publikum bot sich die Guckkastenbühne als Lichtrahmen dar. Die Schauspieler, die hätten beleuchtet werden sollen, standen hingegen im Halbdunkel.

Kampf um Aufmerksamkeit

Die Lösung hiess bereits im frühen 16. Jahrhundert: Rampenlicht. Die Kerzen oder Öllampen wurden in einer Reihe am vorderen Bühnenboden aufgestellt und von Holzlatten gegen den Zuschauersaal abgedeckt. Das Rampenlicht beleuchtete nur einen Streifen am Bühnenrand, weshalb es oft zu einem regelrechten Gedränge kam: Die Schauspieler mussten um einen Platz im Licht kämpfen, um gesehen zu werden. Das Licht von unten wirkte unnatürlich, die Beine wurden heller beleuchtet als die Gesichter, die sich aufgrund der vielen Schatten zu Fratzen verzerrten. Das Geschehen auf der Bühne wirkte dadurch unnatürlich. Zum Konkurrenzkampf kam noch eine weitere Gefahr: Ständig drohten die Kostüme zu entflammen. Aber das Rampenlicht blieb bis ins späte 19. Jahrhundert die wirkungsvollste Lichtquelle. So wurden etwa beim Bau des Festspielhauses Bayreuth (1872 bis 1976) an der Rampe 80 Ölbrenner installiert, die im Abstand von 20 Zentimetern abwechselnd weisses und farbiges Licht von sich gaben.

1818 wurde im Covent Garden in London zum ersten Mal Gasbeleuchtung eingesetzt. Das Gas wurde durch Kupferrohre und Schläuche an die richtige Stelle gebracht. Diese Beleuchtung war lichtstärker und wurde bis 1900 die dominierende Beleuchtung. Die Kehrseite: Etliche Zuschauer in oberen Rängen fielen in Ohnmacht, weil die Gaslampen viel Sauerstoff brauchten. Und zwischen 1841 und 1888 brannten in Europa 356 Theater nieder.

Nur die Notbeleuchtung bleibt

Heute folgen bewegliche Scheinwerfer den Darstellern in jeden Winkel, Lichtdesigner kreieren Scheinwelten. Das Licht auf der Bühne bleibt als Bedeutungsträger umstritten. Bertolt Brecht etwa verabscheute die Stimmungsmacherei. Das Rampenlicht war für ihn Anlass zur Sozialkritik: «Denn die einen stehn im Lichte, und die anderen, die sieht man nicht», heisst es in der Dreigroschenoper. Ein Licht aber brennt in jedem Theater jederzeit: die Notbeleuchtung. Daran biss sich auch Thomas Bernhard die Zähne aus, der an den Salzburger Festspielen bei der Premiere von «Der Ignorant und der Wahnsinnige» 1972 am Schluss des Stücks diese abschalten wollte – als Zeichen totaler existenzieller Düsternis.

Wolfgang Greisenegger, Tadeusz Krzeszowiak (hg): Schein werfen. Theater. Licht. Technik. Christian Brandstätter Verlag 2008.