Geheime Höhlen

Seesicht Bei Überlingen gibt es Heidenlöcher, die verschwunden sind, und Kapellen, die schwimmen können. Gallus soll hier sogar ein Wunder vollbracht haben. Cathrin Michael

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Wo Wasser, Wälder und Gestein zusammenkommen, entstehen Geschichten. Eine besondere ereignete sich bei unseren Nachbarn am anderen Seeufer. «Überlingen ist wie ein Schweizer Käse», sagt der Stadtführer Thomas Hirthe und lacht. In und um Überlingen gibt es mehrere Höhlen. Sie sind in die sogenannte obere Meeresmolasse gebaut, eine bis zu 200 Meter dicke Sandsteinschicht, die vor 20 bis 30 Millionen Jahren entstanden ist. Diese zieht sich von Wien bis Lyon. In der Region Überlingen liegt sie ganz frei. Das sei weltweit einmalig, sagt Hirthe.

Der 58-Jährige aus Überlingen blickt auf die Fotografien der Goldbacher Heidenhöhlen. Sie hängen im Überlinger Museum. In die Stille hinein sagt Hirthe: «Es ist ein Skandal.» Die aktuelle Ausstellung zum Thema ist fast das einzige, was von den zwei geheimnisvollen Höhlen geblieben ist. «Als Heidenhöhlen beschrieben die Menschen künstliche Höhlen, von denen sie nicht wussten, wann und von wem sie gebaut wurden», sagt er. «Heidnisch ist aber der falsche Begriff, denn es sind mittelalterliche Höhlen. Darin haben auch Christen gewohnt.»

Höhlen waren früher Highlight

Fast acht Meter über dem Bodensee waren sie in den Sandstein gehauen, zwei miteinander verbundene Höhlen, direkt am Ufer, beim westlichen Ortsausgang von Überlingen. Aus ihren Fenstern muss man über den ganzen See geblickt haben. Hunderte Jahre haben die Höhlen überdauert – 1960 hat man sie endgültig zerstört. Es brauchte Platz für eine breite Strasse. «Davor hat kein einziger Archäologe den Bestand der Höhlen aufgenommen und dokumentiert.» Hirthe schüttelt den Kopf, zu unbegreiflich ist für ihn die Geschichte. Dokumentiert haben die Höhlen einzig Künstler und Fotografen. Um 1820 wurde der Bodensee bei den Touristen beliebt, die Goldbacher Höhlen galten als Highlight. Reiseführer aus dieser Zeit mit grafischen Ansichten zeugen davon.

Doch was passierte in den Höhlen? «Die neueste Forschung geht davon aus, dass sie ursprünglich als Burg gedient haben», sagt Hirthe. Der Vogt der Abtei Reichenau habe um das Jahr 1100 darin gewohnt. Die Lage direkt am See sei zudem optimal gewesen für die Verteidigung in einer Zeit, wo es noch keine Feuerwaffen gab, sondern wo man mit Steinschleudern und Pfeil und Bogen gekämpft hat. Ab dem 17. Jahrhundert gibt es gesicherte Quellen, die besagen, dass die Höhlen allen möglichen Menschen Zuschlupf gewährt haben. Auf dem Felsvorsprung haben die Menschen winzige Gärten angepflanzt.

Sogar als Altersheim soll man die Höhlen genutzt haben. Man erzählt sich die Geschichte vom blinden Schneider, dem alten Schmied und dem Goldbacher Mausfänger, die dort gratis leben durften.

Fischer verraten Räuber

Eine andere Geschichte erzählt vom kleinen Fidele. Der Räuber soll in der Umgebung sein Unwesen getrieben haben, der Polizei ist er immer entwischt. Einmal, da sahen die Fischer von ihren Booten aus Rauch aus einer der Höhlen aufsteigen und ein Gesicht, das sich rasch vom Fenster entfernte. Sie alarmierten die Polizei und die konnte den Räuber tatsächlich in den Höhlen festnehmen. Danach brachen die Menschen die Treppen ab, die steil zu den Höhlen führten – Hauptsache, das Gesinde blieb fern.

Ein Roman verhalf den Höhlen zu nachhaltigem Ruhm: Der deutsche Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel veröffentlichte 1855 den Roman «Ekkehard», der auf der Lebensgeschichte des St. Galler Mönchs Ekkehard II. beruht. Einen Teil des Buches hatte er im appenzellischen Wildkirchli geschrieben. Im 11. Kapitel des Buches kommt der St. Galler Mönch in die Goldbacher Heidenhöhlen, wohin ihn die schwäbische Herzogin Hadwig geschickt hat, um deren Beziehung zu Ekkehard sich viele Legenden ranken. Der Roman erschien, als nur noch ein Teil der Höhlen erhalten war, denn 1846 ging bereits der Strassenbau los – die Höhlen verschwanden Stück für Stück.

So viele Geschichten es zu den Höhlen gibt, so gross ist die Ernüchterung, wenn man vor dem Felsen steht, wie er heute aussieht: Eine abgeflachte, abgesägte Felswand, ein Loch sieht man noch, es ist verwachsen, der Zutritt unmöglich und verboten. Der weitaus grösste Teil der Höhlen wurde zerstört. 1960 waren die Höhlen so verrottet und baufällig, dass grosse Teile herunterfielen und die Sicherheit für die Menschen nicht mehr gewährleistet war. Also musste auch der letzte Teil der Höhlen weg. Heute führen eine Eisenbahnlinie und eine breite Strasse daran vorbei. «Dass die Goldbacher Heidenhöhlen heute nicht mehr existieren, macht wohl ihr Mysterium aus», sagt Hirthe.

Apostel schrumpft im Wasser

Die Tour durch Überlingen führt weiter zum Münster St. Nikolaus, dem grössten gotischen Kirchenbau am Bodensee. Auf dem Platz davor sitzen Touristen im Schatten und schlecken Gelati. Kaum hat Thomas Hirthe auf einer Kirchenbank Platz genommen, zeigt er auf die Apostelfiguren und beginnt zu flüstern. Im 17. Jahrhundert seien die Figuren so dreckig gewesen, dass man sie dringend reinigen musste. Geld war keines vorhanden, also legte man die Figuren kurzerhand in den Bodensee. Als man sie herausnahm, waren sie sauber – nur Jakobus kam geschrumpft raus. «Darum ist Jakobus kleiner als alle anderen.» Hirthe kann sein Lachen kaum noch unterdrücken. Schnell raus aus dem Münster.

Davor liegt die nächste Geschichte, quasi auf der Strasse, denn gleich neben dem Münster steht die Ölbergkapelle. Und die, so die Sage, kann schwimmen. Als Konstanz reformiert wurde, floh der Abt aus Konstanz über den See. Die Kapelle sei ihm gefolgt und über den Bodensee geschwommen. Dinge, die über den See schwimmen, die eigentlich nicht schwimmen können, sind ein beliebtes Thema in der Sagenwelt.

Ochsen schwimmen über See

Eine andere Geschichte hat sich etwas ausserhalb von Überlingen abgespielt. Dort soll ein Bauer auf einem hervorstehenden Felsen sein Feld bearbeitet haben. Seine Tochter steuerte den Wagen mit den Ochsen. Auf einmal, da seien die Ochsen von Bremsen angegriffen worden und hätten daraufhin verrückt gespielt. Sie stürzten mitsamt dem Mädchen von dem Felsen die Schlucht hinunter ins Wasser. Der Bauer, der dieser Tragödie machtlos zusehen musste, betete: «Wenn mein Mädchen und die Ochsen überleben, baue ich der heiligen Katharina eine Kapelle.» Auf einmal sah er, wie die Ochsen im See schwammen, hinter sich zogen sie den Wagen und das Mädchen her. Sie erreichten das gegenüberliegende Ufer unversehrt. Dort liess der Bauer dann die St. Katharinenkapelle erbauen. Sie wurde im Laufe der Geschichte wieder zerstört. Den Felsvorsprung, den Katharinenfelsen, sieht man noch heute.

Gallus heilt junge Frau

Sogar ein St. Galler soll in Überlingen Unglaubliches vollbracht haben: Gallus reiste im Jahr 612 von Arbon über den See. Der alemannische Herzog Gunzo hatte ihn gerufen. Gallus sollte dessen Tochter von bösen Geistern heilen. Zu seinen Ehren wurde das Gallerkloster gebaut. Heute steht da der Gallerturm, hoch über dem Gallergraben. Man blickt von dort über die ganze Stadt.

Die Sonne sticht vom Himmel, die Kleider kleben am Körper. Wie sehr sehnt man sich in solchen Momenten nach den Höhlen. «Es gibt eine mitten in der Stadt, die wir besichtigen können», sagt Hirthe überraschend. Im Stadtgarten liegt sie, ein bisschen versteckt hinter den Blumen und den Büschen. Der rechte Teil der Höhle steht knöcheltief im Wasser, keine Überschwemmung, man kann dort kneippen. Der Eingang zum grösseren Teil der Höhle ist versteckt. Nur zwei Besucher stehen darin. Sie sehen aus, als wären sie eher zufällig da reingeraten. Drinnen ist es kühl und ein bisschen feucht. Durch ein Loch in der Mauer scheint die Sonne, sie taucht die Höhle in rauchiges Licht. Am Boden hat es eine Feuerstelle, nachgemacht, nicht original. «So könnte es in den Heidenlöchern ausgesehen haben», sagt Hirthe. «Hier drin haben wir es endlich, das Höhlengefühl», sagt er und lacht laut auf.

Die Höhlen bleiben für die Überlinger etwas Besonderes – gerade weil sich so viele Geschichten um sie ranken.

Legende (Bild:)

Legende (Bild:)

Blick auf die Heidenhöhlen: Oben ein Stahlstich von Konrad Corradi, entstanden um 1845, unten links die Felswand wie sie heute aussieht und rechts der Gallerturm, der zu Ehren von Gallus gebaut wurde. (Bilder: pd/cmi)

Blick auf die Heidenhöhlen: Oben ein Stahlstich von Konrad Corradi, entstanden um 1845, unten links die Felswand wie sie heute aussieht und rechts der Gallerturm, der zu Ehren von Gallus gebaut wurde. (Bilder: pd/cmi)

Thomas Hirthe, 58, Stadtführer und PR-Manager. (Bild: pd)

Thomas Hirthe, 58, Stadtführer und PR-Manager. (Bild: pd)

Ekkehard aus St. Gallen (links) trifft den unbekannten Alten in der Heidenhöhle (Illustration aus Victor von Scheffels Roman «Ekkehard»). (Bild: pd)

Ekkehard aus St. Gallen (links) trifft den unbekannten Alten in der Heidenhöhle (Illustration aus Victor von Scheffels Roman «Ekkehard»). (Bild: pd)