Gegen die Festungsmentalität der Kirche

Von 1962 bis 1965 dauerte das Zweite Vatikanische Konzil. Seine wichtigsten Beschlüsse lösten für eine kurze Zeit eine Aufbruchstimmung aus.

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2500 Bischöfe aus aller Welt eröffneten 1962 im Petersdom in Rom das Zweite Vatikanische Konzil. (Bild: ky/MaxPPPP)

2500 Bischöfe aus aller Welt eröffneten 1962 im Petersdom in Rom das Zweite Vatikanische Konzil. (Bild: ky/MaxPPPP)

Das Zweite Vatikanische Konzil, das Papst Johannes XXIII. im Beisein von 2500 Bischöfen aus aller Welt in Rom eröffnete, wurde damals vor 50 Jahren als eine Sensation empfunden. Fast niemand hatte damit gerechnet, dass der Papst – der korpulente Bauernsohn war 1958 als Kompromisskandidat zum Papst gewählt worden und verkörperte das krasse Gegenteil der eloquenten Kurienkardinäle – ein allgemeines Konzil einberufen würde. Zu gross war der Druck geworden, der aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen und technischen Fortschritts den Keil tiefer und tiefer zwischen moderne Welt, Gläubige und Kirche getrieben hatte.

Mit seinen wichtigsten Beschlüssen schlug das Konzil richtungsweisende neue Pfade ein: So erarbeiteten die Konzilsväter eine neue Position, die schon im Titel «Gaudium et spes» («Freude und Hoffnung») der Pastoral-Konstitution über die Kirche in der Welt von heute zum Ausdruck kommt.

Vor dem Konzil sahen die Katholiken in der modernen Welt, in der die Aufklärung, Selbstbestimmung Demokratie und Fortschritt den Takt angaben, eine Gegnerin von Kirche und Glauben. «Wichtige Themen des Konzils», unterstreicht der Theologe Otto Herrmann Pesch, «waren das Verhältnis von Rüstung, Angriffskrieg und Selbstverteidigung, eine leise Verurteilung des kommunistischen Atheismus sowie die Verbindung von wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Fortschritt mit gelebter Solidarität.» Der Text sollte – das lag Papst Johannes XXIII. besonders am Herzen – die Festungsmentalität der Kirche aufbrechen zugunsten des Gesprächs mit der Welt.

Die Kirche als Ratgeberin

Im Urteil von Theologe Pesch nahm das Konzil «in Problemanzeige und prophetischem Wort alle bis heute fortwirkenden Probleme» vorweg: «Von der Gesellschaftsstruktur bis zur Frage nach Krieg und Frieden, vom Vorrang der Arbeit vor dem Kapital bis zur Mitschuld der Kirchen am Atheismus und vom Verhältnis von Kirche und Staat.» Neu an der Pastoralkonstitution war, «dass die katholische Kirche trotz klarer Aussagen revidierbar redet». Nicht in der alten Rolle der autoritären Lehrmeisterin wandte sich die Kirche an die Menschen, sondern als mitgehende Ratgeberin. Eine weitere wesentliche Neuerung des Konzils betraf das Verständnis der Kirche selbst. Hatten die Theologen vor dem Konzil die Kirche als eine «perfekte Gesellschaft» definiert, sprachen die Konzilsväter neu von einer reformbedürftigen Kirche.

Erklärung zur Religionsfreiheit

Ein dritter Meilenstein des Konzils war die Erklärung über die Religionsfreiheit «Dignitatis humanae», die von der unwiderruflichen Menschenwürde jedes Einzelnen ausgeht und entsprechend allen Menschen das Recht zuspricht, ihre Religion frei zu wählen, selbst wenn diese Religion der katholischen Doktrin widerspricht. Damit knüpfte das Konzil an die Freiheitsgeschichte der Neuzeit an. Genau dies aber ist den traditionalistischen Anhängern der alten Doktrin – nur die Wahrheit habe ein Existenzrecht – ein Dorn im Auge.

Wie Konzilskenner Otto Herrmann Pesch betont, haben mit dieser Erklärung zur Religionsfreiheit «nicht Lehren Rechte, sondern Personen kraft ihrer unveräusserlichen Würde. Und darum wendet sich die Erklärung in eindeutiger Abkehr von der bisherigen kirchenamtlichen Position gegen jede Form von Gewissenszwang zur Bekehrung zur wahren Religion» Gleichwohl hielt das Konzil aber daran fest, dass die einzig wahre Religion verwirklicht sei «in der katholischen, apostolischen Kirche» Wolf Südbeck-Baur

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