GELENKENTZÜNDUNG: Wenn Bewegung schwerfällt

Betroffen sind Finger- und Fussgelenke, Schultern und Knie. Die rheumatoide Arthritis ist nicht heil-, aber behandelbar. Am Kantonsspital St. Gallen läuft eine Studie dazu.

Andreas Lorenz-Meyer
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Bei Arthritis entzündet sich die Gelenkinnenhaut, bei Arthrose nutzt sich der Gelenkknorpel ab. (Bild: Getty)

Bei Arthritis entzündet sich die Gelenkinnenhaut, bei Arthrose nutzt sich der Gelenkknorpel ab. (Bild: Getty)

Andreas Lorenz-Meyer

focus@tagblatt.ch

Jedes unserer Gelenke umgibt eine Kapsel, deren Innenhaut eine Flüssigkeit absondert, die Gelenkschmiere. Bei einer rheumatoiden Arthritis, kurz RA genannt, entzündet sich die Gelenkinnenhaut. Das verursacht chronische Schmerzen, Schwellungen, Ergüsse. Diese Arthritis, auch chronische Polyarthritis genannt, trifft bevorzugt die kleinen Finger- und Fussgelenke, sehr häufig auch Schultern und Knie.

Es gibt keine statistischen Erhebungen zur Häufigkeit der Erkrankung hierzulande. Man schätzt aber, dass etwa ein Prozent der Weltbevölkerung betroffen ist. In der Schweiz dürften es rund 70000 sein. «Wahrscheinlich steigt die Zahl Erkrankter», sagt Johannes von Kempis, Leiter der Klinik für Rheumatologie am Kantonsspital St. Gallen. Gründe dafür: die zunehmende Lebenserwartung und verbesserte Behandlungsmöglichkeiten. Die Patienten werden mit ihrer Erkrankung älter als früher.

Ursachen sind unbekannt

Rheumatoide Arthritis entsteht durch eine Fehlfunktion des Immunsystems. Die genauen Ursachen sind nach wie vor unbekannt. Neuere Untersuchungen weisen darauf hin, dass bestimmte Umweltfaktoren, zu denen Rauchen und Zahnfleischentzündungen zählen, in einer empfindlichen Phase, in der es sich entscheidet, ob die Erkrankung entsteht oder nicht, zur Entstehung beitragen. Viele Faktoren sind imZusammenspiel verschiedener Immunzellen, etwa der T- und B-Lymphozyten, daran beteiligt, dass es zu der chronischen Entzündungsreaktion kommt, erklärt von Kempis. «Diese Reaktion führt dazu, dass Zellen des Immunsystems die Gelenke angreifen, die sie normalerweise gar nicht als Ziel erkennen würden.»

Bei der Behandlung stehen Medikamente im Vordergrund, die ins Immunsystem eingreifen und die chronische Entzündung reduzieren. Sie nennen sich «Krankheitsverändernde antirheumatische Medikamente» (DMARD). Es gibt zwei DMARD-Gruppen: die synthetischen, also pharmazeutisch-chemisch hergestellten, und die biologischen oder Biologika. Je nach Verlauf der Erkrankung können oder müssen Vertreter beider Gruppen miteinander kombiniert werden.

Biologika sind Antikörper oder sehr ähnliche Eiweisse, aus tierischen oder pflanzlichen Organismen hergestellt. Das Kantonsspital St. Gallen arbeitet im grösseren Rahmen seit gut 15 Jahren damit. Biologika sind unverzichtbar in der Therapie, stellt von Kempis fest. Sie erkennen bestimmte Entzündungsbotenstoffe oder Zelloberflächenbestandteile und schalten sie aus. Bei früher Anwendung werden die Patienten in der grossen Mehrheit der Fälle dadurch beschwerdearm oder sogar beschwerdefrei. Gelenkschäden lassen sich vermeiden.

Lebenslange Therapie notwendig

Neben Medikamenteneinnahme braucht es weitere Massnahmen. Erstens die Aufklärung des Patienten über die Erkrankung, die lebenslange Therapie erfordert, weil sie bislang nicht heilbar ist. Zweitens die Aufrechterhaltung der Gelenkbeweglichkeit durch Physiotherapie und allgemeine Bewegung. Die Rheumaliga Thurgau bietet unter anderem in Weinfelden, Kreuzlingen und Diessenhofen für rheumatoide Arthritis geeignete Wassergymnastik-Kurse an.

Drittens kann eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Fisch und ungesättigten Fettsäuren dazu beitragen, die Erkrankung zumindest ruhig zu halten. Vorsicht ist bei Früchten angeraten. Einige enthalten viel Fruktose, die bei rheumatoider Arthritis negative Effekte haben kann. Leider, sagt Johannes von Kempis, sei der Faktor Ernährung bisher nicht systematisch untersucht worden.

Momentan läuft an sieben Schweizer Instituten, unter anderem am Kantonsspital St. Gallen, eine Studie zu erstgradig Verwandten, also Kindern, Geschwistern oder Eltern von Arthritis-Patienten. Sie tragen ein ­erhöhtes Erkrankungsrisiko, vermutlich ein höheres als weiter entfernte Verwandte. Wie hoch genau das Risiko ist, soll die Studie klären. Schweizweit wurden bisher rund 1500 Personen getestet, davon 250 in St. Gallen. Teilnehmer mit bestimmten Autoantikörpern (Rheumafaktoren) weisen ein höheres Erkrankungsrisiko auf als diejenigen ohne Autoantikörper.

Zwei Personen entwickelten tatsächlich eine Rheumatoide Arthritis. Die abschliessenden Ergebnisse liegen noch nicht vor, es gibt aber bereits interessante Erkenntnisse. Die Zahl der Zähne etwa, die auf abgelaufene Zahnfleischentzündungen und Karies hinweist. «Je weniger Zähne jemand hat, desto wahrscheinlicher gibt es Autoantikörper, die wiederum mit einem höheren Risiko für die Entwicklung einer Arthritis verbunden sind», erklärt von Kempis.

Nicht mit Arthritis verwechseln sollte man eine andere rheumatische Erkrankung: Arthrose. Hier geht es um Abnutzungserscheinungen an den Gelenkknorpeln. Die ersten Anzeichen sind dumpfe oder stechende Schmerzen bei Bewegung oder Belastung des Gelenks. In Ruhestellung treten, anders als bei der Arthritis, keine Schmerzen auf. Beim Entstehen der Arthrose scheint neben genetischen Faktoren auch der Lebensstil eine grössere Rolle zu spielen, sagt von Kempis. Übergewicht und Bewegungsmangel fördern die Krankheit. Die Arthrose ist eine verbreitete Begleiterscheinung des Alterns, insgesamt leiden knapp 10 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen über 60 Jahre darunter.

Knorpelabbau bei Arthrose bremsen

Medikamente lindern den Schmerz, haben aber manchmal auch Nebenwirkungen. Nicht-steroidale Antirheumatika können Magen und Darm angreifen. Mittlerweile werden Knorpelsubstanzen wie Chondroitinsulfat therapeutisch eingesetzt. Sie sollen den Knorpelabbau bremsen. Neben der medikamentösen Therapie braucht es Bewegung. Allerdings die richtige. Das angegriffene Gelenk darf nicht strapaziert werden. In Physio- oder Ergotherapie lernen Betroffene, es korrekt zu belasten.