Geier und ihr Kainismus

Warum?

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Vor gut 100 Jahren ist der Bartgeier ausgerottet worden. Einige wenige überlebten in den Pyrenäen, auf Korsika und Kreta. Der Bartgeier fiel schwachsinnigen Fake News zum Opfer, wurde doch behauptet, er sei gefährlich für Lämmer, Ziegen und sogar Kinder. Der letzte Schweizer Bartgeier wurde 1887 im Wallis (wo sonst?) vergiftet. Europas letzter Bartgeier wurde 1913 im italienischen Aostatal geschossen.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in der Schweiz aber Bestrebungen, den aasfressenden Bartgeier wieder anzusiedeln. Es dauerte bis 1978, bis Wissenschafter, Zoofachleute und Naturschützer das Ziel in Angriff nahmen, in den Alpen eine Metapopulation aufzubauen. Zuerst galt es, Fragen der Zucht zu lösen. Denn bei Bartgeiern gehört der Kainismus zum instinktiven Verhalten. Ein Bartgeierpaar kann wegen der aufwendigen Nahrungssuche maximal ein Jungtier pro Jahr aufziehen, obwohl meist zwei Eier gelegt werden. Das zweite Ei dient nur als biologische Reserve für den Fall, dass das erste unbefruchtet ist oder das ältere Küken die ersten Tage nicht überlebt. Überleben beide Küken, tötet das Erstgeborene das jüngere Küken. Um bei der Zucht solchen Kainismus zu verhindern, wird das zweite Ei in einen Brutkasten gelegt. In Zoos und Zuchtzentren konnten so bis heute 491 Jungvögel aufgezogen werden. 210 Tiere wurden in den Alpen, 60 im übrigen Europa ausgewildert.

Bruno Knellwolf