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GEOGRAFIE: Die Welt im Schulzimmer

Der «Schweizer Weltatlas» begleitet die Schüler seit 1910. Die gestern vorgestellte Neuauflage besteht aus 430 Karten auf 256 Seiten und ist auf den Lehrplan 21 abgestimmt.
Bruno Knellwolf
Geografie-Lektion mit dem neuen «Schweizer Weltatlas» im Schulhaus Leutschenbach in Zürich. (Bild: Kn.)

Geografie-Lektion mit dem neuen «Schweizer Weltatlas» im Schulhaus Leutschenbach in Zürich. (Bild: Kn.)

Bruno Knellwolf

bruno.knellwolf

@tagblatt.ch

Die Schüler der 1. Sekundarstufe im Schulhaus Leutschenbach in Zürich sind etwas nervös. Im Schulzimmer scharen sich in ihrem Rücken dicht gedrängt TV-Teams, Journalisten, Professoren und Politiker. Ihre Klasse ist schweizweit die erste, welche eine Geografie-Lektion mit dem neuen «Schweizer Weltatlas» ­erhält, der gestern vorgestellt worden ist. Zuvor hat Beat Schaller, Verlagsleiter des Lehrmittelverlags Zürich, alle Covers des erstmals im Jahr 1910 erschienenen «Schweizer Weltatlas» an die Wand projiziert. Und diese Covers mit dem Globus drauf, man kennt sie einfach. Der «Schweizer Weltatlas» ist eine Institution, die uns von Kinds­beinen an begleitet hat. «Damit habe ich erstmals in der Schule die Welt erkundet. Ich konnte zum ersten Mal auf Reisen gehen», sagt die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Silvia Steiner. Der «Schweizer Weltatlas» sei ein Symbol für die kulturelle Vielfalt der Schweiz, auf die in diesem Weltatlas speziell eingegangen werde. Die neue völlig überarbeitete Version sei nun das erste Geografie-Lehrmittel, das dem neuen Lehrplan 21 entspreche, der im August in vielen Kantonen eingeführt wird.

Chefredaktor des neuen «Schweizer Weltatlas» ist Lorenz Hurni, Professor am Institut für Kartografie und Geoinformatik der ETH Zürich. Er erklärt, warum es überhaupt einen neuen Weltatlas braucht. Die Karten und Inhalte in der letzten Ausgabe aus dem Jahr 2002 seien oft gedrängt, verschachtelt, komplex und zum Teil veraltet. Die Abfolge der Karten sei oft unlogisch und dessen interaktive Version zu nahe am gedruckten Atlas.

Deshalb habe man nun innerhalb von fünf Jahren einen neuen Weltatlas geschaffen, in dem die Karten das Hauptmedium seien, nicht Bilder und Schrift. Gestern aufgeschaltet wurde eine begleitende Webseite zum Weltatlas, auf der Kommentare, Materialien und Tools zum gedruckten Atlas zu finden sind. Zudem sei der von den Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) herausgegebene Atlas auf den Lehrplan 21 abgestimmt worden wie auch auf Maturitätsschulen und Fachmittelschulen. Dafür musste Hurnis Redaktionsteam eine Unmenge an Daten verarbeiten. «Vieles hat sich seit der letzten Ausgabe verändert. Es gibt viel mehr Millionenstädte. Der Weltatlas macht den Bevölkerungswandel, die Besiedlungsdichte sichtbar», sagt Hurni. «Zum Beispiel haben wir auch den Arabischen Frühling berücksichtigt oder die Öffnung Kubas, die jetzt ja schon wieder gefährdet ist.» Da dürfe man als Atlasmacher nicht auf Modetrends hereinfallen.

Generell geht der «Schweizer Weltatlas» vom Grossen ins Kleine. Zeigt zum Beispiel die ganze Schweiz, zoomt näher auf Städte und vergleicht diese, mit ihrer Grösse vor 150 Jahren. «Wichtig sind die Wirtschaftskarten», sagt ETH-Professor Hurni. Zu sehen ist die Wirtschaftskraft der ­verschiedenen Städte. «Da sieht man, dass es in ganz Afrika nur vier wirtschaftskräftige Städte gibt. Und die haben erst noch nur eine Kraft wie eine der vielen mittleren europäischen Städte.» Auf einen Blick ist zu erkennen, dass London viel die grössere Flächenausdehnung hat als Moskau.

All das und viel mehr sieht man ohne einen einzigen Klick, wenn man durch das schöne Buch mit seinen 256 farbigen Seiten blättert. Warum er denn noch einen Atlas in Buchform erstellt habe in Zeiten von Wikipedia, wird Hurni gefragt. «Das Buch ist als Basisprodukt die übersichtlichste Form», sagt Hurni. Ein Buch sei das beständigste Medium und halte sich länger als digitale Daten, begleite einen Menschen durch die ganze Schulzeit und könne auch zu Hause privat weiterverwendet werden. «Das Buch bleibt eine einmalige haptische Erfahrung. Der Atlas ist ein didaktisch aufbereitetes Lehr­mittel und keine Suchabfrage auf Google Maps, welche die nächste Pizzeria anzeigt», sagt Hurni.

Im Schulunterricht ist zu sehen, dass die analoge und digitale Welt zusammenkommen. Auf dem Schreibtisch wird im Atlas geblättert, und gleichzeitig rufen die Schüler Tools zum Thema auf der Webseite ab. Das ganz im Sinne des neuen Lehrplans 21, nach dem nicht mehr Faktenwissen gebüffelt wird, sondern Kompetenzen zu einem Thema erworben werden. «Die Schüler müssen Kartenkompetenz erhalten. Sie lernen, Karten selber erstellen und kritisch bewerten zu können», sagt Lehrer Fässler. Zum Beispiel, um den Einfluss des Menschen auf die Lebensräume zu erkennen.

Auch in diesem Atlas konnte ein Problem der Kartografie nicht ganz gelöst werden. Kartenprojektionen sind nie flächentreu. Eigentlich gebe es keine falsche oder richtige Projektion, das sei eine Frage der Perspektive. Auch das ist im neuen «Schweizer Weltatlas» zu sehen. Die Erde sei sowieso kein runder Globus, sondern eher eine Kartoffel.

Schweizer Weltatlas, Lehrmittelverlag Zürich, Schulpreis Fr. 51.–, Listenpreis Fr. 63.80

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