GEHEIMCODES: Jefferson hätte seine Tweets verschlüsselt

Die Ursprünge der Kryptografie reichen weiter zurück, als man meint. Der dritte US-Präsident Thomas Jefferson entwickelte den ersten Chiffrierzylinder namens «wheel cipher».

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Zu den Lieblingsmedien von Donald Trump gehört der Kurznachrichtendienst Twitter. Schon am frühen Morgen twittert der US-Präsident, der nach eigenen Angaben mit nur vier Stunden Schlaf auskommt, von seinem privaten Account Botschaften in die Welt. Trumps Twitter-Politik macht nicht nur Unternehmen und politische Gegner nervös, sondern auch seine Berater. Wie sicher ist Trumps Twitter-Account? Als der Immobilien-Tycoon den Dienst noch privat nutzte, war das seine Sache. Doch inzwischen ist der Mann US-Präsident. Und der ­Account Gegenstand nationaler Sicherheit.

Das Online-Magazin «Buzz­feed» schlug jüngst Alarm: Trumps Twitter-Account sei «erschreckend unsicher». Twitter habe keine speziellen Sicherheitsvorkehrungen für den gefährdeten Account getroffen. Zwar wurde Trump ein verschlüsseltes und abhörsicheres Spezialgerät zur Verfügung gestellt, das aber funktional stark eingeschränkt ist: Es besitzt keine Twitter-App. Trump greift daher weiter auf sein privates Smartphone zurück, wahrscheinlich und ganz unpatriotisch ein Samsung Galaxy, das in Sachen Software allerdings nicht auf dem aktuellsten Stand ist. Der Kongress verlangte eine Erklärung, ob er weiter das unsichere Gerät nutze. Trumps Twitterei wird zum Sicherheitsrisiko.

Thomas Jefferson war im 18. Jahrhundert schon einen Schritt voraus. Der Gründervater und dritte Präsident der USA entwickelte einen Chiffrierzylinder namens «wheel cypher», einer der ersten Kryptografie-Maschinen. Das Gerät besteht aus aneinander gereihten, auf einen Stab aufgesetzten Holz-oder Metallscheiben, an deren Ränder permutierte Alphabete eingraviert sind, das heisst Alphabete in willkürlicher Buchstabenfolge.

Ein Zauberwürfel in Zylinderform

Hat man 30 Scheiben zur Verfügung, so beschreibt es Reinhard Wobst in seinem Buch «Abenteuer Kryptologie: Methoden, Risiken und Nutzen der Datenverschlüsselung», dreht man diese so gegeneinander, dass in einer Zelle 30 Zeichen eingestellt sind. Den Geheimtext liest man in einer Zeile darüber ab. Der Dechiffrierer stellt 30 Geheimtextzeichen auf dem Zylinder ein und generiert den Klartext in einer anderen Zeile. Zum Beispiel ergibt die Buchstabenkombination DJVU das Wort vier in einer anderen Zeile. Man kann es sich wie einen Zauberwürfel vorstellen, nur in Zylinderform und viel komplexer: Bei 30 Scheiben gibt es rund 260 Quintillionen Möglichkeiten, eine Zahl mit 31 Nullen. Der Schlüssel liegt in der Anordnung der Scheiben.

Selbst wenn dem Feind die Kryptografie-Maschine in die Hände fällt, ist es für ihn theoretisch unmöglich, eine so grosse Anzahl von Kombinationsmöglichkeiten auszuprobieren. Praktisch würde ein Angreifer jedoch nach Schleifspuren an den Innenseiten der Scheiben oder Kratzern suchen, um die richtige Reihenfolge wieder herzustellen. Kein Code, der nicht geknackt werden kann. Der Empfänger ­benötigte freilich ein Duplikat der Zylinderanordnung, sonst konnte er den Geheimtext nicht entziffern. Noch bis Mitte der 1970er-Jahre mussten diese «Schlüssel der Decodierung» den am Nachrichtenaustausch beteiligten Geheimdiensten übergeben werden. Ohne Codebücher lief früher fast nichts.

Anfänge in der Antike

Die Anfänge der Kryptografie reichen zurück in die Antike. Der römische Kaiser Gaius Julius Caesar entwickelte um 50 v. Chr. eine Verschlüsselungsmethode, bei der jeder Buchstabe des Alphabets um einen bestimmten Abstand verschoben wird. Auf Anordnung des Gegenpapstes Clemens VII. entwickelte sein Sekretär Gabrieli di Lavinde im Jahr 1397 den ersten Nomenklatur-Code, der vor allem in diplomatischen Kreisen Verbreitung fand. Dass Thomas Jefferson, mit dem historisch vor allem die Autorenschaft der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verbunden ist, in jeder Chronik der Kryptografie auftaucht und einer ihrer Pioniere ist, ist weniger bekannt. Die Jefferson-Walze, die nie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, geriet lange in Vergessenheit. Erst der Computerpionier Charles Babbage und der Mathematiker Alan Turing, der während des Zweiten Weltkriegs die Codes der deutschen Enigma-Maschine knackte, sollten das System weiterentwickeln. Chiffrierzylinder kamen sowohl bei der US Army als auch bei der Marine im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz – die Japaner konnten trotz Besitzes einiger Schieber diese Kryptografie-Maschinen nur zum Teil decodieren.

Adrian Lobe

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@tagblatt.ch